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Wie ein tschechischer Investor den Schweizer Skiort Splügen wiederbeleben will

Schweiz

Star-Architekten sollen Skiort wiederbeleben: Ganz neue Aussichten für Splügen

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    Bürgermeister Christian Simmen möchte mehr Urlauber nach Splügen locken – nicht nur zum Skifahren.
    Bürgermeister Christian Simmen möchte mehr Urlauber nach Splügen locken – nicht nur zum Skifahren. Foto: Ulrich Mendelin

    Splügen hat kein Weltwirtschaftsforum wie Davos. In Splügen trägt niemand seinen Pelzmantel spazieren wie in St. Moritz. Splügen hat nicht ansatzweise so viele Pistenkilometer für Skifahrer zu bieten wie Flims-Laax und es hat auch nicht die altehrwürdige Noblesse von Arosa. Graubünden ist der Schweizer Ferienkanton schlechthin, hier liegen Urlaubsorte von Weltruf – Splügen kennen viele nur vom Durchfahren. In dem 370-Einwohner-Dorf zweigt die Straße über den Splügenpass von jener über den San Bernardino ab. Routen, die auch schwäbische Urlauber auf dem Weg in den Süden oft wählen. Die meisten fahren durch den Ort, ohne anzuhalten.

    Christian Simmen will das ändern. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Rheinwald, seit Splügen und drei weitere Bergdörfer sich 2019 zu dieser zusammengeschlossen haben. Simmen sitzt im Gasthaus Tanatzhöhi, auf 2140 Metern Höhe. Draußen sausen Skifahrer über frisch präparierte Pisten. Ginge es nach Simmen, dürfte die Zahl der Wintersportlerinnen und -sportler höher sein. „Letztlich wollen wir hier Arbeitsplätze sichern oder auch mal welche schaffen“, sagt er. „In einer Region, die sonst eher von Abwanderung betroffen ist.“ Dazu will der Bürgermeister, der zur christsozialen „Mitte“-Partei gehört, das Dorf gehörig umkrempeln.

    Winter werden milder, Energie teurer, Personal knapper

    Splügen ist ein hübscher Ort, das historische Oberdorf weist eine geschlossene historische Bausubstanz auf. Sonnengeschwärzte Holzhäuser der Walser, die das Tal vor Jahrhunderten besiedelt haben, drängen sich um massive Steinbauten, die fast an italienische Palazzi erinnern. Jahrhundertelang brachte der alpenquerende Handel einigen Dorfbewohnern Wohlstand und vielen ein Auskommen. 1882 brach das Geschäft fast von einem auf den anderen Tag in sich zusammen. Grund war der Bau des Gotthardtunnels, ein Stück weiter westlich. Am Alpentransit verdienten nun andere.

    Erst der Bau des Bernardino-Straßentunnels 1967 beendete die Depression. Die neue Autobahn brachte Tessiner und Lombarden zum Skifahren ins Dorf. „Als ich klein war, standen auf dem Parkplatz der Bergbahn Autos aus Como, Mailand, Varese“, erinnert sich Christian Simmen. Es gab sogar die Idee, die Pisten von Splügen mit jenen des italienischen Skiorts Madesimo zu verbinden, über den Splügenpass hinweg. Drei neue Lifte hätten gebaut werden müssen. Aber das waren nur Gedankenspiele, aus denen dann doch nichts wurde.

    Dunkle Holzhäuser und steinerne Palazzi: Der Dorfkern von Splügen weist eine geschlossene historische Bausubstanz auf.
    Dunkle Holzhäuser und steinerne Palazzi: Der Dorfkern von Splügen weist eine geschlossene historische Bausubstanz auf. Foto: Ulrich Mendelin

    Noch heute ist auf den Pisten von Splügen so viel Italienisch wie Schweizerdeutsch zu hören. Der Tourismus jedoch verändert sich. Urlauber schauen auf die Zahl der Pistenkilometer, die ein Skigebiet zu bieten hat. Winter werden milder, Energie teurer, Personal knapper. Wieder mal sei es ein „schwieriger Winter“, sagen sie in Splügen. Eine von drei Seilbahnen im Skigebiet hatte Ende Januar noch geschlossen, wegen Schneemangels. Womöglich wird es Zeit, dass Splügen sich wieder einmal neu erfindet.

    „Ich bin überzeugt, dass wir unsere Nische finden“, sagt Bürgermeister Simmen über seine Vorstellungen von modernem Tourismus. „Nur, dann muss ich auch ein Produkt haben.“ Also ein Angebot, das Urlauber davon überzeugt, Zeit im Dorf zu verbringen.

