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Porträt
02.07.2020

Christian Drosten: Der "Corona-Stabschef" zwischen Held und Hassfigur

Die starke mediale Präsenz in der Corona-Krise wird für den Virologen Christian Drosten immer mehr zum Problem.
Foto: Christophe Gateau, dpa

Christian Drosten ist Deutschlands führender Corona-Experte. Der Charité-Professor ist Held und Hassfigur zugleich.

Wie womöglich kaum ein anderer in Deutschland und auf der Welt kennt der Virologe Christian Drosten die Lage rund um den Corona-Erreger und lässt die Menschen an seinem Wissen teilhaben. Doch im Kampf gegen die Pandemie muss der Professor der renommierten Berliner Charité immer wieder teils heftige Kritik einstecken - auch Morddrohungen hat er schon erhalten. Die Berichterstattung in den Medien wird zunehmend zum Problem. So wird aus dem einstig viel gefeierten "Glücksfall für Deutschland" Held und Hassfigur zugleich. Hassfigur vor allem für die, die das Coronavirus für eine Verschwörung halten.

Und was macht das mit dem Corona-Papst, der den sachlichen Durchblick braucht in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg? Erschöpft und dünnhäutig sei er geworden, der Mann mit den schwarzen Locken, seinem weißen Kittel und dem Stehkragen. So zumindest die Einschätzung eines Twitter-Nutzers und Hörers des Drosten-Podcasts beim NDR, in dem zwei Mal wöchentlich über die aktuelle Corona-Situation im Land gesprochen wird und der erst kürzlich mit den Grimme Online Award ausgezeichnet worden ist, ein renommierter Preis für publizistische Qualität im Internet.

Drosten ist der Virologe, dem die Regierung vertraut

Der Wissenschaftlicher selbst scheint dieser Einschätzung offensichtlich zuzustimmen. Drosten führt sein offenbar verändertes Gemüt auf "die nicht endenden, unterstellenden und aggressiven Anfragen der Bild-Zeitung" zurück. "Fast jeden Tag kostet das mich, die Pressestelle der Charité, sowie zwei Medienanwälte Stunden unserer Arbeitszeit. Seit über einem Monat geht das so", antwortet er dem Twitter-Nutzer.

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Schon immer legt Drosten großen Wert darauf, die Öffentlichkeit zu informieren. Er nutzt dabei alle möglichen Kanäle und verwendet selten die für die breite Bevölkerung oftmals schwer verständliche Sprache der Wissenschaft. Der 47-Jährige ist so quasi zum Corona-Stabschef geworden. Der Virologe, dem die Bundesregierung vertraut. Und obwohl er oft beteuert, dass er kein "Fernsehprofessor" sein möchte und die Entscheider über Lockdown oder nicht nur berate, haben seine Worte Schwergewicht.

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Seine veränderte Rolle in der Krise verschafft ihm aber auch ein veränderte Rolle in der Berichterstattung. War er anfangs oft der gefragte Experte, wird mittlerweile auch seine Expertise von Berichterstattern in Frage gestellt.

Aufreger um Drosten-Studie: Bild-Zeitung will Fehler gefunden haben

Der größte Aufreger: Die Bild-Zeitung will Fehler in einer Drosten-Studie zur Viruslast bei Kindern gefunden haben, nennt diese "fragwürdig" und "grob falsch". Wasser auf die Mühlen der Corona-Gegner. Es folgt eine ausgiebige Debatte und ein Zwist bei Twitter, bei dem Drosten die von der Bild gestellte Anfrage zu einer Stellungnahme mit einer Deadline von nur einer Stunde veröffentlicht. Er habe Besseres zu tun, fügt er hinzu und unterstellt der Bild eine "tendenziöse Berichterstattung".

Erhält Morddrohungen: Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin.
Foto: Michael Kappeler/dpa-pool/dpa

Doch nicht nur die Boulevard-Zeitung, auch einen Bericht des Spiegel  kritisiert der Virologe, weil "wieder einmal" ein Zitat aus seinem Podcast verkürzt wiedergegeben worden sei. "Ich bin es auch leid", schrieb Drosten dazu bei Twitter. Der Spiegel  reagierte und ergänzte das Zitat.

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Drosten aber hat vorerst genug - zumindest für eine Zeit lang. Die Arbeit im Labor und in der Forschung solle zwar weitergehen. In Sachen Öffentlichkeitsarbeit will er in den kommenden sechs Wochen aber kürzertreten, eine Sommerpause machen. Der Podcast wird für Juli und August vorübergehend eingestellt.

Vielleicht gönnt sich Drosten auch ein paar Tage Ruhe auf einem Bauernhof. Denn eigentlich hätte er vor Jahren einmal den Hof seiner Eltern im kleinen Dorf Groß Hesepe im Emsland übernehmen sollen. Doch daraus wurde nichts. Er entschied sich für die Wissenschaft und studierte nach dem Abitur Chemietechnik, Biologie und Humanmedizin in Münster, Dortmund und Frankfurt.

Christian Drosten: Doktorarbeit drehte sich ums Testen von Blutspenden

In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich damit, wie große Mengen von Blutspenden effektiv auf HIV und Hepatitis getestet werden können. Anschließend forschte er am Institut für Tropenmedizin in Hamburg zur Erkennung tropischer Viruserkrankungen. Dort begründete er seinen heutigen internationalen Ruf, als er 2003 einen Test für das neu identifizierte SARS-Virus entwickelte. Für seine weltweit viel beachteten Erkenntnisse erhielt Drosten 2005 das Bundesverdienstkreuz am Bande und zahlreiche weitere Auszeichnungen.

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Ab 2007 leitete Drosten das Institut für Virologie der Uniklinik Bonn. 2017 folgte er dem Ruf aus der Hauptstadt und wurde Direktor des Instituts für Virologie an der berühmten Universitätsklinik Charité. Dort entwickelten Forscher unter seiner Leitung einen Test für das Coronavirus, das seit Ende 2019 in China grassiert. Bereits Mitte Januar 2020 konnte das Nachweisverfahren weltweit zur Verfügung gestellt werden.

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Schon während der SARS-Epidemie machte er seine Forschungsergebnisse sofort der weltweiten Wissenschaft zugänglich. Das war damals keineswegs üblich. Doch für Drosten ist Zeit bei der Bekämpfung einer Pandemie der entscheidende Faktor. Je schneller die Experten ihr Wissen teilen, desto rascher können Tests, Impfstoffe und Gegenmittel entwickelt werden. Die mediale Präsenz aber wird für den Forscher zunehmend zu einem Problem. Vor allem dann, wenn das Ziel, die Virus-Bekämpfung, ins Hintertreffen gerät.

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Die Diskussion ist geschlossen.

01.07.2020

Als medizinischer Laie habe ich allergrößte Hochachtung vor dem Bemühen von Prof. Christian Drosten, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die auf seinen eigenen Studien und insbesondere auf dem Lesen der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Corona Seuche fußen, schnell den FachkollegInnen, den Bürgerinnen und Bürgern und den Entscheidern in der Politik verständlich mitzuteilen.

Meine Verachtung gilt der Bild-Zeitung und ihrem Chefredakteur, die unsauber argumentierend diese Arbeit abzuwerten versuchen.


Raimund Kamm