Welche Bedeutung Hendrik Wüst und Daniel Günther im konservativen Lager haben, lässt sich am besten an Markus Söder ablesen. Fällt der Name Günther, schlägt das Söder-Barometer aus auf Sturm. Bissige Kommentare, verbale Fouls und Zurechtweisungen fahren aus dem CSU-Vorsitzenden nur so heraus. Günther, der als Ministerpräsident in Schleswig-Holstein mit den Grünen regiert, ist ein rotes Tuch für den bayerischen Ministerpräsidenten. Der Norddeutsche hat in Kiel zusammen mit Robert Habeck regiert und ist mit ihm verkumpelt. Günther ist bei der CDU der Mann für Schwarz-Grün, womit er sich reflexhaft Söders Zorn zuzieht.
„Lieber Markus, dass du so bist, wie du bist, ist gut“, schmeichelt Wüst
Kommt die Sprache auf Wüst, ist die Tonalität eine andere. „Der Hendrik“, sagt dann Söder und erzählt, dass man sich schon lange kenne. Im Spätsommer letzten Jahres hat der CSU-Vorsitzende einen überraschenden Auftritt im Kommunalwahlkampf in Nordrhein-Westfalen hingelegt. Beide stehen zusammen auf der Bühne, recken gemeinsam die Arme nach oben. „Lieber Markus, dass du so bist, wie du bist, ist gut...“, schmeichelte Wüst.
Der Franke und der Westfale haben einen Nichtangriffspakt geschlossen. Geht es um die Nachfolge von Friedrich Merz als Bundeskanzler, sind sie die aussichtsreichsten Kandidaten. Dass Söders Platz in Bayern ist, wie er so gerne betont, glaubt niemand mehr, seit er 2021 nach der Kanzler-Kandidatur griff, damit aber scheiterte. Das Kalkül der zwei Landeschefs: sich besser nicht öffentlich zu bekämpfen und zu beschädigen, solange Merz regiert. Sonst lacht am Ende noch Jens Spahn.
Wüst ist gerade noch einmal Vater einer Tochter geworden
Wird Wüst gefragt, wie er auf die Kanzlerschaft blickt und wie seine Ambitionen auf die Macht in Berlin sind, spricht er von einer anderen Priorität. Am Mittwoch ist er zum zweiten Mal Vater geworden. Seine Frau Katharina hat Töchterchen Clementine auf die Welt gebracht. Wüst hat zur Geburt ein Bild auf Instagram gestellt, das Tochter Philippa für ihre kleine Schwester gemalt hat. Zwei Mädchen sitzen an einem Feuer. „Am Feuer sitzen. Nah beieinander. Vielleicht ist Familie genau das: ein kleines Lagerfeuer, um das man zusammenkommt“, schrieb der stolze Vater dazu.
Wenn es um seinen Antrieb geht, Politik zu machen, dann spricht Wüst oft von der Zukunft der Kinder – die seiner eigenen und die aller anderen. „Es sind alles unsere Kinder“, sagte er vor zwei Jahren, als er über die Bildungspolitik in seinem Lande spricht. Egal, woher sie kommen, welche Hautfarbe oder Religion sie haben. Allerdings ist das Bildungssystem Nordrhein-Westfalens nicht sonderlich erfolgreich, die Schüler schneiden in Vergleichstests schlechter ab als ihre Altersgenossen in Bayern oder Sachsen.
Aber während die Landesregierungen in München und Dresden das Leistungsprinzip betonen, klingt es bei Wüst anders. Er hat eine nette, ausgleichende Art kultiviert, die in NRW gut ankommt. In einer Umfrage im letzten Sommer bescheinigen zwei von drei Wählern in Nordrhein-Westfalen dem Ministerpräsidenten, eine gute Arbeit zu machen. Die CDU erreicht in der Sonntagsfrage 35 Prozent und ist damit stärker als im Bund. Die AfD kommt auf 15 Prozent und ist schwächer als im Bund. Die Koalition mit den Grünen läuft so geräuschlos wie bei Günther in Schleswig-Holstein. Ganz anders in Bayern, wo sich Markus Söder und Hubert Aiwanger (Freie Wähler) Hahnenkämpfe liefern. Die Voraussetzungen für die NRW-Landtagswahl im Frühjahr nächsten Jahres sind für den Ministerpräsidenten komfortabel. Im einstigen Stammland kommt die SPD nur auf 20 Prozent.
