Warum nicht gleich mit dem beginnen, das jeder, ja wirklich jeder vor Augen, vor allem aber im Ohr hat, jetzt, wo der große Schauspieler Mario Adorf gestorben ist? „ Isch scheiß disch so watt von zu mit meinem Jeld, dat de keine ruhijge Minute mehr hass.“ Man kann sich gut vorstellen, dass das Internet jetzt explodiert, weil man die Szene einfach noch einmal sehen will: Mario Adorf als rheinischer Klebstofffabrikant Heinrich Haffenloher steht im weißen Bademantel und klobigen Goldring da, bindet die Uhr ums Handgelenk und sagt die Worte, die längst Fernsehgeschichte geworden sind. Bis zuletzt wurde er darauf von Menschen auf der Straße angesprochen. 1986 spielte Adorf in der TV-Serie „Kir Royal“ diesen Emporkömmling, den es mit aller Macht in die Münchner Schickeria zieht. Gefährlich, wie er mit festem Blick sein Gegenüber (den genauso unnachahmlichen Franz Xaver Kroetz als Klatschreporter Baby Schimmerlos) fixiert, skrupellos und abgebrüht. Ein bemitleidenswerter Prahlhans eigentlich, aber dabei dann auch so komisch und anrührend in seinem Wunsch, der rheinischen Provinz zu entkommen und dazuzugehören zur Welt der Schönen und Reichen.
Und so weit entfernt von dem Menschen Mario Adorf. Dieser sei immer zurückhaltend und charmant gewesen, erzählte einmal der im vergangenen Jahr verstorbene Filmregisseur Michael Verhoeven, mit dessen Schwester Adorf in erster Ehe verheiratet war. Davon konnte man sich auch 2019 in Augsburg überzeugen, als Adorf die Film-Dokumentation über sein Leben „Es hätte schlimmer kommen können“ vorstellte. Ein Mann mit großer Grandezza, dunkler Anzug, sorgfältig gescheiteltes weißes Haar, den Schal locker um den Hals geschwungen. Trotz hohen Alters wach und agil – und mit großer Lust, Geschichten zu erzählen. Einer, der das Glück gepackt hat, als es sich ihm bot.
Es war dann aber wohl nicht nur das Glück, sondern auch viel von dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, die Mario Adorf zu dem Großen machte, als der er in Erinnerung bleiben wird – als Mensch und als Schauspieler. 1930 wurde er in Zürich geboren, als Sohn einer deutschen Röntgenassistentin und eines italienischen Chirurgen, der mit einer anderen verheiratet war. Mario wuchs mit der alleinerziehenden Mutter in dem kleinen Eifel-Ort Mayen in armen Verhältnissen auf. Zeitweise musste ihn die Mutter, die als Näherin versuchte, den Lebensunterhalt zu sichern, sogar in ein Waisenhaus geben, weil das Geld für beide nicht reichte. Adorf besuchte das Gymnasium, machte Abitur und ging dann nach Mainz zu einem Studium generale. „Ich habe querbeet studiert, nicht auf einen Beruf hin, ich wusste noch nicht, was ich werden würde.“ Ein gewisses zeichnerisches Talent habe man in der Schule festgestellt, doch für Farben, Pinsel und Leinwände war kein Geld da. Deshalb dann die Schauspielerei: „Es war die einfachste Berufswahl: Schauspieler zu werden. Ich hatte nur mich, ich brauchte nichts anderes.“
„Er hat zwei Dinge, die mir aufgefallen sind: Kraft und Naivität“
Die Laufbahn des Schauspielers Mario Adorf begann allerdings etwas holprig – mit einem Sturz. Denn als er sich an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule mit einer Passage aus „Wallenstein“ vorstellte, stürmte er wohl mit etwas zu viel Drang auf die Bühne, stürzte in den Zuschauerraum und beendete seinen missglückten Auftritt auch noch mit einem lauten „Scheiße“. Vom Verve des jungen Schauspiel-Aspiranten waren die versammelten Zuhörer, allen voran Regisseur Hans Schweikart, jedoch recht angetan. „Probieren wir ihn mal drei Monate aus. Er hat zwei Dinge, die mir aufgefallen sind: Kraft und Naivität.“
Die Brüchigkeit eines Charakters darstellen, die harte, kantige Oberfläche, unter der eine weiche, verletzliche Seite liegt, zu zeigen, diese Fähigkeit machte Mario Adorf zu dem Schauspieler, als der er über fast sieben Jahrzehnte anerkannt war. Von einem Moment zum anderen konnte er dabei vom einen zum anderen umschlagen, allein durch seinen Blick, ein Heben der Augenbraue, ein vorgeschobenes Kinn, eine Geste mit den Händen. Adorf verkörperte seine Rollen – im Wortsinn. Mit seiner stattlichen Figur war er ein raumfüllender Charakter, auch wenn er oft gezwungen war, deshalb in Actionszenen selbst zu spielen. „Stuntmen waren meist schlanke drahtige Burschen, die konnten mich nicht doubeln“, erzählte er einmal.
Mit einem Schlag berühmt wurde Adorf als angeblicher Serienmörder Bruno Lüdke in „Nachts, wenn der Teufel kam“
Sein intensives Spiel verhalf ihm 1957 zur ersten großen Filmrolle, die ihn mit einem Schlag berühmt machte: der angebliche Serienmörder Bruno Lüdke in „Nachts, wenn der Teufel kam“. Regisseur Robert Siodmak hatte Adorf bei einer Vorstellung in den Münchner Kammerspielen gesehen, in einer Rolle ohne Text, und war beeindruckt. Der Film basierte auf realen Vorgängen, die NS-Justiz hatte dem geistig beeinträchtigten Mann 1943 die Ermordung von über 80 Frauen vorgeworfen, erst Jahrzehnte später stellte sich heraus, dass Lüdke unschuldig und zum Opfer der Nationalsozialisten geworden war. Den angeblichen Massenmörder zeichnete Adorf als rabiaten, aber misstrauischen und einsamen Menschen. Erst vor einigen Jahren distanzierte er sich von diesem Film. Er leide darunter, bei diesem „Propagandawerk“ mitgemacht zu haben, das einem Menschen Unrecht widerfahren ließ und das Nazi-Grauen nicht deutlich genug dargestellt habe.
Doch die Rolle des angeblichen Schwerverbrechers hatte Adorf nun mal so überzeugend gespielt, dass er lange auf die Figur des Bösen festgelegt wurde. Mario Adorf wurde der Schurke vom Dienst, spielte Gangster, Mafiosi und Banditen – etwa jenen denkwürdigen Santer in den Winnetou-Verfilmungen. Auch dies übrigens eine Rolle, auf die er immer wieder angesprochen wurde, weil sie ihn Anfang der 1960er-Jahre zur Hassfigur deutscher Kinogänger machte, hatte er doch Winnetou-Schwester Nscho-tschi, gespielt von der reizenden Marie Versini, kaltblütig niedergestreckt.
Doch Mario Adorf konnte natürlich auch anders. Gerade mit den jungen deutschen Filmern arbeitete er gerne zusammen: Volker Schlöndorff, Edgar Reitz, Rainer Werner Fassbinder. Zwei Meisterstücke lieferte er ab, als er unter der Regie Schlöndorffs in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ den hinterhältigen Kommissar Beizmenne spielte. Unvergessen auch die Szene, wie er in der Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ als unverbesserlicher Nazi-Mitläufer Albert Matzerath am Ende sein Parteiabzeichen verschluckt. Dieter Wedel brachte Adorf dann auch in seinen Serien in die deutschen Wohnzimmer. In „Der große Bellheim“ spielte er grandios einen Firmen-Patriarchen, der mit einer Rentner-Gang das Kaufhausimperium seiner Familie retten muss: gewitzt, warmherzig, aber eben auch mit der nötigen Härte. Als „Schattenmann“ in Wedels gleichnamiger Serie sah man ihn dann auch als mächtigen Drahtzieher der Frankfurter Unterwelt.
Kultig: Mario Adorf als Heinrich Haffenloher in „Kir Royal“
Sich selbst schätzte Mario Adorf immer eher als Handwerker denn als Künstler ein. Identifikation mit seinen Rollen war seine Sache nicht, er hielt es mit Bert Brechts Diktum, dass man neben seiner Rolle stehen müsse. Woraus sich seine Figuren dann speisten? Vor allem aus der Beobachtung und Nachahmung realer Vorbilder. In Heinrich Haffenloher zum Beispiel konnte sich ein rheinischer Lackfabrikant erkennen, der dann wohl auch ein wenig sauer darüber war, dass Adorf ihn so nachgeahmt hatte. „Herr Adorf, die Nastassja Kinski, dat is ja ein dollet Weib. Können Sie misch der mal vorstellen?“, habe der ihn bei einem Filmball gefragt und diesen Satz habe er dann für die Darstellung des Haffenloher im Ohr gehabt, erzählte Mario Adorf in einem Interview mit dem Spiegel.
Viele Jahre lebte Mario Adorf in der Heimat seines Vaters, genoss in Rom ausgiebig das Dolce Vita mit wilden Partys und vielen Frauen. Doch als Berlusconi an die Macht kam, kehrte er zurück nach Deutschland. „Der Mann wollte eine Nation so führen wie seine Fernsehsender, es war furchtbar.“ Fortan lebte er in München, Paris und Saint Tropez, wo er auch seine zweite Frau Monique Faye kennengelernt hatte, mit der er seit 1985 verheiratet war.
Ganz bewusst habe er sich am Ende seines langen Lebens von Menschen, Orten, Augenblicken verabschiedet, beschreibt der Journalist Tim Pröse in einem Porträt Mario Adorf für den Spiegel. An ein Weiterleben nach dem Tod glaubte der nicht, wie überhaupt Religion in seinem Leben keinen großen Stellenwert hatte. Auf die Frage, was von ihm übrig bleibe, antwortete er „Staub“. Nachdem er am 8. April in Paris nun 95-jährig nach kurzer Krankheit gestorben ist, kann man feststellen: Es bleibt weit mehr als das, nämlich über 200 Filme, die einen Schauspieler großen Formats zeigen, so wie er es als Mensch wohl auch war.
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