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Auswandern nach Mallorca: Das hat unser Autor erlebt

Leben im Ausland

„Dann fing auf Mallorca der Sommer an...“: Ein Auswanderer erzählt vom Wegziehen – und Heimkommen

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    Unser Autor (rechts) mit seinem Kumpel Javier Martínez im Fußballstadion von Real Mallorca. Er lernte ihn schon vor seinem Umzug nach Mallorca kennen – für einen Artikel für die Augsburger Allgemeine.
    Unser Autor (rechts) mit seinem Kumpel Javier Martínez im Fußballstadion von Real Mallorca. Er lernte ihn schon vor seinem Umzug nach Mallorca kennen – für einen Artikel für die Augsburger Allgemeine. Foto: Philipp Schulte

    Jeder zweite Deutsche kann sich vorstellen, auszuwandern. So stand es letztens in der Zeitung. Gerne nach Spanien, in die Schweiz, Österreich, Schweden, Kanada. Verständlich, diese Länder sind schon schön. Doch die Schlagzeile erstaunt auch. Wenn 49 Prozent der über 18-Jährigen laut einer Umfrage mit dem Gedanken spielen, in ein anderes Land zu ziehen – sind die dann alle unzufrieden mit ihrem Leben in Deutschland? Ich habe für eineinhalb Jahre auf Mallorca gelebt, Auswandern will ich das nicht nennen. Dennoch habe ich Deutschland mit dem Anspruch verlassen, deutlich länger dort zu bleiben. Heute weiß ich: Auswandern ist viel schwieriger, als man sich das vorstellt.

    Ich bin also in eines der Sehnsuchtsländer der Deutschen gezogen, nach Spanien. Dort bin ich im Januar 2021 nach meinem Volontariat, meiner Redakteursausbildung bei der Augsburger Allgemeinen, angekommen. Ich trat beim deutschsprachigen Mallorca Magazin – mit Sitz auf der Insel und mit spanischem Mutterverlag – eine Stelle an. Dafür meldete ich mich in Deutschland komplett ab. Auf meinen Personalausweis pappte die Angestellte im Bürgerbüro einen Aufkleber: „Ohne Wohnsitz in Deutschland“. Sie wollte wissen, in welches Land ich ziehe, und vermerkte das auf der Abmeldebescheinigung. Es fühlte sich, ein bisschen zumindest, tatsächlich nach Auswandern an – damals, mitten in einem deutschen Corona-Winter.

    Wer kein Spanisch kann, ist als Auswanderer im Nachteil

    Wer ins Ausland zieht, muss nicht nur seinen Hausstand mitnehmen, sondern sich auch durch die Bürokratie eines neuen Landes kämpfen. Sprich: Sich zunächst anmelden. Das fängt in Spanien mit der sogenannten NIE, der „Número de Identificación de Extranjero“ an. Man registriert sich als Ausländer, egal ob man aus Deutschland – immerhin durch die Europäische Union mit Spanien stark verpartnert – oder Tunesien oder Kolumbien kommt. Um in Spanien die Ausländeridentifikationsnummer – ein herrlich langes, deutsches Wort – zu erhalten, vereinbaren Auswanderer einen Termin bei der Ausländerbehörde in ihrer Zielregion. Das geht hauptsächlich online über die Seite des spanischen Innenministeriums. Wer kein Spanisch kann, ist im Nachteil.

    Um den Termin zu buchen, benötigt man eine spanische Handynummer. Aber wie bekommt man die? Schließlich benötigt der Auswanderer dafür eigentlich die NIE, die Ausländeridentifikationsnummer. Ohne die geht in Spanien nichts. Sie ist Voraussetzung für den Handyvertrag, den Mietvertrag, den Autokauf.

