Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

Erst von Trump abgebügelt, dann geherzt von Europa: die unglaublichen Tage des Wolodymyr Selenskyj

Krieg in der Ukraine

Unverschämter Fremder, unverzagter Freund: Irre Tage für Wolodymyr Selenskyj

  • |
  • |
  • |
  • |
    Das Familienfoto vom Ukraine-Gipfel in London. In der ersten Reihe, zweiter von rechts: der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.
    Das Familienfoto vom Ukraine-Gipfel in London. In der ersten Reihe, zweiter von rechts: der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Foto: Justin Tallis, AFP Pool/AP/dpa

    Donald Trump hat seinen Gast gerade aus dem Weißen Haus werfen lassen, als ihn der Hunger überkommt. Um 13.30 Uhr setzt sich der US-Präsident gemeinsam mit einigen eilig herbeigerufenen Mitarbeitern an den gedeckten Tisch und lässt Rosmarin-Hühnchen mit Selleriewurzel-Püree auffahren. „He ate Selenskyj‘s lunch“, verkündet seine Sprecherin Karoline Leavitt anschließend lachend beim rechten Sender Fox News – eine im Amerikanischen doppeldeutige Formulierung. Im übertragenen Wortsinn heißt das: „Er hat Selenskyj fertiggemacht.“

    Während sich in Europa nach dem beispiellosen Eklat extreme Schockwellen ausbreiten, wird Trump daheim in den USA von seinen Anhängern gefeiert. Als einer der ersten tritt ausgerechnet Senator Lindsey Graham, den Sicherheitspolitiker in Deutschland lange für einen Ukraine-Unterstützer gehalten haben, vor die Kameras. „Präsident Trump hat den Belehrungen durch Präsident Selenskyj standgehalten, dessen Verhalten mehr als inakzeptabel war“, sagt der schillernde Republikaner. „Selenskyj soll zurücktreten und jemand anders schicken, mit dem wir ins Geschäft kommen können – oder er muss sich ändern.“

    Drei Viertel der republikanischen Wähler in den USA wollen ein schnellstmögliches Ende des Ukraine-Krieges

    Das gibt den Ton vor. „Danke, Präsident Trump, dass Sie sich für Amerika eingesetzt haben, wie es sich noch kein Präsident getraut hat“, beweihräuchert Außenminister Marco Rubio seinen Chef. Tulsi Gabbard, immerhin die Chefin der amerikanischen Geheimdienste, behauptet: „Selenskyj versucht seit Jahren, die Vereinigten Staaten in einen Atomkrieg mit Russland zu ziehen.“ Senator Ted Cruz pöbelt den desavouierten Gast persönlich an („Selenskyj glaubt, alles besser zu wissen und will, dass Trump ihm in den Arsch kriecht“), während der Tech-Investor David Sacks eine Ode auf sein Idol anstimmt: „Jeder andere Präsident hätte einfach dagesessen und die Unverschämtheiten hingenommen. Präsident Trump verteidigte die Ehre des Landes und stand für Frieden ein.“

    Der Vertreter eines von Russland überfallenen Landes, das sich seit drei Jahren in einem blutigen Krieg gegen den Aggressor wehrt, als gefährlicher Feind der USA? Ein imperialer Präsident, der den westlichen Verbündeten beschimpft und vor die Tür setzt, als tapferer Widerstandskämpfer? „Er missachtete die Vereinigten Staaten von Amerika in ihrem geschätzten Oval Office“, moniert Trump persönlich. Ein krasserer Kontrast zu Selenskyjs Auftritt im Kongress vor gerade mal 26 Monaten, als Republikaner und Demokraten den Ukrainer wie eine Freiheitsikone bejubelten, ist kaum vorstellbar.

