Jan Geis spricht über Dinge, für die es im Schulalltag oft keinen Raum gibt. Über Vertrauen, über Nähe und Distanz, über Jugendliche, die jemanden brauchen, der zuhört, ohne zu bewerten. Seit September arbeitet der 24-Jährige als Schulsozialarbeiter an den IB Beruflichen Schulen Ulm. Gleichzeitig erreicht er mit kurzen Videos auf Instagram als „herrgeis“ inzwischen mehrere tausend Menschen – um einen Beruf sichtbar zu machen, der häufig missverstanden wird.
Die Berufsschüler in Ulm sind zwischen 15 und 21 Jahre alt
Dass er einmal an einer Schule arbeiten würde, war fast naheliegend, auch wenn er ursprünglich Polizist oder Profifußballer werden wollte. Geis spielte früher beim SSV Ulm, FC Augsburg und FC Heidenheim. Seine Gegner waren unter anderem Musiala, Stiller, Moukoko oder Zirkzee. „In meiner Familie sind aber alle Lehrer“, erzählt er lachend. Trotzdem entschied er sich bewusst gegen den klassischen Weg. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr an einer Schule merkte er, dass ihm etwas fehlte.
„Mich hat nie der Unterrichtsstoff interessiert, sondern, was Jugendliche wirklich beschäftigt“, sagt er. Es sei der Moment gewesen, in dem ihm klar wurde, dass er nicht vorn stehen, sondern begleiten will. „Schule ja – Unterricht nein“, war sein Gedanke. Geis studierte in Berlin Soziale Arbeit und kehrte nach dem Studium in seine Heimat zurück. An der Ulmer Schule begleitet er Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren.
Als Schulsozialarbeiter vergibt Geis keine Noten
Die Themen, mit denen die Schüler zu ihm kommen, sind vielfältig. Es geht um Konflikte im Unterricht, familiäre Probleme, psychische Belastungen oder Zukunftsängste. Genau hier sieht Geis seine Aufgabe. „Schulsozialarbeit beginnt da, wo Unterricht seine Grenzen hat.“
Anders als Lehrkräfte vergibt er keine Noten. „Ich finde, es braucht in der Schule eine Person, die keine Noten gibt und die Schüler nicht bewertet“, sagt er. So entstehe Vertrauen – und erst dann öffneten sich Jugendliche wirklich.
Der Beruf ist auch belastend – als Ausgleich spielt der 24-Jährige Fußball im Verein
Trotzdem haften dem Beruf noch immer viele Klischees an. „Viele denken, Schulsozialarbeiter spielen den ganzen Tag Tischkicker und chillen“, sagt Geis. Die Realität sei deutlich anspruchsvoller. „Es ist kein leichter Beruf – du hörst dir ständig die Probleme anderer Menschen an“, erklärt der 24-Jährige.
Wer diesen Job langfristig machen wolle, müsse lernen, auf sich selbst zu achten. Geis setzt auf Sport als Ausgleich, Gespräche mit Familie und Freunden – und schreibt Tagebuch. Fußball spielt er weiterhin im Verein, mittlerweile beim FV Biberach. „Nur wenn du selbst gesund bist, kannst du anderen helfen“, bringt es der Sozialarbeiter auf den Punkt.
Nicht jede Schule hat einen Schulsozialarbeiter – aber eigentlich bräuchte jede einen
Der Bedarf an Schulsozialarbeit ist aus Sicht des jungen Ulmers in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. „Die Themen sind deutlich komplexer geworden“, sagt er. Leistungsdruck, psychische Belastungen und unsichere Zukunftsperspektiven prägten den Schulalltag vieler Jugendlicher.
Trotzdem sei Schulsozialarbeit längst nicht an allen Schulen selbstverständlich. „Es gibt immer noch Schulen ganz ohne Sozialarbeiter – obwohl eigentlich jede einen bräuchte“, sagt Geis.
Jan Geis arbeitet nicht nur mit Schülern – auch der Kontakt mit Eltern, Ämtern und Lehrerkollegen gehört zu seinem Berufsalltag
Seine Aufgabe versteht er dabei nicht als Einzelkämpferrolle. Schulsozialarbeit sei vor allem Beziehungsarbeit, aber auch Vernetzungsarbeit. „Ich bin oft die erste Anlaufstelle – aber meistens nicht die letzte“, erklärt er. Der 24-Jährige arbeitet eng mit Lehrkräften, Eltern und externen Beratungsstellen zusammen.
Gleichzeitig kennt er die Grenzen seines Berufs. „Ich kann viel auffangen, aber nicht alles lösen.“ Gerade deshalb sei es wichtig, Schulsozialarbeit nicht als freiwilliges Zusatzangebot zu verstehen, sondern als festen Bestandteil des Schulsystems.
Sein junges Alter empfindet Geis im Schulalltag oft als Vorteil. „Es ist gar nicht so lange her, dass ich manche Probleme selbst hatte“, sagt er. Gleichzeitig müsse er professionell bleiben. „Ich muss dieses Verhältnis aus Nähe und Distanz immer wieder neu austesten.“ Respekt entstehe nicht durch Strenge oder Autorität, findet er, sondern durch Verlässlichkeit und Haltung.
Über 3000 Menschen folgen dem Ulmer „Herr Geis“ auf Instagram
Auch seine Präsenz auf Instagram ist Ausdruck dieses Anspruchs. „Schulsozialarbeit ist entweder gar nicht bekannt – oder voller falscher Klischees.“ Mit kurzen Videos will Geis zeigen, wie vielfältig und anspruchsvoll seine Arbeit ist.
In den ersten vier Wochen hat er bereits über 3000 Follower gesammelt, eines der Kurzvideos hat über eine Million Aufrufe. Der Zuspruch ist groß. Fast alle Rückmeldungen sind positiv, nur vereinzelt liest er Hasskommentare.
Eine erfüllende Arbeit: Jan Geis liebt seinen Beruf als Schulsozialarbeiter
Auch im Schulalltag habe sich etwas verändert. „Instagram ist ein Eisbrecher – plötzlich kommen Schüler auf mich zu, die ich vorher kaum kannte.“ Sollte Geis bis Ende des Jahres die 100.000-Follower-Marke knacken, verspricht er jedem Schüler einen Döner auszugeben.
„Ich gehe nach Hause und weiß, dass ich etwas Sinnvolles getan habe“, sagt Geis. Das treibt ihn an. Für ihn ist Schulsozialarbeit kein Beruf am Rand des Schulsystems, sondern eine Aufgabe mittendrin, die mehr gesehen werden sollte.
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