    „Der Ort kann eine Chance bekommen“, sagt der Mann, auf dem viele Hoffnungen ruhen

    Helfen soll dabei Jan Michal. „Als ich Splügen gesehen habe, habe ich gesagt: Der Ort kann eine Chance bekommen“, sagt der Mann, auf dem hier viele Hoffnungen ruhen. Michal ist Tscheche. Inzwischen teilt er seine Zeit zwischen Splügen und Prag, für das Gespräch ist er per Video aus der tschechischen Hauptstadt zugeschaltet. Michals Familie ist in der Pharmabranche zu Geld gekommen, nach dem Verkauf der Aktien investierte er in Immobilien. In Deutschland sei dies vor allem in Dresden der Fall, erzählt er. In Dresden hat auch Bürgermeister Christian Simmen, der hauptberuflich eine Sennerei führt und Biokäse verkauft, einen Geschäftspartner. Dieser Partner hat Simmen und Michal zusammengebracht.

    Zu tiefsten Corona-Zeiten war das, als der Tscheche Geschäfte in Übersee ruhen lassen musste, weil keine Flüge mehr gingen. „Splügen kenne ich, da ist gar nichts“, sei seine erste Reaktion gewesen, erzählt Michal. Der Ort war ihm ein Begriff, weil er als Hobbymotorradfahrer gern Alpenpässe unter die Räder nimmt. Beide, der tschechische Investor und der Schweizer Bürgermeister, hätten dann irgendwann im Jahr 2021 auf einer Bank oberhalb des Dorfes gesessen „und philosophiert, was man so aus Splügen machen kann“. So erzählt es Simmen.

    Und das ist der Plan: Der Ort soll mehr Übernachtungsgäste bekommen, also „mehr warme Betten“, wie es in der Sprache der Touristiker heißt. Mehr Hotels, das bedeutet auch mehr zahlende Gäste für die Bergbahnen, die anders als Tagesgäste auch dann am Ort sind, wenn das Wetter mal nicht so gut ist. Dazu wiederum braucht es eine Beschneiung. Und Angebote für Menschen, die nicht Ski fahren. „Das ganze Tal soll sich angemessen und vorsichtig, aber endlich mal ein bisschen entwickeln“, sagt Michal.

    Erste Pläne sind schon umgesetzt. Zu den drei bestehenden Hotels im Ort ist vor wenigen Monaten ein weiteres hinzugekommen. Das Speluca – benannt nach dem ersten Namen des Ortes aus römischer Zeit – hat die Zahl der Gästebetten auf jetzt 300 fast verdoppelt. 30 Millionen Franken hat Michal in das Hotel gesteckt. Komplett aus dem eigenen Vermögen, sagt er, andere Geldgeber seien nicht zu Investitionen bereit gewesen.

    Der mehrstöckige Bau im Dorfkern, der früher bereits ein Hotel war, dann zeitweise als Flüchtlingsunterkunft diente, beherbergt jetzt wieder Wintersportler, es finden Hochzeiten und Weihnachtsfeiern statt. Von einem „Bilderbuchstart“ in die erste Wintersaison spricht Christian Weissenbacher. Er stammt aus dem Salzburger Land und ist von Michal als Geschäftsführer für das Speluca angeworben worden.

    Zum Projekt gehört auch eine Brauerei

    Teil des Projekts ist eine neu ins Leben gerufene Brauerei. Mehr als 70 Gastronomiebetriebe von St. Gallen bis Luzern würden mittlerweile mit Splügener Bergquellwasser gebrautes Speluca-Bier ausschenken, erzählt Weissenbacher beim Rundgang durch das Sudhaus, das an das bestehende Hotel angebaut wurde.

    Derzeit versuche er, das Bier in Zürich auf den Markt zu bringen. Im hauseigenen Restaurant und in der Bar gibt es die hier gebrauten Lager-, Weiß- und Kellerbiere sowieso. Um ihre Herstellung kümmert sich ein Braumeister aus Kempten. „Die Brauerei ist ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Weissenbacher. „Manche kommen extra deswegen hierher.“ 3000 Hektoliter Bier können in Splügen jedes Jahr gebraut werden. „Das Speluca ist extrem wichtig, weil wir damit zeigen können, dass es geht“, sagt Michal. „Wir zeigen, unsere Pläne sind kein Bla-Bla.“

    Speluca-Geschäftsführer Christian Weissenbacher im Sudhaus: Durch das Brauereihotel wurde die Zahl der Gästebetten im Ort in dieser Wintersaison fast verdoppelt.
    Speluca-Geschäftsführer Christian Weissenbacher im Sudhaus: Durch das Brauereihotel wurde die Zahl der Gästebetten im Ort in dieser Wintersaison fast verdoppelt. Foto: Ulrich Mendelin