    Der Ukrainer hat seine Position seither nicht geändert. Wohl aber haben das die Republikaner in den USA. Ihre Wähler standen der militärischen Unterstützung des fernen Landes schon immer tendenziell kritisch gegenüber. Anfang 2023 fand laut einer Gallup-Umfrage rund die Hälfte von ihnen, die USA leiste zu viel Unterstützung. Im Dezember 2024 waren es zwei Drittel. Während 30 Prozent der demokratischen Wähler ein schnellstmögliches Ende des Krieges ohne Rücksicht auf ukrainische Gebietsverluste fordern, sind es bei den Republikanern satte 74 Prozent.

    Ein Bild, das Bände spricht: US-Präsident Donald Trump (rechts) und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag im Oval Office des Weißen Hauses.
    Ein Bild, das Bände spricht: US-Präsident Donald Trump (rechts) und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag im Oval Office des Weißen Hauses. Foto: Mystyslav Chernov, AP/dpa

    Das ist auch die Position von Trump. Die Republikaner im Kongress sind nach dem Wahlsieg ihres Parteiherrschers komplett umgefallen. Nur eine einzige republikanische Senatorin äußert nach dem Eklat ihr Unbehagen. „Mir wird schlecht, weil sich unsere Regierung offenbar von unseren Verbündeten abwendet und Putin umarmt“, sagt Lisa Murkowski, die innerhalb der Partei keinerlei Gewicht besitzt.

    „Oh, Sie haben sich fein gemacht!“, begrüßt Trump seinen Gast Selenskyj beißend

    Trump macht aus seiner Sympathie für den Autokraten Putin keinen Hehl. Mehrfach hat er in den vergangenen Tagen erklärt, dass er ihm vertraut. Sein Ziel ist ein möglichst schneller Waffenstillstand ohne Verpflichtungen für die USA, aber mit dem Zugriffsrecht auf die Bodenschätze der Ukraine. Bei der Begegnung im Oval Office übernimmt er an mehreren Stellen die Sichtweise des Kremls. Gegen Selenskyj hingegen hegt er seit dessen Weigerung vom Juli 2019, eine Verleumdungskampagne gegen Joe Biden zu unterstützen, eine tiefe persönliche Abneigung. Den wie üblich in militärischem Outfit angereisten Gast begrüßt Trump beißend: „Oh, Sie haben sich fein gemacht!“ Bei dem Termin mit handverlesenen Journalisten ruft er einen bekannten Rechtsaußen-Propagandisten für eine Frage auf. „Besitzen Sie keinen Anzug?“, attackiert dieser den Gast.

    Viele Demokraten in den USA glauben daher wie Senator Chris Murphy, dass der Zusammenstoß vor laufenden Kameras kurz darauf kein Zufall war. Trump habe Selenskyj 40 Minuten subtil zu demütigen und provozieren versucht, zeichnet Murphy die Begegnung nach. Als der Gast darauf nicht eingeht, mischt sich plötzlich Vizepräsident J.D. Vance ein und preist eine rein „diplomatische Lösung“ des Krieges. Das musste bei Selenskyj, dessen zentrales Anliegen die Absicherung eines Friedensschlusses ist, die Alarmglocken läuten lassen. Er reagiert.

    „Selenskyj ist nicht unfreundlich gewesen. Er hat Vance eine einfache Frage gestellt“, analysiert Murphy auf der Internet-Plattform X. Doch daraufhin explodiert Trump. Der Senator ist sicher: „Das Ganze war eine Falle.“

    Erst abgekanzelt, dann umarmt: Nach dem Rauswurf aus dem Oval Office von US-Präsident Donald Trump traf der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (rechts) den britischen Premierminister Keir Starmer.
    Erst abgekanzelt, dann umarmt: Nach dem Rauswurf aus dem Oval Office von US-Präsident Donald Trump traf der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (rechts) den britischen Premierminister Keir Starmer. Foto: Kin Cheung, AP/dpa

