Mehr als 900.000 Menschen in Deutschland leben in einem Pflegeheim – und immer weniger können sich das leisten. Nach einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK liegt die durchschnittliche Gesamtbelastung der Bewohnerinnen und Bewohner inzwischen bei mehr als 2400 Euro monatlich und damit wieder deutlich über dem Niveau des Jahres 2021, als die Politik Zuschläge zur Begrenzung der Eigenanteile eingeführt hatte. Tendenz: weiter steigend. „Wenn man von einer im Vergleich zu den Vorjahren eher moderaten Steigerung um zehn Prozent ausgeht“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Instituts, David Scheller-Kreinsen, „werden die Eigenanteile inklusive Unterkunft und Verpflegung im Jahr 2029 eine durchschnittliche Gesamtbelastung von 3812 Euro pro Monat ergeben.“
Der monatliche Eigenbeitrag setzt sich dabei aus mehreren Komponenten zusammen:
- Pflege und Betreuung: Diese Kosten finanziert die Pflegeversicherung mit. Dazu kommt ein von Heim zu Heim unterschiedlich hoher Eigenanteil.
- Investitionen: Für die Instandhaltung des Gebäudes, Um- und Ausbauten oder die Ausstattung von Gemeinschaftsräumen erheben die Heime eine Umlage, die jeder Bewohner selbst zahlt.
- Wohnen und Essen: Darunter fallen die Kosten für die täglichen Mahlzeiten, die Wäsche sowie das Zimmer und seine regelmäßige Reinigung. Auch diese Kosten müssen komplett von den Bewohnern getragen werden.
- Ausbildung: Die Ausgaben, die für die Ausbildung von Pflegekräften entstehen, werden auf die Bewohner umgelegt. Allerdings bilden nicht alle Heime selbst aus.
- Zusatzleistungen: Dazu können ein besonders komfortables Appartement oder eines mit Terrasse gehören, Fahrdienste oder ein Vorlese-Service. Sie müssen vertraglich vereinbart und von den Bewohnern selbst bezahlt werden.
Die einzelnen Kostenblöcke sind von Heim zu Heim und auch von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. So kann ein hoher Renovierungsaufwand für ein in die Jahre gekommenes Haus die Kosten für die Bewohner über die Investitionsumlage kräftig in die Höhe treiben. In unserer Region reicht die Spanne für einen Heimplatz nach einer Umfrage unserer Redaktion bei Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt und Stadt Augsburg für einen Pflegebedürftigen in Pflegestufe 3 im zweiten Jahr je nach Heim von 2893 Euro bis 3758 Euro – beides Häuser der Caritas. Die Stadt Augsburg verlangt für den gleichen Bewohner im Schnitt 3397 Euro, die Arbeiterwohlfahrt 3322 Euro und die Diakonie durchschnittlich 3003 Euro. Zum Vergleich: im bayerischen Mittel beträgt der Eigenanteil nach Berechnungen des Verbandes der Ersatzkassen im zweiten Jahr 2701 Euro.
Pflegeheim: Wer länger bleibt, zahlt weniger
Wichtig zu wissen: Je länger jemand im Pflegeheim lebt, umso geringer wird sein Eigenanteil. Im ersten Jahr beträgt der Abschlag auf die Pflegeleistungen 15 Prozent, im zweiten 30 Prozent, im dritten 50 Prozent und im vierten Jahr 75 Prozent. Unterkunft, Verpflegung oder Investitionspauschalen fallen nicht unter den Rabatt und müssen in voller Höhe selbst bezahlt werden. Wer, zum Beispiel, mehr als drei Jahre in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt Schwaben lebt, zahlt dort anstelle der ursprünglichen 3662 Euro nur noch 2304 Euro im Monat selbst. Bei der Diakonie sind es 2158 Euro.
Da viele Betroffene sich solche Kosten nicht leisten können und Kinder erst ab einem Jahreseinkommen von mehr als 100.000 Euro in die Pflicht genommen werden, springt in vielen Fällen die Sozialhilfe ein. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes erhielten im Jahr 2023 knapp 335.000 Bewohner von Pflegeheimen die sogenannte Hilfe zur Pflege, weil die Rente und die eigenen Ersparnisse nicht ausreichten – das sind umgerechnet 37 Prozent. In Augsburg sind es sogar knapp 43 Prozent.
Kostentreibend haben sich vor allem die Tarifabschlüsse ausgewirkt. Seit September 2022 gilt eine Tarifpflicht für Pflegeeinrichtungen. Das bedeutet, dass Heime und ambulante Dienste ihre Beschäftigten entweder nach Tarif bezahlen oder mindestens eine tarifgleiche Bezahlung gewährleisten müssen. Die Stadt Augsburg etwa begründet ihre tendenziell höheren Sätze in ihren fünf Pflegeheimen explizit mit den Lohnkosten: „Die Altenhilfe Augsburg beschäftigt eine langjährig stabile Stammbelegschaft und vergütet ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst – dem höchsten Tarifniveau im Pflegebereich.“ So seien mit der letzten Tarifrunde verschiedene Zulagen, etwa die für Wechselschichten, deutlich angehoben worden. „Diese Zuschläge kommen zur allgemeinen Tariferhöhung von drei bis fünf Prozent hinzu und führen zu einer durchschnittlichen Gehaltserhöhung von bis zu 1200 Euro pro Pflegekraft und Jahr allein aus den Zulagen.“
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