Hendrik Josef „Henne“ Wüst hat einen langen Weg zurückgelegt. Seinen Spitznamen bekam er in seiner Handballmannschaft. Ziemlich am Beginn von Angela Merkels langer Kanzlerschaft verfasste er gemeinsam mit Söder und anderen kraftstrotzenden Jungkonservativen ein Pamphlet, in dem die Herren forderten, dass CDU und CSU eben jenen Konservatismus stärker betonen müssten. Knapp 20 Jahre danach und mehrere Skandale später ist bei Wüst davon im Auftreten nichts übriggeblieben, während die Merz-CDU und die Söder-CSU das Konservativ-Kernige zur Schau stellen.
Als Scharfmacher, Hardliner, Alpha-Mann ist Wüst nicht bekannt
Inhaltlich ist Wüst gar nicht so weit weg davon. Auch er tritt für eine strenge Asylpolitik ein. Von ihm stammt die Formulierung, dass die politische Mitte das Flüchtlingsproblem lösen muss, wenn sie nicht aufgelöst werden will. Der studierte Jurist plädierte für Asylverfahren an der EU-Außengrenze, für konsequente Abschiebungen und geringere Sozialleistungen für Migranten. Als Scharfmacher, Hardliner oder Alpha-Mann ist der Landeschef aber nicht in Erinnerung geblieben. Er pflegt den Konservatismus des freundlichen Antlitzes.
Wüst federt gut gelaunt durch die Politik und lässt es die Menschen wissen, wie neulich auf einer Tour durch Ostwestfalen-Lippe, oder OWL, wie die Leute dort sagen. Der Ministerpräsident machte Station bei dem Lebensmittelriesen Dr. Oetker in Bielefeld. In der Versuchsküche des Konzerns backt er Kekse, die neuerdings Cookies heißen und garniert sie mit einer Himbeersahnecreme, neuhochdeutsch: Topping. Wüst legt die Krawatte ab, streift die Schürze über und knetet den Teig. Dabei tut er fröhlich kund, dass er nicht backen kann und wenn überhaupt, allerhöchstens mit Backmischung. Weil er hinter dem Zeitplan liegt, haben die Oetker-Köchinnen schon einmal fertige Kekse vorbereitet, auf die Wüst die Creme sprüht. Danach dürfen die knipsenden Reporter probieren. Die Vorkoster überleben. Als er den backsteinernen Tempel des Fertigessens betritt, zieht sich der Ministerpräsident eine Tasse Pudding am Pudding-Wunder, einem großen, gelben Automaten. „Lassen Sie sich Zeit mit den Fotos, ich esse ja noch“, spaßt Wüst. Die Fastenzeit und die eiserne Regel, wonach Politiker nicht beim Essen fotografiert werden sollten, ignoriert er lässig.
Nach dem Oetker-Wohlfühltermin geht es wieder um Kinder. Der Ministerpräsident lässt sich ein Bielefelder Modellprojekt erklären, das einsamen und depressiven Kindern hilft. Seit Corona leiden viel mehr unter psychischen Problemen, ziehen sich in die Welt der sozialen Medien zurück, in denen sie allein sind trotz vieler virtueller Freunde. Den Kampf gegen die wachsende Einsamkeit von Jungen und Alten hat sich Wüst auf die Fahnen geschrieben. „Ich kann Einsamkeit nicht verbieten.“ Aber er will Bewusstsein dafür schaffen, wie viele in Deutschland darunter leiden. Bevor der Tross Bielefeld verlässt, übernimmt der Ministerpräsident noch eben die Ehrenpatenschaft für die Drillinge Klara, Romy und Jette. Sie haben jetzt also Onkel Hendrik als Rückhalt, der auch noch für jedes der Mädchen 1000 Euro aus der Landeskasse mitbringt. Die Drei sind nicht allein, Onkel Hendrik hat über 800 Patenkinder.