    Ich habe also einen Freund gefragt, ob ich seine Handynummer angeben kann. Er half gerne, weil er die Schwierigkeiten kannte. Eine SMS kam auf sein Handy, ich hatte einen der wenigen Termine bei der Ausländerbehörde ergattert. Für in vier Wochen später, das hieß: Ende Januar 2021. Das war gerade ausreichend, um einen Tag danach meinen Arbeitsvertrag, gültig vom 1. Februar 2022 an, unterschreiben zu können. Zuvor hatte ich nur einen unverbindlichen „Precontrato“, einen Vorvertrag, von Deutschland aus unterschrieben.

    „Als ich auf Mallorca gelebt habe, hatte ich besonders mit dem Lärm der Nachbarn zu kämpfen“, schreibt unser Autor.
    „Als ich auf Mallorca gelebt habe, hatte ich besonders mit dem Lärm der Nachbarn zu kämpfen“, schreibt unser Autor. Foto: Clara Margais, dpa

    Spanien ist toll. Aber den Zahlen zufolge ziehen die Deutschen lieber in die Schweiz (Platz 1) und nach Österreich (Platz 2) sowie in englischsprachige Länder. Für diese Länder muss man meist keine neue Sprache lernen. Häufig gehen die Deutschen wegen eines neuen Jobs weg, und wer zum ausländischen Sitz seiner deutschen Firma wechselt, hat einen Vorteil. Er ist eingearbeitet und kennt vermutlich Kollegen. Das macht das Auswandern leichter.

    Die Zahl der Deutschen, die 2023 weggingen, lag bei 300.000

    Im Jahr 2023 lag die Zahl der Menschen, die Deutschland verlassen haben, bei 1,3 Millionen. Davon waren eine Million Ausländer, die in der Regel in ihr Heimatland zurückkehrten: nach Rumänien, Bulgarien, Polen. Die Zahl der Deutschen, die weggingen, lag bei 300.000. Das ist einer der höchsten Werte der vergangenen Jahre. Seit 2016 gibt es stets zwischen 250.000 und 300.000 „Wanderungen“, wie das Statistische Bundesamt dieses Phänomen nennt. Während der Corona-Pandemie war das „Bloß-weg-Denken“ noch ausgeprägter. Vielen gefielen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht. Sie wanderten besonders nach Mittel- und Südamerika aus. Nach Paraguay zum Beispiel. Ein Corona-Flüchtling war ich nicht.

    Für meinen Umzug nach Mallorca hätte ich mir gegen faire Preise von einer Auswanderberaterin helfen lassen können. Doris Kirch ist auf Mallorca bekannt und kommt immer wieder im deutschen Fernsehen vor, wenn es um die Insel geht. Sie hat die Facebook-Gruppe „Auswandern nach Mallorca (Anregungen und Tipps von Auswanderern)“ gegründet, die Gruppe hat 28.000 Mitglieder. Kirch hilft bei Behördengängen, übersetzt, vermittelt, macht Termine. Agenturen wie ihre gibt es zahlreiche, auch das zeigt: Auswandern ist manchmal sehr kompliziert.

    Doch zu den schönen Seiten: Wer den Weg ins Ausland gewagt hat, profitiert von vielem. Da ist zum einen die Sprache: Es erfrischt und bereichert, eine Fremdsprache komplett neu zu lernen oder seine Kenntnisse zu verbessern. Spricht man im neuen Land den halben Tag Französisch, Englisch oder eben Spanisch, ist das gewinnbringend. Je mehr Fremdsprache man in seinen Alltag integriert, desto höher ist der Lernfortschritt. Die neue Sprache festigt sich auch durch das Lesen von Verkehrsschildern, das Radio, die Zeitung, die Produkte im Supermarkt. Ich sprach Spanisch bei der Arbeit, bei der Recherche mit Mallorquinern, den spanischen Layoutern des Magazins, der Personalabteilung, beim Sport, mit neuen Freunden. Ich verbesserte mein B1- auf ein ordentliches B2-Niveau, was fließendem Spanisch entspricht.

