Als syrische Rebellen im Dezember den Präsidentenpalast von Baschar al-Assad in Damaskus stürmten, fanden sie in einer riesigen Garage die Autosammlung des gestürzten Diktators: Luxuswagen der Marken Ferrari, Rolls-Royce, Aston Martin, Mercedes und Lamborghini sowie Dutzende weitere Wagen standen dort aufgereiht. Jetzt ließ Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa vier Autos aus Assads Garage versteigern, um Geld für einen neuen Entwicklungsfonds zu sammeln: 20 Millionen Dollar kamen in die Kasse. Scharaa will mit dem Verkauf der Assad-Autos für seine Regierung werben, denn seit Montag läuft in Syrien der Zeitplan für die ersten Wahlen seit dem Sturz des früheren Herrschers.
„Das war eine PR-Aktion“, sagt der Syrien-Experte Joshua Landis von der US-Universität Oklahoma über die Ferrari-Versteigerung. Mehr als ein halbes Jahr nach Assads Entmachtung stehe Scharaas Regierung unter Druck. Aus Sicht vieler Syrer versage sie bei der Neuordnung der öffentlichen Finanzen und dem Wiederaufbau des Landes und erwecke den Eindruck, Korruption und Vetternwirtschaft der Assad-Zeit zu übernehmen, sagte Landis unserer Zeitung.
Kein echter Bruch mit dem alten System
Ärger gibt es zum Beispiel, weil Scharaas Berater mit Geschäftsleuten verhandeln, die schon unter Assad zur Elite gehörten. Dieser Kuhhandel empöre viele Syrer, die eine Bestrafung der alten Elite wollten, sagt Landis. Scharaa habe also ein Interesse daran, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass er mit Assads System bricht. Die Versteigerung der Autos gehört dazu. Seine Regierung wolle wieder aufbauen, „was das gestürzte Regime zerstört hat“, sagte der neue Machthaber bei einer Zeremonie zur Vorstellung des Entwicklungsfonds, bei der die Autos unter den Hammer kamen. Mit dem Geld aus dem Fonds will er die Wiederansiedlung von Syrern in ihren Heimatorten und den Neuaufbau der Landwirtschaft finanzieren. In den kommenden Monaten sollen weitere Autos des Diktators versteigert werden.
Für den ersten Abend suchte sich Scharaas Regierung besondere Kostbarkeiten aus: Zu den vier versteigerten Wagen gehörte ein Ferrari des Typs F50, von dem weltweit nur 349 Stück gebaut worden sind. Über die Käufer ist nichts bekannt; es ist aber möglich, dass sie Syrer waren. Zwar leben die allermeisten Syrer nach 14 Jahren Bürgerkrieg in Armut, doch einige wenige haben ihr Vermögen in die neue Zeit gerettet. „Teure Restaurants in Damaskus sind ausgebucht, ohne Reservierung bekommt man da keinen Tisch“, sagt Landis.
Wahl in Syrien ist nicht wirklich demokratisch
Auch Scharaa, ein früherer islamistischer Rebellenkommandeur, hat offenbar Gefallen am Luxus gefunden. „Er tritt in gut geschnittenen Anzügen auf und wohnt in Assads früherem Palast“, sagt Landis. Der Prunk kommt nicht gut an, weil der Staat an vielen anderen Stellen versagt. Vor kurzem protestierten Lehrer in der nordsyrischen Metropole Aleppo dagegen, dass sie seit Monaten nicht mehr bezahlt werden.
Mit der ersten Parlamentswahl seit Assads Flucht will Scharaa den Syrern auch politisch zeigen, dass die alte Zeit endgültig überwunden ist. Die neue Volksvertretung mit 210 Abgeordneten soll im Amt bleiben, bis in fünf Jahren eine neue Verfassung ausgearbeitet ist. Mit Demokratie habe die Wahl dennoch wenig zu tun, sagt Experte Landis. Er weist darauf hin, dass Scharaa als Präsident ein Drittel der künftigen Parlamentsabgeordneten direkt ernennt. Auf die Wahl der restlichen 140 Abgeordneten hat Scharaa ebenfalls großen Einfluss, weil er die Kommission eingesetzt hat, die für die Auswahl der Kandidaten zuständig ist. „Das schafft nur ein Gefühl der Demokratie“, sagt Landis – „aber keine wirkliche“.
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