Plötzlich sitzt dann der halbe Wüst auf einem Sofa und seine Beine daneben
Wüst ist Medienprofi und das Zentralgestirn der Landespolitik, doch beim Höhepunkt der OWL-Tour kann er auch noch etwas lernen. Er schaut bei Deutschlands bekanntesten Zauberern vorbei. Die Ehrlich Brothers (die mit den Stachelfrisuren) haben es vom beschaulichen Bünde ganz nach oben geschafft. Tausende kommen zu ihren Shows in Hallen und Stadien, nicht nur in Deutschland, auch in Amerika. Ihr Zauber entsteht in einer kleinen Fabrikhalle am Stadtrand, die vollgestellt ist wie ein Metallbaubetrieb. Sie führen ihren Ministerpräsidenten durch die Illusionsschmiede, er darf mit dem Flammenwerfer hantieren und am Ende wird er beinahe zersägt. Der halbe Wüst sitzt dann auf einem Sofa und seine Beine daneben. Der MP ohne Unterleib, Wüst lächelt in die Kameras. Andreas und Chris Ehrlich bieten ihm dann an, seine Haartolle auch in die Igel-Frisur verwandeln zu können. „Die Demokratie hat Grenzen“, gibt Wüst zurück.
Der zersägte Mann oder die zersägte Frau ist eine alte Nummer der Zauberei. Auf der Bühne kommt es wie in der Politik auf den richtigen Moment an, dass die Tricks in die richtige Geschichte verpackt werden. Kunst ist viel Handwerk und bedarf geflissentlicher Vorbereitung, aber ist kein Betrug. „Wir heißen nicht umsonst Ehrlich“. Das ist den Magiern wichtig. Zum Abschied verwandelt Chris noch einen 20-Euro-Schein, den Wüst aus seinem Sakko kramt, in einen Fünfer. „So geht das bei den Haushaltsberatungen auch immer“, meint der um 15 Euro Ärmere.
Günther hat viel Ärger wegen seiner Forderung nach einem Social-Media-Verbot
Auch Wüst muss sparen in seinem Landeshaushalt, sein Bundesland steckt seit Jahrzehnten in der Kreide und braucht Geld aus Bayern, das der Freistaat über den Länderfinanzausgleich in den tiefen Westen überweist. Genau wie Daniel Günther in Schleswig-Holstein. Günther ist wichtig zu betonen, dass es nur noch wenige hundert Millionen Euro pro Jahr sind. Ob Markus Söder das beruhigt? Günther hat gerade viel Ärger wegen seiner Forderung nach einem Social-Media-Verbot. In einer Talkshow hörte es sich so an, als wolle er das rechte Krawallportal Nius verbieten. Der CDU-Mann fürchtet, dass die Aufladung und Polarisierung in den sozialen Medien die demokratische Kultur zerstören. Für seinen grünen Koalitionspartner im Norden fordert er Respekt und er warnt davor, mit Schnellschüssen und knalligen Aussagen Debatten zu befeuern. Letzteres ist aber genau die Spezialität des bayerischen Ministerpräsidenten. Im Sonntagsstammtisch des Bayerischen Rundfunks beklagte Günther Ende Februar, dass es mit den Reformen in Deutschland nichts werden könne, wenn „man mit völlig unausgegorenen Vorschlägen, teilweise ja auch mit Formulierungen, die Menschen auch ausgrenzen, in so ‚ne Debatten reingeht“.
Günther und Wüst sind noch zu jung für das Prädikat Landesvater. Ihre Beliebtheit reicht aber weit über die Anhängerschaft ihrer eigenen Partei hinaus. Das war auch bei Angela Merkel so, deren Erbe der abwägenden, ausgleichenden und auch risikoscheuen Art sie bewahren. Es merkelt in der Union, ist eine beliebte Schlagzeile, um den konservativen Flügel zu provozieren. Wenn Wüst aus der Landtagswahl als Sieger hervorgeht, kann es in einigen Jahren wieder so weit sein. Auf dem Parteitag in Stuttgart ist die Alt-Kanzlerin kürzlich in den Schoß ihrer Partei zurückgekehrt. Am Abschluss seiner OWL-Tour hält Wüst eine Rede an der Industrie- und Handelskammer in Detmold. Er verspricht Reformen, Bürokratieabbau (jetzt wirklich), und kann sich einen Schwinger gegen Söder nicht verkneifen. Er verstehe wirklich nicht, warum Bayern Mittelmaß ständig als Weltspitze vermarkte. Viel Beifall im Saal. Eigentlich gehören Unternehmerrunden zu den Merz-Ultras und die Grünen werden mit Naserümpfen bedacht. „Aber der Wüst ist gängig“, sagt die Chefin der IHK beim Stehempfang nach der Rede.
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