    Beim Brauerei-Hotel bleibt es aber nicht. In wenigen Jahren soll an der Talstation der Seilbahn, die etwas außerhalb des Ortskerns auf der anderen Seite von Hinterrhein und Autobahn liegt, das „Resort Rheinwald“ entstehen. Noch einmal 400 Betten. Noch einmal geschätzte 120 Millionen Franken, um die 130 Millionen Euro also. Die will Michal freilich nicht allein aufbringen. Er will – mit dem Speluca als funktionierendes Vorzeigeobjekt – weitere Investoren ins Boot holen. Ebenfalls im Boot ist das international renommierte Basler Architektenbüro Herzog & de Meuron, das in Deutschland unter anderem die Elbphilharmonie und die Allianz-Arena entworfen hat. Die Idee der Stararchitekten: Der historische Ortskern von Splügen wird modern gespiegelt. Silhouetten der Häuser, Dachformen, auch das Baumaterial sollen den Stil des Walserdorfs aufgreifen. „Ein moderner Bruder vom alten Oberdorf“, sagt Michal.

    Nicht jeder in Splügen ist überzeugt von der Idee, den Dorfkern zu kopieren. „Tourismus ist gut, aber irgendwo ist eine Grenze“, sagt Sabina Simmen-Wanner, trotz Namensgleichheit nicht näher mit dem Bürgermeister verwandt. Sie ist Gästeführerin und die Tochter des früheren Dorfchronisten. Eine große Zahl neuer Touristen würde Splügen überfordern, fürchtet sie. „Und ob so viele weitere Betten das Skigebiet retten, da habe ich meine Zweifel.“ Im Moment, sagt Simmen-Wanner, sei die Dorfbevölkerung angesichts der Pläne ein Stück weit gespalten.

    In der Nähe hat ein Investor ein Skigebiet nach mehr als einem Jahrzehnt Betriebspause wiederbelebt

    Zumal Splügen nicht das einzige Dorf in der Region ist, das in der Hoffnung auf Touristinnen und Touristen einen Sprung in die Zukunft wagt. Nur 15 Autominuten entfernt liegt jenseits des Bernardino-Tunnels und der deutsch-italienischen Sprachgrenze, aber immer noch in Graubünden, das Bergdorf San Bernardino. Dort hat der Tessiner Investor Stefano Artioli ein Skigebiet nach mehr als einem Jahrzehnt Betriebspause wiederbelebt, nicht zuletzt, um unten im Ort Immobilien zu entwickeln.

    In Splügen beobachtet man das mit Interesse, betont aber auch Unterschiede: behutsamer, ganzheitlicher soll die Entwicklung sein als auf der anderen Seite des Bernardinos. Dazu gehören in Splügen Angebote jenseits des klassischen Alpinskifahrens. Seit diesem Winter ist eine zweitägige Wanderung für Tourenski-Begeisterte und Schneeschuhgeher über den Splügenpass ins italienische Montespluga markiert. Gäste können dort in einem Agriturismo übernachten, dem einzigen Haus des Ortes, das im Winter bewirtschaftet ist. In der nächsten Saison sollen weitere Wegschleifen im Grenzgebiet markiert werden. „Skitouren von fünf, sechs, sieben Tagen Länge sind dann locker möglich“, sagt Reto Thörig, Chef von Viamala Tourismus – Viamala ist die Region zwischen Thusis und Bernardino, zu der auch Splügen gehört.

    Eine Sommerwanderung in der Region, die Via Spluga, gibt es bereits seit 25 Jahren. Daran soll jetzt das Winterkonzept Spluga Bianco anknüpfen. „Die Idee ist, dass man sich herantastet an eine neue Idee von Wintertourismus“, erklärt Thörig. Auf italienischer Seite spreche man angesichts vieler Tourengeh-Möglichkeiten in der Region schon von einem „Skigebiet ohne Skilifte“. Daran wollen die Splügener anknüpfen.

    Für einen Schweizer Bergort sei eine Seilbahn systemrelevant, sagt der Bürgermeister

    Den Alpinskibetrieb will Bürgermeister Simmen gleichwohl unbedingt erhalten. Und auch wenn es ein ewiges Zuschussgeschäft ist: Für einen Schweizer Bergort sei eine Seilbahn systemrelevant, wie für Kommunen anderswo ein Schwimmbad oder eine Bibliothek, sagt er. Das sieht auch der Touristiker Thörig so. „Jetzt hat die Bergbahn, was sie zum Überleben braucht“, erklärt er zu den neuen Gästen, die das Speluca dem Ort beschert. Er ergänzt mit Blick auf das zukünftige Resort Rheinwald: „Wenn es noch mehr werden, dann geht es der Bergbahn gut und dann geht es der Region gut.“

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