    In der sitzt Selenskyj noch immer. Er versucht zwar hinterher mehrmals, mit Lobeshymnen und dankenden Worten an das amerikanische Volk Boden gut zu machen. Aber das hilft ihm erst mal wenig. Was ihm hilft, ist keine 24 Stunden später ein Treffen mit dem britischen Premier Keir Starmer. Wieder sitzt Selenskyj in einem gemütlichen Sessel. Wieder trägt er seinen dunklen Pullover; er bleibt bei jenem Stil, mit dem er seit dem russischen Angriff vor drei Jahren um die Welt reist und um Unterstützung bittet. Doch diesmal hat er nicht die Arme vor der Brust verschränkt wie im Oval Office, er ringt nicht nach Worten. Er lächelt und sagt: „Vielen, vielen Dank, Keir!“ Das wirkt so, als wolle er seinen Gastgeber wie schon bei der Ankunft in der 10 Downing Street nochmals umarmen. Selenskyj, das ist die Botschaft, ist wieder zu Gast bei Freunden.

    In der Ukraine ist das Zerwürfnis mit Trump vor allem von Ängsten begleitet, die US-Hilfe könnte komplett wegbrechen

    Ein Kontrast, der kaum größer sein könnte. Starmer versichert Selenskyj erneut unerschütterliche Unterstützung, besiegelt durch einen weiteren Vertrag für einen Milliardenkredit zur Verteidigung gegen den Angriff Russlands. In der Ukraine ist das Zerwürfnis mit Trump nun vor allem von Ängsten begleitet, die US-Hilfe könnte komplett wegbrechen und den Weg frei machen für einen Sieg der Russen. Das will Selenskyj unter allen Umständen verhindern.

    Am Sonntag schließlich das Treffen am Nachmittag mit zahlreichen westlichen Staats- und Regierungschefs, darunter Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz, sowie den Spitzen von EU und Nato. Selten lag mehr Symbolik auf dem sogenannten Familienfoto als bei diesem Spitzentreffen in London. Die Europäer und ihre Verbündeten präsentieren sich auf dem traditionellen Gruppenbild geschlossen, in ihrer Mitte: Wolodymyr Selenskyj. Würde sich hier die „Koalition der Willigen“ bilden, auf die Keir Starmer hofft, um konkrete europäische Sicherheitsgarantien wie etwa Friedenstruppen für die Ukraine auf den Weg zu bringen? Das Foto im palastartigen Lancaster House veranschaulicht zumindest die Botschaft, die die Teilnehmer in die Welt senden wollen: Es sei der Moment, „zusammenzustehen“, so formuliert es der Gastgeber.

    Der eröffnet den Gipfel flankiert von Selenskyj zu seiner linken, Macron zu seiner rechten Seite. „Wir sind alle bei Ihnen, bei der Ukraine, so lange es dauert“, sagt er an Selenskyj gewandt. Die gemeinsame Wertegemeinschaft des Westens, das ist nun klar, löst sich auf. Als Antwort wollen die Europäer deshalb eine Art Angebot aufsetzen, um die Amerikaner zurück an Bord zu bekommen. Zudem arbeite man an einem Plan für eine mögliche Waffenruhe. Wie könnte die „Sicherung eines gerechten und dauerhaften Friedens“ in der Ukraine aussehen? Frankreich und Großbritannien, die beiden europäischen Atommächte, zeigten sich bereits willens, nach einer wie auch immer gearteten Friedenslösung Soldaten in das kriegsgebeutelte Land zu schicken. Sie fordern jedoch eine Absicherung durch die USA. Deutschland und Italien lehnten in einem solchen Szenario bislang die Entsendung von Truppen ab.

    Paris und London – sie übernehmen die Führungsrolle in dieser für den alten Kontinent beispiellosen Krise. Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas wird von Starmer dagegen nicht erwähnt. Scholz sagt zwar, dass sich die Ukraine „auf Deutschland und auf Europa“ verlassen könne. Doch er gilt als das, was in politischen Zirkeln als „lame duck“ bezeichnet wird, als lahme Ente. Nur noch geschäftsführend im Amt, haben seine Worte kaum noch Gewicht.

