Bürgermeister Franz Grauer hatte es extra noch einmal ins Gemeindeblatt vom Februar hineingeschrieben: „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit - sie lebt von unserer aktiven Mitgestaltung.“ Und wirklich, in Kirchhaslach sind noch mehr Menschen zur Wahl gegangen als im deutschen Schnitt: Die Wahlbeteiligung lag bei 86,5 Prozent. Aber ein großer Teil der Bürgerinnen und Bürger hier interpretiert aktive Mitgestaltung ganz offensichtlich anders als ihr Bürgermeister: 38,3 Prozent von ihnen haben ihre Stimme der AfD gegeben. Kirchhaslach, die kleine Gemeinde mit acht Ortsteilen und insgesamt gut 1360 Einwohnern, nur ein paar Kilometer von Babenhausen entfernt und umgeben von viel Wald und vielen Wiesen, ist die AfD-Hochburg in Schwaben.
Bürgermeister Grauer (CSU/Freie Wählerschaft) ist am Tag nach der Wahl maximal frustriert. „Ich habe keine Ahnung“, sagt er auf die Frage, wie es dazu kommen konnte. Er ist auf dem Sprung zu einem Termin, es muss schließlich weitergehen. Ja, es gebe so eine „junge Clique, die nach rechts abgedriftet ist, aber die machen ja keine 38 Prozent aus“. Wirklich, er könne es nicht erklären. „Wir sind eine schuldenfreie Gemeinde, wir haben keine Asylbewerber.“
Die Migration beschäftigt die Menschen in Kirchhaslach besonders
Das Rathaus liegt im Ortskern, gleich gegenüber steht die barocke Wallfahrtskirche. Ein paar Meter weiter hat Gabi Stölzle ihr Reich. Ihre Familie betreibt die örtliche Metzgerei. Jedes Kind bekommt bei Stölzle eine dicke Scheibe Wurst, einen Lolli oder beides. Mit den meisten Kunden ratscht sie ein bisschen. Warum hier so viele AfD gewählt haben? „Das kann ich Ihnen schon sagen“, erklärt Stölzle in ihrem schwäbischen Dialekt. „Weil die anderen den Karren an die Wand gefahren haben.“ Scheu davor, zur AfD zu stehen, hätten viele hier längst nicht mehr. „Das gängige Argument ist fast schon: Wer sie nicht wählt, ist doch dumm. Und am meisten bewegt die Leute die Migration.“ Sie selber habe nicht AfD gewählt, sagt Stölzle. Aber die Flüchtlingsfrage beschäftigt sie auch. „Ich habe nichts gegen Fremde, aber sie sollen zum Schaffen gehen. Das ganze Geld, das an die Flüchtlinge geht, fehlt doch woanders.“ Die Unternehmerin hat viel zur Lage in Deutschland zu sagen. Dazu, wie die Politik die kleinen Bauern kaputtgemacht habe, wie sie selber deswegen ihre Fleischpreise erhöhen und das den Kunden erklären müsse. Doch immer wieder unterbricht sie ihre Rede, der Laden brummt.
Zwar lassen der höchstwahrscheinlich neue Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und CSU-Chef Markus Söder keinen Zweifel daran, dass sie die Zuwanderung massiv einschränken wollen. Aber: „Ich habe die gewählt, die wirklich abschieben wollen“, sagt ein Kunde zwischen zwei Schnittwurstbestellungen. Dass „die“ auch Rechtsextreme in ihren Reihen haben, Demokratiefeinde, ist offensichtlich zweitrangig. „Es ist doch seit zehn Jahren so: Wenn man zehn Flüchtlinge fortschickt, kommen 100 neue. Und dann bringen sie bei uns die Leute um.“
An der These der AfD, dass die Menschen im Zweifel lieber das Original wählen als die Kopie, scheint in Kirchhaslach einiges dran zu sein. Dass diese Wahl nicht nur auf Fakten beruht, das zeigt ein Besuch hier aber auch: Da heißt es etwa, dass Flüchtlinge schneller einen Arzttermin bekommen als Deutsche. Oder dass die Medien Kriminalität durch Asylsuchende unter den Tisch fallen lassen.
Auf der Straße hört man noch andere Gründe für das gute AfD-Ergebnis: dass die Menschen hier auf dem Land sich abgehängt fühlen. Dass die Bürokratie sie in den Wahnsinn treibt. Dass die demokratische Mitte nur leere Versprechungen macht.
Bayernweit liegt das Zweistimmenergebnis der AfD bei 19 Prozent und damit unter dem Bundesschnitt. Nach wie vor hält die CSU die selbsternannte Alternative in Schach, hat alle Direktmandate gewonnen. Doch in einem Großteil der Gemeinden wurde die Partei um Alice Weidel zweitstärkste Kraft. In den wenigen Kommunen, in denen die AfD vergleichsweise schwach ist, wählen auffällig viele Menschen die Grünen - etwa rund um den Ammersee oder den Starnberger See.
Was der Landrat zum AfD-Ergebnis im Unterallgäu sagt
In Kirchhaslach ist der grüne Balken beim Wahlergebnis kaum sichtbar, die Partei steht bei 2,9 Prozent, bedeutet umgerechnet: 25 Wähler im ganzen Gemeindegebiet. Man müsste schon viel Glück haben, auf den nahezu verwaisten Straßen einen von ihnen anzutreffen. Vielleicht die Frau, die im Vorbeieilen sagt, dass sie sich schon ein bisschen unbehaglich fühle mit dem Ergebnis hier, und dass es eigentlich keine Probleme gegeben habe in den letzten Jahren, auch dann nicht, als hier noch Asylbewerber lebten. Das ist fünf, sechs Jahre her, etwa 40 waren es nach Angaben des Bürgermeisters. Jetzt steht die Unterkunft bei der Kirche leer, jemand hat einen Stuhl vor die Tür gestellt. Auf dem Dach sind Paneele für Solarstrom installiert. Mittlerweile hat der Landkreis eine andere Unterkunft im Ortsteil Herretshofen gemietet. Bald sollen dort bis zu 50 Personen einziehen, hauptsächlich ukrainische Flüchtlinge.
Auch im Landratsamt zerbricht man sich über das Wahlergebnis den Kopf. Landrat Alex Eder, selbst bei den Freien Wählern, sagt: „Das Unterallgäu war immer schon ein tendenziell konservativer Landkreis. Möglicherweise fühlen sich stark konservativ geprägte Menschen zunehmend enttäuscht oder nicht mehr ausreichend abgeholt von den etablierten Parteien, wollten einen noch deutlicheren Kurswechsel und haben dann eine geringere Schwelle, dies über ein Kreuz bei der AfD auszudrücken.“
Metzgereichefin Gabi Stölzle bestätigt das. „Ich glaube, bei den Leuten hier war viel Protest dabei. Wenn die anderen Parteien einen guten Job machen, dann wird die AfD auch wieder schwächer.“ Ja, auch sie fände Schwarz-Blau gut, wie so viele hier. Explizit Schwarz-Blau, nicht andersherum. „Und die AfD allein ist viel zu radikal. Aber ein bisschen mitmischen, das würde nicht schaden.“
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