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Drogen per QR-Code: Neue Verkaufsmasche in Berlin

Berlin

Per QR-Code zum Drogenrausch: Berliner Polizei kommt kaum gegen Verkaufsmasche an

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    Drogendealer versuchen in Berlin und Hamburg, Kunden über Sticker zu erreichen.
    Drogendealer versuchen in Berlin und Hamburg, Kunden über Sticker zu erreichen. Foto: Mariana Silva Lindner

    Die rote Oberbaumbrücke, die einst die geteilte Hauptstadt miteinander verband, bietet auch heute noch viel zu sehen – und das lässt sich mit nur einem Knopfdruck festhalten. Denn für ein Erinnerungsfoto bleiben Touristen aus aller Welt am Metallgeländer stehen; ein Klick und die Spree mitsamt Fernsehturm sind eingefangen. Doch außer postkartentauglichem Berlin-Panorama gibt es noch mehr. Der Blick richtet sich direkt auf das Geländer, wo Sticker bunt zusammengewürfelt und in Schichten übereinander kleben. Zwischen Club- und Hertha-BSC-Aufklebern sticht ein grün-blauer besonders heraus. Darauf zu sehen ist eine Comicfigur mit dem Namen „Crazy Doc“, in der Mitte zwei QR-Codes. Ein Scan mit dem Smartphone genügt und man landet in einem Messenger-Chat, Telegram oder WhatsApp. Und man wird ungeniert mit einem breiten Sortiment bedient.

    Ob Kokain, Ketamin, MDMA oder Ecstasy: „Crazy Doc“ verspricht nicht nur Rabatt, sondern auch eine schnelle Lieferung rund um die Uhr. Eine Bedingung setzt der Doktor allerdings, einen Mindestbestellwert von 50 Euro. Ansonsten steht dem Drogenrausch per Knopfdruck nichts im Weg.

    Im Internet verwenden Dealer Emojis als Chiffre für verschiedene Substanzen.
    Im Internet verwenden Dealer Emojis als Chiffre für verschiedene Substanzen. Foto: Mariana Silva Lindner

    Eine kurze Nachricht genügt, und das Verkaufsgespräch beginnt. „Crazy Doc“ antwortet innerhalb von ein paar Minuten mit einem Emoji, einer männlichen Figur, mit Schnauzer und Arztkittel. Dann kommt sofort die nächste Nachricht, kurz und routiniert: „German or English?“ Wer genau da gerade schreibt, bleibt unklar, denn der Account ist anonym. Bezahlen könne man bar oder mit Bitcoin (einer digitalen Währung) – ein Hinweis, der später noch wichtig sein wird. Er macht die Regeln noch einmal klar. Für den Mindestbestellwert, muss bei „Teilen“, also Ecstasy, mehr bestellt werden, mindestens „fünf Pillen“. Gleichzeitig versucht der Doktor aber auch, seriös zu klingen. Man stehe eng mit dem „Produzenten“ in Kontakt, alles sei transparent, da werde „sicher kein Dreck beigemischt“, beteuert er. Alles komme aus den Niederlanden. Ob am anderen Ende wirklich ein Verkäufer sitzt oder nicht, lässt sich in diesem Chat nicht sauber prüfen. An der Stelle brechen wir den Kontakt ab.

    Sticker wie die von „Crazy Doc“ sind mittlerweile ein stadtweites Phänomen. Seit 2024 tauchen sie vermehrt auf, das berichtet die Berliner Polizei auf Nachfrage. Das Ziel: Mit dieser Strategie versuchen Drogendealer, ihren Kundenstamm zu erweitern. Und wie häufig die Aufkleber sind, zeigt ein kurzer Spaziergang. Innerhalb von zehn Gehminuten, zwischen der Oberbaumbrücke und dem Görlitzer Park, finden sich fünf weitere Bilder, die zu verschiedenen Drogenanbietern führen. Die Sticker sind oft grell, bunt und mit lustig gestalteten Zeichenfiguren versehen.