    Kann gerade Keir Starmer seine neue Beziehung zu Trump nutzen, um die US-Unterstützung zu sichern? Erst wenige Tage ist das Treffen der beiden im Weißen Haus her. Starmer greift noch am Samstagabend zum Telefonhörer, um mit Trump und Macron zu sprechen und kurz vor dem Ukraine-Gipfel in London „einen Weg nach vorn zu finden“.

    Die Briten könnten in Zukunft eine zentrale Rolle innerhalb der Nato übernehmen

    Dass der Gipfel am Sonntag in London stattfindet, unterstreicht, wie sehr die geopolitischen Verschiebungen unter Trump Europa und Großbritannien näher zusammenrücken lassen. Ein Premier, der innenpolitisch zuletzt unter Druck stand, positioniert sich nun – gemeinsam mit Macron – als zentrale Figur auf der internationalen Bühne. Starmer gilt als wenig charismatisch, wie der britische Journalist Paddy O’Connell am Wochenende anmerkt. Doch genau diese Eigenschaft könnte sich nun als Vorteil erweisen. In Zeiten diplomatischer Spannungen zählt möglicherweise nicht die große Geste, sondern kühle Sachlichkeit – eine Stärke, die der Premier in diesem Moment auszuspielen versucht.

    Der britische Premierminister Keir Starmer (Mitte) mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (links) und dem ukrainischen Präsidenten  Wolodymyr Selenskyj beim Sondergipfel in London.
    Der britische Premierminister Keir Starmer (Mitte) mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (links) und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj beim Sondergipfel in London. Foto: Christophe Ena, Pool AP/dpa

    Laut Christian Mölling, dem Direktor des Programms „Europas Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung, könnten die Briten in Zukunft eine zentrale Rolle innerhalb der Nato übernehmen, weil sie im Gegensatz zu Deutschland „die Mentalität haben, zum Beispiel mit den Franzosen eine gemeinsame Schutztruppe für die Ukraine vorzuschlagen”. Doch was hat Großbritannien militärisch zu bieten? Das Land verfügt über eine starke Marine und Luftwaffe sowie über nukleare Abschreckungskapazitäten, die – anders als die französischen Atomwaffen – Teil der Nato-Nuklearstrategie sind. Ben Barry von der Denkfabrik International Institute for Strategic Studies weist jedoch darauf hin, dass die britische Armee zwar einsatzfähig, aber nicht für intensive Kampfhandlungen gerüstet sei. Auch Labour-Verteidigungsminister John Healey hat eingeräumt, dass es an der nötigen Truppenstärke und Ausrüstung mangele.

    Vor seinem Besuch bei Trump hat Starmer angekündigt, die Verteidigungsausgaben bis 2027 auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Langfristig könnte der Anteil auf drei Prozent steigen – abhängig von der wirtschaftlichen Lage. ​Aus Kreisen des britischen Verteidigungsministeriums heißt es jedoch, dass bis zu 3,6 Prozent des BIP erforderlich wären, um die Streitkräfte zu modernisieren, die nukleare Abschreckung zu sichern und die Nato-Verpflichtungen vollständig zu erfüllen.

    Klar ist: Europa steht mehr denn je unter Druck. An diesem Donnerstag findet ein Krisengipfel der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel statt. Sie wissen zwar, dass es mehr Geld für Verteidigung braucht. Gleichwohl ist allen klar, dass diese Mittel an anderen Stellen fehlen werden. Hinzu kommt, dass Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán bereits eine Blockade möglicher neuer Unterstützungsbemühungen für die Ukraine angekündigt hat. Damit ist unwahrscheinlich, dass die Europäische Union neue Maßnahmen beschließen kann. (mit anf und dpa)

    Diskutieren Sie mit
    XXX 25 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren