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Interview zur Klimakrise: „In 20 Jahren werden wir in einer anderen Welt leben“

Interview

Klimakrise: „In 20 bis 30 Jahren werden wir in einer anderen Welt leben. Darauf müssen wir uns vorbereiten” 

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    Die Folgen der Klimakrise werden unsere Welt verändern, sagt Forscher Reimund Schwarze.
    Die Folgen der Klimakrise werden unsere Welt verändern, sagt Forscher Reimund Schwarze. Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa/Reimund Schwarze; Collage: AZ

    Klimaschutz und Klimaanpassung werden oft synonym verwendet. Wo liegt der Unterschied? 
    REIMUND SCHWARZE: Der zentrale Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung ist, dass der Klimaschutz eine Verhinderung von Veränderungen durch die Klimaerwärmung ist. Das sind hauptsächlich Maßnahmen im Bereich der Energiewirtschaft, beim Heizen oder im Verkehr. Klimaanpassung ist die mittlerweile unvermeidlich gewordene Reaktion auf schon eingetretene Klimaänderungen. Dazu gehören hauptsächlich Maßnahmen zur Hitze- und Starkregenbewältigung – beides Ereignisse, die durch den Klimawandel angetrieben werden.  

    Auch wenn sie unterschiedliche Dinge meinen: Sollte man Klimaschutz und Klimaanpassung trotzdem zusammendenken? Gerade bei den Kommunen? 
    SCHWARZE: In meiner Erfahrung aus der Beratung von Kommunen sind Klimaschutz und Klimaanpassung für viele dasselbe. Zum Beispiel in der Stadt Beeskow in Brandenburg gab es erstmal ein Klimaschutzprogramm, das schon etwas älter war, aber Elemente enthielt, die schon in die Klimaanpassung hineinreichten. Dann hat man ein Klimaanpassungsprogramm begonnen. Es schien allen Beteiligten die klügste Lösung, das mit den früher ergriffenen Aktivitäten zu verbinden und damit beides zu stärken, Klimaschutz und Klimaanpassung. Im Idealfall ist das möglich. Dann trägt zum Beispiel die Bekämpfung von Hitze durch Begrünung von Dächern auch zum Klimaschutz bei.

    Ist das eher die Regel oder die Ausnahme?
    SCHWARZE: Diese Suche nach Synergien erlebe ich häufig. In eher kleinen Kommunen und im ländlichen Raum ist oft nur ein Ansprechpartner da – wenn es nicht sowieso der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin ist, ist es der Klimabeauftragte. Der Klimabeauftragte hatte oft ein Selbstverständnis, dass er sich für Klimaschutz wie auch für Klimaanpassung einsetzt. Es ist sinnvoll, Synergien zu nutzen, solange das geht. Doch das wird nicht immer so sein. Langfristig werden wir uns spezialisieren müssen. Je stärker die Klimaänderung ist, desto anspruchsvoller werden die Aufgaben der Klimaanpassung sein. Dann wird das nicht mehr so einfach gehen. Denn anspruchsvoller Klimaschutz verlangt städtebauliche Verdichtung, während Anpassung an den Klimawandel Raum für die Natur auch im städtischen Bereich verlangt. In dieser frühen Phase ist es ein sehr kluges Vorgehen, das gemeinschaftlich zu denken und in einer kommunalen Beauftragung zu bündeln.

    Viele Kommunen haben keine Stelle und keinen eigenen Haushaltsposten für Klimaanpassung, aber meist für Klimaschutz. Ist es sinnvoll, das in einer Person und an einer Stelle zu bündeln? 
    SCHWARZE: In der gegenwärtigen Lage schon. Anders wird es, wenn es großer Anpassungsmaßnahmen bedarf. Wenn zum Beispiel Änderungen in der Stadtplanung nötig werden, um nicht vereinzelte Grünplanungen zu machen, sondern zum Beispiel Frischluftkorridore als Infrastrukturen zu bauen. Dafür wird die Ausschöpfung solcher Synergien nicht mehr reichen. Dafür braucht man Spezialisten für kommunale Infrastruktur oder Stadtplanung.

    Irgendwann lässt Klimaanpassung sich also nicht mehr so stemmen, wie es aktuell versucht wird? 
    SCHWARZE: Ja, denn dann geht es auch um institutionelle Netzwerke, die man aufbauen muss. Ich habe dazu zum Beispiel in Oberbayern Kommunen beraten. Wie können sie auf veränderte Risiken von Starkregen im Voralpenbereich reagieren? Dabei muss man kommunale und überkommunale Aktivitäten stärker verzahnen. Sie sehen das auch im Ahrtal. Nach dem Ereignis hat man gedacht, die Kommunen kümmern sich darum. Doch bald wurde offensichtlich: Man braucht selbst für das eher kleine Ahrtal ein interkommunales Netzwerk. Diese Aufgabenstellungen, die in 20 oder 30 Jahren auf uns alle warten, verlangen viel mehr überkommunale Vernetzung.

    Sehen Sie Anzeichen dafür, dass diese Vernetzung bereits passiert? 
    SCHWARZE: Da muss ich erneut das Ahrtal nennen. Die interkommunale Zusammenarbeit funktioniert. Aber es hat viel länger gedauert, als alle gedacht haben. Es war auch keine reine Ressourcenfrage – Geld war da. Aber man muss neue Traditionen der Kooperation schaffen und bestehende Eitelkeiten überwinden. Alte Regierungstraditionen zu überwinden, ist ein schwerfälliger Prozess. Das kann man nicht nur im Ahrtal sehen. Daher müssen wir Anpassungen genauso gut vorbereiten wie Klimaschutz. 

    Was ist aus Ihrer Sicht eine gute, nachhaltige, erfolgreiche Klimaanpassungsstrategie
    SCHWARZE: Ein gutes Beispiel ist Augsburg. Hier hat man schon lange verstanden, dass man Gewässerläufe renaturieren muss. 1999 war ein großes Hochwasser an der Wertach. Der Fluss war stark reguliert und wurde auch für die Energiewirtschaft genutzt. Nach dem Hochwasser wurde das alles rückgebaut. Hier wurde sehr frühzeitig erkannt, dass man über Renaturierung eine Menge erreichen kann. Seither liegen die Schäden in Augsburg unterhalb des Landesdurchschnitts, mindestens unterhalb des Bundesdurchschnitts. Man sieht: Es zahlt sich aus, wenn man was tut – auch finanziell, denn dann gibt es weniger Versicherungsschäden. 

    Wie wichtig ist die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger, damit Klimaanpassung gelingt? 
    SCHWARZE: Gewaltig wichtig. Gegenwärtig sind die Veränderungen, die wir den Bürgern zum Beispiel mit Hitzeaktionsplänen aufbürden, wirklich noch zumutbar. Wenn wir ein oder zwei mehr Parks schaffen oder die Struktur von bestehenden Parks optimieren, ist das im Regelfall Kleinklein. Das ist das Übliche, was den Bürgern auch sonst zugemutet wird, wenn Grünplanungen sich ändern. Aber: In 20 bis 30 Jahren werden wir in einer anderen Welt leben. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Wenn Tropennächte keine Ausnahme mehr sind und es alle paar Jahre Hitzewellen wie 2003 gibt, müssen wir neue stadtplanerische Leitbilder haben, um uns darauf vorzubereiten. Die Lage wird nicht unbedingt einfacher, denn wir brauchen dafür größere Infrastrukturänderungen.

    Haben Sie ein Beispiel dafür? 
    SCHWARZE: Nehmen Sie den Gletschersturz, der im Frühjahr in der Schweiz passiert ist. Was in so einem Fall an Infrastruktur nötig wird, um auch nur eine Stunde Vorwarnzeit mehr zu erzeugen. Das sind gewaltige Schutzbauten, die von vielen Bürgern als extrem hässlich empfunden werden. So etwas geht nicht ohne Akzeptanz. Das kann man den Bürgern nicht ohne Weiteres zumuten. Schutzbauten, auch Deiche, muss man sehr langfristig planerisch durch Beteiligungsverfahren vorbereiten. Und irgendwann werden Dinge nötig, die nicht nur unschön anzusehen, sondern auch sehr teuer sind. Das kann nur gelingen, wenn man die Menschen von dem Anliegen überzeugt. Wenn man auf den Starkregen blickt: Jeder von uns erinnert sich an das Ahrtal. Die Erfahrbarkeit der Gefahr wird immer größer. Damit wächst auch die Akzeptanz. Aber das enthebt Menschen in der Verantwortung nicht davon, Sorge zu tragen, dass man langfristig Maßnahmen ergreift. Dass man langfristig darüber diskutiert, wie Kommunen klimaresilient werden. Klimaresilienz ist viel mehr als Klimaschutz. Und es wird uns wahrscheinlich auch viel mehr kosten.

    Womit müssten wir uns bei der Klimaanpassung mehr beschäftigen? 
    SCHWARZE: Wir müssen noch viel stärker erforschen, was die verletzlichen Gruppen sind. Nehmen wir mal Covid: Niemand wusste am Anfang, wer die verletzlichen Gruppen sind. Die sollten wir aber nicht erst identifizieren, wenn man die Katastrophe wie im Fall von Covid-19 hat, sondern möglichst schon im Vorfeld. Diese Aufgabe treibt die Wissenschaft sehr um. Klimaszenarien alleine werden uns dabei nicht helfen. Wir brauchen auch Verletzlichkeitsszenarien für Deutschland. Das Umweltbundesamt arbeitet seit vielen Jahren daran. Aus Sicht der Wissenschaftler ist das ein wichtiger, aber bisher häufig übersehener Bereich, dass die Lasten aus Klimaschutz und Klimaanpassung sehr ungleich verteilt sind und sie bestimmte schwache Gruppen treffen. Dafür muss eine Antwort gefunden werden. Denn im Sozialstaat sollten wir das nicht auf die Schwächsten abwälzen, was in der Verursachung ein Problem der Reichsten ist.

    Wie könnte das aussehen? 
    SCHWARZE: Wir brauchen zum Beispiel die Pflichtversicherung für Klimarisiken, um langfristig die Akzeptanz zu sichern. Diese Ungleichheit der Folgen erfordert, dass wir als Gemeinschaft uns solidarisch stärken in der Vorbereitung auf diese Krisenereignisse. Wenn der Reiche oder der, der nicht direkt am Fluss lebt, für den in geringem Umfang mitfinanziert, der häufiger betroffen ist, dann sind wir auch in Zukunft für alle Risiken widerstandsfähiger Gesellschaft.

    Zur Person

    Prof. Dr. Reimund Schwarze forscht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig unter anderem zu europäischer und internationaler Klimapolitik, ökonomischen Fragen der Klimaanpassung, dem Management von Naturgefahren, Umwelthaftung und Versicherung. In diesem Bereich berät er auch Kommunen.

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