Als Friedrich Merz die aktive Politik im Jahr 2009 verließ, war die Welt eine ganz andere als Ende 2021, dem Zeitpunkt seines Wiedereinstiegs als Abgeordneter und CDU-Chef. Krisen wie die Annexion der Krim oder die Corona-Pandemie erforderten neue Denk- und Politikansätze. Diese Entwicklung hat sich seitdem verstärkt, an Friedrich Merz ist sie ein Stück weit vorbeigegangen.
Die ersten 100 Tage seiner Amtszeit wirken wie ein Film, in dem der Kanzler einen seiner Vorgänger mimt. Helmut Kohl beispielsweise prägte einst den Begriff „Diplomatie mit der Strickjacke“. Der CDU-Mann regelte die Weltpolitik bei Pfälzer Saumagen und einem guten Glas Wein. Nur eine Handvoll Vertraute bezog er in seine Entscheidungen mit ein, dann griff er zum Telefonhörer und rief die anderen Mächtigen der Welt an. Meistens mit Erfolg: Zusammen mit François Mitterrand stabilisierte er die Europäische Union, gemeinsam mit Michael Gorbatschow ebnete er den Weg für die deutsche Einheit.
Keine Lust auf Social Media
Merz mag keine Strickjacke tragen, seine Arbeitsweise ist ähnlich. Die Entscheidung, bis auf Weiteres keine Waffen mehr nach Israel zu liefern, fällt in diese Kategorie. Er habe sie, sagte er in der ARD, nicht allein getroffen. Schlussendlich müsse er sie aber allein verantworten und das tue er auch. Genau diese altmodische Denkweise ist Merz‘ Problem. In einer globalisierten Welt gibt es keine einfachen Wege mehr. Alles hängt mit allem zusammen. Wer etwa die Russen verstehen will, muss mit den Chinesen und Brasilianern geredet haben.
Zum Verharren in alten Zeiten kommt das Verweigern. Altkanzlerin Angela Merkel bezeichnete zum Amüsement eines ganzen Landes das Internet mal als „Neuland“. Das war vor zwölf Jahren. Merz fremdelt heute noch mit den sozialen Medien, will nichts von ihnen wissen. Die Patzer bei der missglückten Verfassungsrichterwahl hätte Merz eindämmen und womöglich gar verhindern können, wenn er die Entwicklung auf X und den anderen Diensten früher mitbekommen hätte. Sogar noch ältere Politiker, US-Präsident Donald Trump etwa, wissen um die Macht des World Wide Web. Der 69-jährige Merz hingegen freut sich vor allem über das gute alte Zeitungs-Interview.
In 100 Tagen wird Merz 70
Merkel galt als Aktenfresserin, die sich mit ihrem mutmaßlich fotografischen Gedächtnis jedes Detail merken konnte. Bei ihrem Nachfolger Olaf Scholz ging die Fleißkurve ein wenig nach unten. Merz hat sie in den ersten 100 Tagen weiter gedrückt - das intensive Aktenstudium liegt ihm nicht. Ein Fehler, wie sich schon öfter gezeigt hat.
Denn wer sich an der Macht halten will, muss Bescheid wissen. Und zwar in der Regierung ebenso wie in der Partei und in der Fraktion. Hätte Merz die Übersicht, wäre ihm früher klar gewesen, dass Jens Spahn die CDU/CSU-Fraktion als Vorsitzender nicht im Griff hat. Seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hätte der Kanzler bremsen können, bevor sie mit ihren Vorschlägen zur Lebensarbeitszeit und zur Solarförderung für unliebsame Schlagzeilen sorgte. Der engere Kontakt mit dem Koalitionspartner SPD hätte dazu führen können, dass , die Renten- und die Haushaltspolitik und andere zentrale Themen wie aus einem Guss und nicht wie der Scherbenhaufen aussehen würden, den die Bürgerinnen und Bürger wahrnehmen.
Vor Amtsantritt wurde Merz fehlende Regierungserfahrung vorgeworfen. Damit sich dieser Vorwurf nicht als berechtigt erweist, muss er zulegen und neue Fehler vermeiden. Dann fiele die nächste Bilanz nach 100 weiteren Tagen fröhlicher aus. Und nicht nur, weil Merz dann seinen 70. Geburtstag feiert.
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