    Polizei Berlin: „QR-Codes auf Sticker sind eine neue Variante bekannter Methoden“

    Besonders beliebt sind die QR-Code-Bildchen in Party- und Szenenvierteln, denn Dealer hoffen vor allem auf zahlungswillige Partytouristen. Dort hängen die Bildchen an Geldautomaten, Laternenmasten, Hauseingängen oder an Bus- und Straßenbahnhaltestellen. Und nicht nur in Berlin, auch in anderen deutschen Städten wie Hamburg kleben sie. Dort nahmen, laut einem Bericht vom NDR, Polizisten im vergangenen Oktober einen 23-Jährigen fest. Seinen Lieferdienst für Kokain, Ecstasy und Marihuana bewarb er mit hunderten QR-Code-Stickern, die er von der Reeperbahn bis zur Innenstadt verteilte.

    Für die Polizei ist das Sticker-Phänomen keine Überraschung, sondern eine „neue Variante bekannter Methoden“, nämlich der Verteilung von Visitenkarten. Wie auf den Aufklebern stehen die Kontaktdaten der Händler, zusammen mit einer „Speisekarte“ ihrer Produktpalette. Die Karten werden dort abgelegt, wo viele Menschen vorbeikommen oder kurz warten, in U-Bahnhöfen, in Restaurants und inzwischen auch in Briefkästen von Mehrfamilienhäusern. Der Deal läuft ebenfalls über Messenger-Chats wie Telegram oder WhatsApp, geliefert wird per Bote oder Drogentaxi, für die Berlin seit Jahren bekannt ist. Der Vorteil: Weil die Kontaktaufnahme nur noch ein Klick entfernt ist, ist die Hürde niedrig - auch für Jugendliche, die sich sonst nicht bis an einen bekannten Umschlagsplatz vorwagen würden.

    Hintermänner sind für die Polizisten nur schwer zu ermitteln

    Gegen Sticker oder Flyer vorzugehen, erklärt die Berliner Polizei, sei schwierig. Wer hinter einem Kanal steckt, „lässt sich oft nicht ohne Weiteres feststellen“ und die naheliegende Idee eines Scheinkaufs durch verdeckte Ermittler stößt schnell an enge rechtliche Grenzen. Grundsätzlich darf die Polizei Verdächtige nicht erst zu einer Straftat verleiten, nur um sie dann zu überführen. „Die Beamten würden sich damit selbst strafbar machen.“ Dazu kommt ein weiteres Problem: die Plattformen selbst.

    Die Server der Messenger-Dienste liegen oft im Ausland. „Deutschland hat nicht mit allen ein Rechtsabkommen. Dann gestalten sich Ermittlungen gegen den Kanalheber schwierig“, sagt die Berliner Polizei. Telegram etwa hat seinen Sitz in Dubai. Das bedeutet, deutsche Polizeibeamte können von dortigen Behörden keine Amtshilfe erwarten.

    Statt Drogenrausch gibt es Datenklau

    Ob hinter all den Stickern tatsächlich echte Drogenhändler stehen, ist nicht sicher. Gerade im Internet ist Betrug ein ständiger Begleiter, und QR-Codes eröffnen dafür eine eigene Spielart, die Fachleute als „Quishing“ bezeichnen. Beim Scannen führt der Code dann nicht zu einem echten Kontakt, sondern auf gefälschte Seiten, mit dem Ziel, persönliche Daten abzugreifen oder Schadsoftware auf dem Smartphone zu installieren. Eine andere Betrugsform: Ein vermeintlicher Dealer behauptet, verkaufen zu können, tut es am Ende aber nicht. Statt Ware kommt erst eine Zahlungsaufforderung, oft in Bitcoin, weil sich das Geld danach kaum zurückholen lässt.

    Auch wenn sich die Sticker in der Stadt häufen, geht die Berliner Polizei auf Nachfrage nicht davon aus, dass sie ein Zeichen für eine steigende Nachfrage sind. In Hamburg fand der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) dagegen deutlichere Worte. Die bunten Sticker stünden „sinnbildlich für die gescheiterte Bekämpfung von organisierter Rauschgiftkriminalität“.

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