Vier Jahre Vollinvasion in der Ukraine. Mut, Verzweiflung, feuernde Geschütze, Zerstörung, Tod, Flucht, Kälte – über all das habe ich geschrieben, all das habe ich mit meiner Kamera festgehalten. Bilder eines Krieges, den Russland mit gnadenloser Härte über sein Nachbarland bringt. Meine Aufgabe ist es, ihn zu dokumentieren. Die Geschichten der Menschen zu beschreiben, die ihn aushalten müssen. Sie lassen mich nahe an sich heran. Dieses Vertrauen ist eine unbeschreibliche Ehre für mich. Es ermöglicht meine Fotos und Reportagen, die ich Ihnen als Leserin und Leser aus der Ukraine mitbringe.
Ein Bild habe ich nie gemacht. Aber es geht mir immer wieder durch den Kopf. Es geht um Hotdogs in einer Tankstelle in Kostjantyniwka, einer Stadt im Osten des Landes. Vielmehr um Hotdogs in den Händen von Soldaten, die kräftig zulangen, bevor es für sie wieder in die Stellungen der nahen Front geht. Ein letztes Mal ein Bissen, der nach Frieden schmeckt.
Die Ruinen, die ich in der Ukraine sehe, sind nicht nur Steinhaufen – sie waren vor Kurzem noch Heimat für Menschen
Ich war oft in dieser Tankstelle. Das erste Mal 2017. Es war auf meiner ersten Reise in den Donbass, seit 2014 herrscht dort Krieg. Wir hatten zum Tanken angehalten. 45 Kilometer waren es von der Tankstelle zur „Kontaktlinie“; so der offizielle Begriff für unendlich lange Linien von Schützengräben, die sich schon vor der Vollinvasion durch den Donbas zogen. Mitten in Europa fand ein vor sich hinköchelnder Stellungskrieg statt. In meiner Heimat vergessen und verdrängt. Aber brandgefährlich, wie wir heute wissen.
Dann, am 24. Februar 2022, eskalierte Putin den Konflikt, indem er seine Militärmaschinerie in Gang setzte. Der Krieg wälzte sich in Richtung Kostjantyniwka. Zuerst schoss die russische Armee das nahe Bachmut über Monate hinweg in Trümmer. Dann stürmten Putins Soldaten gegen Tschassiw Jar und Torezk. Wohnblocks wurden weggebombt. Einige brachen nach Artillerie- oder Raketenbeschuss wie Kartenhäuser zusammen. An schmalen Landstraßen ragten verkohlte Dachstühle in zerstörten Dörfern in den Himmel.
Die Ruinen, die ich sehe, sind nicht nur Steinhaufen. Sie waren vor Kurzem noch Heimat für Menschen. Daran erinnern mich Familienfotos, die am Mauerwerk hängen. Der Krieg zerstört Leben. Der Soldat, den ich schwer verwundet in einem Stabilisierungspunkt fotografierte: Vielleicht hatte er Frau und Kinder? Oder seine drei Kameraden, die bei einem nahen Einschlag starben, als ich in Bachmut mit meinem Kollegen Oles Kromplias und Drohnenpiloten bei eisigen Temperaturen in einer Ruine ausharrte. Besser in einer Küche, die damals, im Januar 2023, in der ersten Linie lag. Salz- und Pfefferstreuer standen noch auf dem Tisch. Als würde gleich wieder gekocht werden. Alle 20 bis 30 Sekunden hörte man einen Einschlag.
Zurück in Kostjantyniwka bedeutete für mich: zurück in relativer Sicherheit. Helm und schusssichere Weste ausziehen. Aufatmen. Wieder einmal war alles gutgegangen. Wie die Soldaten habe ich mir meist einen Hotdog gegönnt. Dann begann die Rückreise Richtung Kiew.
Im Dezember trauten mein Kollege und ich uns nicht mehr nach Kostjantyniwka
So lief es ab – bis vor rund anderthalb Jahren. Dann begann der Krieg endgültig, das Leben aus Kostjantyniwka zu vertreiben. Granaten schlugen in den Bahnhof ein. Die Kirche gegenüber wurde zur Ruine. Die Tankstelle hatte da schon längst Sperrholzplatten, wo einst Fenster waren. Sandsäcke waren davor aufgeschichtet. Ein Fertigbunker aus Beton stand an der Seite. Es gab noch immer Hotdogs. Bei jedem Stopp fragte ich mich: „Wann wird der Einschlag kommen?“ Zuerst erwischte es die kleinen Einfamilienhäuser im Umfeld. Sie waren vermutlich schon verlassen, als die russische Artillerie sie beschoss.
Im September 2025 war ich das letzte Mal in Kostjantyniwka. Von der Tankstelle ist nur eine Ruine geblieben. Über unseren Köpfen pfiff zur Begrüßung eine Granate. Es war einer der letzten heißen Tage des Jahres. Andrii bereitete sich für die Flucht aus der Stadt vor. In einer Tasche hatte er alle Papiere bei sich. Das Haus im Hintergrund rauchte nach einem Einschlag. Leere Fensterhöhlen, verrußte Wände.
Andrii arbeitete als Physiker in Donezk. Er floh, als dort Putins Vasallen mit russischen Soldaten 2014 eine Diktatur errichteten. Kostjantyniwka ist seine Geburtsstadt. Seine Mutter erkrankte schwer. Er pflegte sie jahrelang. Als ich ihn traf, kam er gerade von ihrem Grab.
Im Dezember trauten mein Kollege und ich uns nicht mehr nach Kostjantyniwka. Russische Kamikazedrohnen jagten dort alles, was sich noch bewegte. Die Stadt war tot. So wie der Vorort, in dem wir die Ruinen von verlassenen und halb zerstörten Wohnblöcken fotografierten. Schnee überzog Dächer und Wiesen. Fußstapfen gab es keine, alles war völlig unberührt, still.
Wir rannten in verschiedene Richtungen – so konnte einer von uns sicher überleben
Dann hörten wir die Drohne. Ein hässliches Surren. Ist es eine Kamikaze-Variante, trägt sie eine Granate. Wir rannten, um ein Versteck zu finden, in verschiedene Richtungen. So konnte einer von uns sicher überleben. Oles verschwand in einer Ruine, ich kauerte unter einem herabgestürzten Blechdach.
Die Drohne surrte weiter. Dann schossen Soldaten aus einer nahen Stellung auf sie. Brack, brack, brack. Das Surren verschwand. Unser Wagen stand nicht weit entfernt unter Bäumen und zwischen Büschen versteckt. Wir sprangen hinein. Fuhren, so schnell es ging, davon. Bald überspannten Netze wie Tunnel die Straße. Russlands Kamikaze-Drohnen verwandelten das Gebiet bis zu 25 Kilometer tief hinter der Frontlinie in eine Todeszone. Kostjantyniwka ist umkämpft, erscheint aber kaum in den internationalen Medien. Doch die Stadt ist für mich ein Symbol dafür, wie Russlands Krieg Leben und Raum nimmt.
Wäre es nicht das Beste, einfach aufzugeben, um weitere Kostjantyniwkas zu verhindern? Warum wehren sich die Menschen der Ukraine so vehement? Warum geben sie im Kampf gegen das ungleich größere Russland nicht auf? Das werde ich oft in Deutschland gefragt.
Weil sie keine Alternative sehen, sage ich dann. Denn es geht nicht nur darum, welche Fahne auf einem Rathausdach weht. In den von Russland besetzten Gebieten sind die Menschen entrechtet. Tausende sind verschwunden. Es wird systematisch gefoltert, willkürlich verhaftet und gemordet. Wer sich weigert, den russischen Pass anzunehmen, gilt in der eigenen Heimat als unerwünschter Ausländer. Keine Behandlung im Krankenhaus, keine Sozialleistungen, kein Uni-Platz, keine regulären Jobs. Mittlerweile werden ihre Wohnungen konfisziert und an Angehörige der russischen Armee vergeben. Für Kinder und Jugendliche gibt es eine Gehirnwäsche und militärischen Drill. Kurz: Besatzung ist kein Frieden.
Wer in Kauf nimmt, dass andere ihre Freiheit verlieren, der wird von Putin nicht in Frieden gelassen
In Pokrowsk habe ich Ende 2024 Dima getroffen. In russischer Kriegsgefangenschaft wurde er misshandelt. Nackt im Winter mit kaltem Wasser abgespritzt und dann mit Elektroschockern gequält. Die dünne Suppe musste er oft in zwei bis drei Minuten fast kochend heiß löffeln. Sonst wäre er verhungert. Über ein halbes Jahr war der junge Soldat nach dem Gefangenenaustausch in Reha. Die Misshandlungen hatten innere Organe und Muskeln angegriffen.
Als er halbwegs genesen war, meldete sich Dima wieder zur Armee – freiwillig. Pokrowsk ist eine hart umkämpfte Frontstadt im Donbas, die Russland Stück für Stück dem Erdboden gleichmacht. Dimas Kameraden sind noch in Gefangenschaft. Solange das so bleibt, will er weiter kämpfen. Weil Freiheit niemanden zurücklässt, wie er sagt.
Ich wünschte, mehr Menschen in meiner Heimat würden das verstehen. Wer in Kauf nimmt, dass andere ihre Freiheit verlieren, der wird von Putin nicht in Frieden gelassen. Für eine große Mehrheit der Menschen in der Ukraine ist klar: Putin geht es nicht nur um Gebiete in der Ukraine. Er will ein großes Imperium schaffen. Dafür militarisiert er die russische Gesellschaft. 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche lernen in der „Jugendarmee“ das Töten. Die Wirtschaft wird erfolgreich in den Kriegsmodus verwandelt. Während die zivile Wirtschaft lahmt. Das Heer der Gefallenen und Verwundeten wächst und wächst nach Schätzungen westlicher Geheimdienste auf längst über eine Million.
Derweil läuft die russische Propaganda-Maschine auf Hochtouren. In der Europäischen Union flutet sie die sozialen Netzwerke. Hass und Fake News heizen die Stimmung für Europas Rechtsaußen-Parteien auf. Dort zeigt man für Putins Diktatur viel Wohlwollen und Verständnis. Und in Russland fabulieren die Propagandisten des Kremls im Staatsfernsehen zur besten Sendezeit vom Vormarsch bis Paris.
Russlands monatelange Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben den Winter zur Waffe werden lassen
Dazu kommt ein irrlichternder Trump, eine USA, die kaum noch als Partner zu bezeichnen sind. Unerträgliche Zeiten sind das für die Ukraine. Für ganz Europa.
Vier Jahre Vollinvasion greifen den Menschen der Ukraine tief in die Seele. Der Krieg wird zum mentalen Gesundheitsproblem. Kaum jemand hat zumindest im Bekanntenkreis nicht jemanden verloren. Millionen mussten ihr Zuhause zurücklassen. Die Zukunft ist für ein ganzes Volk ein Begriff, der für Unsicherheit steht.
Russlands monatelange Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben den Winter zur Waffe werden lassen. Im ganzen Land ist Strom rationiert. 600.000 Menschen verließen vorübergehend Kiew. Ihre Wohnungen sind nicht mehr bewohnbar: keine Heizung, kein Strom und oft kein Wasser. Bei meiner Januar-Reise in diesem Jahr war das Kiewer Meer, der gestaute Dnipro vor den Toren der Hauptstadt, so tief gefroren, dass selbst mit Autos darauf gedriftet werden konnte.
Junge Menschen und Familien kamen, um auf dem Eis eine kurze Auszeit vom Krieg zu nehmen – bevor es in ihre kalten und dunklen Wohnungen zurückging. Ein DJ verbreitete per Generator den Sound über die gefrorene Fläche. Mein Blick wanderte über Hunderte, die das Leben feierten.
Vielleicht war auch jemand aus Kostjantyniwka dabei, der in Kiew Zuflucht gefunden hatte. Jemand, der sich in der Tankstelle einen Hotdog geholt hatte, nach der Schicht in seiner Fabrik. Nach dem Sport im Verein. Bis der Krieg kam.
Der Autor
Till Mayer gilt als einer der „dienstältesten“ deutschen Berichterstatter über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Er dokumentiert ihn schon seit 2017. Seit Beginn der Vollinvasion im Februar 2022 bereist er im monatlichen Rhythmus die Ukraine und berichtet für unsere Redaktion über die Folgen des Krieges. Für seine Fotos und Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im Ibidem-Verlag erscheint zum Jahrestag der Vollinvasion sein neuer Reportagenband „Widerstand – Freiheitskampf der Ukraine“. Im gleichen Verlag erschien 2024 „Europas Front – Krieg in der Ukraine“.
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