    Typisch deutsch, typisch spanisch

    Wer der Kinder wegen davor zurückschreckt, ins Ausland zu ziehen, dem sei gesagt: Kinder profitieren bestimmt genauso wie Erwachsene. Sie wachsen in zwei Kulturen und mit zwei Sprachen auf (auf Mallorca sogar mit drei: Neben Spanisch müssen schulpflichtige Kinder an öffentlichen Schulen Katalanisch lernen). Die Kinder auch ohne Kenntnisse der Fremdsprache auf die neue Schule zu schicken, ist kein Problem. Sie werden gut betreut, und nach einer Woche können sie bestimmt erste Sätze. Sie lernen beim Zuhören, Zuschauen, Erleben der Atmosphäre. Haben sie erst einmal Freunde gefunden, ist der Spracherwerb ein Selbstläufer. Sorgen beim Auswandern mit Kindern könnte eher das Heimweh machen. Aber das lässt sich dadurch kompensieren, dass man im neuen Land schon kurz nach der Ankunft Ausflüge macht und die Vorzüge des neuen Landes erlebt und benennt.

    Doch keine Vorzüge ohne Herausforderungen: Als ich auf Mallorca gelebt habe, hatte ich besonders mit dem Lärm der Nachbarn zu kämpfen. Bei uns in Deutschland herrscht um 22 Uhr Nachtruhe. In Spanien läuft um diese Zeit noch Musik auf der Terrasse. Mein direkter Nachbar unter mir hörte häufig laut Musik über sein Handy. Ich wies ihn von oben freundlich darauf hin: Ob er nicht zumindest seine Terrassentür schließen könne? Er machte das, aber das Handy dröhnte weiter, die Wände in den Häusern in Spanien sind sehr dünn und schlecht gegen Schall, Hitze und Kälte isoliert. Ich hörte deshalb auch, wie er um 23 Uhr gegen einen Box-Sack schlug, wie er Sex hatte, wie er telefonierte. Einmal legte ich ihm eine Packung deutscher Kinder-Riegel vor die Tür. Als Dank, dass er eine Woche wirklich leise war. Er antwortete mir, dass er nicht da gewesen sei. Als ich hörte, dass er nach einem halben Jahr wegziehen würde, zurück auf seine Heimatinsel Ibiza, konnte ich mein Glück kaum fassen.

    Dann fing auf Mallorca der Sommer an. Die Nachbarn hatten abends und nachts die Fenster offen. Ich hatte zehn bis fünfzehn Wohnungen in Hörweite. Meine schöne Wohnung mit Terrasse befand sich mitten im Stadtzentrum von Palma. Ungefähr acht Nachbarn habe ich wegen irgendetwas angesprochen. Typisch Deutsch. Einmal waren es die ständig bellenden Hunde, die Hausparty (sogar während des Corona-Kontaktverbots), die Waschmaschine um 7.30 Uhr, die sich direkt hinter meiner Schlafzimmerwand befand. Auch dieser Nachbarin schenkte ich Schokolade aus Deutschland. Es brachte auch nicht viel.

    Ob das in Spanien auch so gelaufen wäre?

    Merke: Man sollte sich auf Schwierigkeiten und Probleme einstellen. Und darauf, dass deren Lösung langwieriger sein kann als in Deutschland. Dort bat ich kürzlich die Gemeindeverwaltung per Mail, festklebenden und stinkenden Müll von der Straße vor unserem Haus zu entfernen. Bereits nach ein paar Stunden kam ein Mitarbeiter des Bauhofs. Ob das in Spanien auch so gelaufen wäre? Seit drei Jahren bin ich nun zurück. Ich zog wegen meiner Freundin und heutigen Frau wieder nach „Alemania“. Ich konnte sie damals trotz mehrfacher Versuche nicht überzeugen, auf die Insel zu kommen. Meine Frau hat Mallorca bei vier Fernbeziehungsbesuchen gut kennengelernt, schaut im Gegensatz zu mir stets die „Goodbye-Deutschland“-Sendungen und will bald wieder nach Mallorca in den Urlaub. Ob wir eines Tages mit unserer zweijährigen Tochter auswandern? Ich wäre dabei.

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