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Junge Briten brechen mit der Warteschlangen-Etikette: das Ende der „Queue“-Tradition?

Großbritannien

Keine Lust mehr auf Schlangestehen: Immer mehr jüngere Briten drängeln

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    Traditionell britisch: Schlangestehen für das Wimbledon-Turnier.
    Traditionell britisch: Schlangestehen für das Wimbledon-Turnier. Foto: Victoria Jones, dpa/PA Wire

    Die legendäre „Queue“ von Wimbledon, diese geordnete Warteschlange des Tennisturniers im Londoner Südwesten, ist mehr als ein Mittel zum Zweck. Sie wird als Symbol britischer Geduld, Disziplin und Fairness gepriesen, auf das die Menschen auf der Insel äußerst stolz sind. Wer also kein Ticket ergattern konnte, stellt sich in ihr an. Und befolgt gewisse Regeln, wie diese: Zelte sind erlaubt, aber nur in kleiner Ausführung. Zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr werden die Tennis-Fans dann geweckt, die Ticketvergabe beginnt. Kurios: Viele der Übernacht-Wartenden sind Touristen aus Deutschland, Australien, den USA oder Japan. Sie sind auf der Suche nach einer „echten“ Erfahrung. Zu ihnen gesellen sich Britinnen und Briten mit Leidenschaft für den Ballsport. Und Ausdauer.

    Doch nun ist etwas ins Rutschen geraten im Königreich. Denn jenseits von Wimbledon steht vor allem die jüngere Generation immer seltener in der „Queue“. Ob beim Nachtklub-Besuch, beim Arzt oder am Flughafen: Warten? Wenn schon, dann bitteschön mit WLAN und Fortschrittsbalken! Bahnt sich hier das Aus einer britischen Eigenheit an?

    Allein der Gedanke, sich vorzudrängeln, galt als unangenehm

    Es wäre tatsächlich das Ende einer Kulturtechnik. Das „Queueing“ ist schließlich viel mehr als schnödes Schlangestehen. Der Schriftsteller und Humorist George Mikes brachte es einst so auf den Punkt: „Ein Engländer bildet eine ordentliche Schlange, selbst wenn er allein ist.“ Auch die britische Anthropologin Kate Fox griff das Phänomen in ihrem Buch „Watching the English“, das 2004 erstmals erschien, auf und befasste sich unter anderem mit dem „Überspringen“ der Wartereihe, im Englischen „queue-jumping“ genannt. Dies sei „geschmacklos”. Allein der Gedanke, sich vorzudrängeln, sei ihr unangenehm.

    Mehr als 20 Jahre später haben jüngere Briten offensichtlich ein anderes Verhältnis zum Schlangestehen. In einer Umfrage gaben immerhin 19 Prozent der Generation Z – jener Altersgruppe, die grob zwischen Mitte der 1990er- und frühen 2010er-Jahre geboren wurde – an, dass sie sich ohne Weiteres vordrängeln würden. Bei den über 60-Jährigen waren es fünf Prozent. „Briten sind berühmt für ihre Warteschlangen-Etikette, aber offenbar halten sich längst nicht mehr alle an dieselben Regeln“, stellte Bladhana Richardson von der Reiseagentur American Holidays, dem Auftraggeber der Studie, fest.

    Insbesondere junge Menschen haben das Ausharren überdies neu organisiert. Statt sich anzustellen, wird reserviert, eingecheckt oder per App gebucht. Cafés und Supermärkte nicht bloß in London bieten digitale Vorbestellungen mit Abholung im Laden. Kinos, Museen und Schwimmbäder arbeiten mit Zeitfenstern. Sogar die Sicherheitskontrolle am Flughafen lässt sich mancherorts online „timen“. Auch Wimbledon bietet mittlerweile digitale Alternativen wie Rückgabetickets über eine App.

    Strategien fürs Schlangestehen

    Wie kreativ Britinnen und Briten mittlerweile beim Vordrängeln sein können, zeigt eine Studie der Reiseplattform TripAdvisor, in der deren „Queue-Jump“-Strategien erfragt wurden. Die beliebteste Methode ist jene der „offenen Einladung”. Heißt: Eine Lücke in der Reihe wird genutzt, als wäre sie das Ende der Schlange. Ebenfalls verbreitet ist „Chat and Cut“: Ein Gespräch an günstiger Stelle dient als Vorwand, um sich unauffällig in die Schlange einzureihen. Andere setzen demnach auf Notlügen („Ich bin spät dran!“) oder entschuldigendes Vordrängeln („Sorry, sorry!“). Ein derartiger Verfall der Sitten scheint bei der berühmten Wimbledon-Warteschlange noch nicht eingetreten zu sein. Sie scheint eine Art letzte große Geduldsprobe im Königreich zu sein, der man sich wie dereinst hingibt.

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