Die Bundestagswahl Anfang des Jahres hat die politische Landschaft neu geordnet: Die AfD gewann fast ein Viertel der Sitze, die Linke triumphierte überraschend, die FDP flog aus dem Parlament und das BSW kam gar nicht erst rein. Union und SPD traten mit neuen Gesichtern und gelockerten Schuldenregeln ihre Regierungszeit an. Wer hat in diesem Jahr profitiert, wer wurde abgestraft? Zunächst zu den Aufsteigern.
Heidi Reichinnek
Es wäre zu kurz gedacht, den Erfolg der Linken nur auf das Charisma ihrer Frontfrau zu reduzieren. Es war beispielsweise ihre Kollegin, Parteichefin Ines Schwerdtner, die die Linken inhaltlich und strategisch neu erfand. Weg vom Kultur-, hin zum Klassenkampf. Der Fokus liegt auf „Brot- und Butter-Themen“, wie Schwerdtner das gerne nennt – Mieten zum Beispiel oder Lebensmittelpreise. Aber niemand in der Partei vermittelt diese Themen so geschickt wie Reichinnek. Ihre Bundestagsreden werden in den sozialen Medien millionenfach angesehen und geteilt – ihr rasanter, emotionaler Redestil ist darauf ausgelegt. Sie ist das Gegenteil der oft verunsichert wirkenden Grünen. Nicht ohne Grund werden die in Gesprächen mit Journalisten immerzu gefragt, was sie eigentlich vom Auftritt Reichinneks lernen wollen. Und nicht nur die beschäftigen sich mit ihr: Auch die AfD will sich wohl Reichinneks Social-Media-Auftritte zum Vorbild nehmen.
Alice Weidel
Mit Weidel als Kanzlerkandidatin holte die AfD fast ein Viertel der Sitze im Bundestag – trotz Anbiederung an das rechtsextreme Vorfeld und ohne erkennbare Mäßigung. Vor allem aber hat die Parteichefin ihre Macht nach innen abgesichert. Ohne allzu große Kritik wurde die Nachwuchsorganisation „Junge Alternative“ aufgelöst und durch die „Generation Deutschland“ ersetzt, die ihr höriger sein soll. Im Bundestag hat sie eine Gruppe junger Gefolgsleute um den 36-jährigen Sebastian Münzenmaier aufgebaut, die ihr in einer stark gewachsenen Fraktion den Rücken freihält. Zwar ist sie formal gleichgestellt mit ihrem Co-Chef Tino Chrupalla. Dem fällt es aber zunehmend schwer, sich zu behaupten. So war von Anfang an klar, dass nur Weidel als Kanzlerkandidatin infrage kommt. Beim Parteitag in Riesa düpierte das Weidel-Lager Chrupalla auf offener Bühne, der die Wehrpflicht nicht im Parteiprogramm haben wollte. Auch zuletzt, als es um Russland-Kontakte in der AfD ging, stellte Weidel ihren Co-Chef bloß. In einer Partei, die nach und nach ihre Vorsitzenden abgeräumt hat, sitzt sie erstaunlich fest im Sattel.
Alexander Dobrindt
Der Innenminister wurde zum Schlüsselspieler der Koalition, lange bevor sie ihre Arbeit aufnahm. Er ist der Mann, der immer gerufen wird, wenn es brenzlig wird. Als das Sondervermögen zu scheitern drohte, verhandelte Dobrindt mit den Grünen, nachdem die – nicht ganz zu Unrecht, Stichwort: Anrufbeantworter – sauer waren auf den Kanzler in spe. Als wenige Wochen später die Koalitionsverhandlungen zu scheitern drohten, suchte Dobrindt mit der SPD den Kompromiss. Und als es darum ging, einen zweiten Wahlgang für Friedrich Merz zu organisieren und man die Linken brauchte, war es wieder Dobrindt, der das möglich machte. Im politischen Berlin ist der Innenminister bekannt als ein gewiefter Stratege, der immer zwei Züge weiterdenkt als seine Kollegen. Und anders als bei den vielen versprochenen Reformen liefert Dobrindt mit der ausgerufenen „Migrationswende“ tatsächlich das, was die Union vor der Wahl angekündigt hat – und die SPD zieht trotz Bauchschmerzen mit. Eine erstaunliche Bilanz für einen Mann, der dem Vernehmen nach gehadert haben soll, ob er das Ministeramt überhaupt übernehmen sollte.
Auf der Seite der Absteiger könnte man mit Ausnahme von Boris Pistorius eigentlich das gesamte Ampel-Kabinett listen. Während die Grünen aus der Regierung flogen, die FDP sogar aus dem Bundestag, blieb die SPD zwar Regierungspartei – ihr Chef Lars Klingbeil tauschte aber rigoros das Personal. Das sind die Absteiger.
Robert Habeck und Christian Lindner
Das Ende der Ampel war auch das Ende einer Ära zweier Charismatiker, die unterschiedlicher kaum sein könnten: der breitbeinige Porsche-Fan Lindner und der betont sanfte Polit-Philosoph Habeck. Beiden würden wohl selbst ihre erbittertsten Gegner rhetorisches Talent attestieren, wenn auch einen Hang zur Selbstverliebtheit. Lindner musste zwangsläufig gehen, nachdem er seine Partei in die außerparlamentarische Opposition geführt hatte. Habeck verabschiedete sich zwar freiwillig, aber mit einer trotzigen Art, die ihn zuweilen wie einen schlechten Verlierer aussehen ließ. Beide hinterlassen eine Partei auf Sinnsuche.
Sahra Wagenknecht
Sie hätte eigentlich die Aufsteigerin sein sollen, 2025 ihr Jahr. Mit ihrer eigenen Partei trat Sahra Wagenknecht zur Bundestagswahl an, eine Bewegung, die voll auf sie als Führungsfigur zugeschnitten war. Und die einen Bereich im Parteienspektrum besetzt, der zuletzt vernachlässigt wurde: wirtschaftspolitisch links, in soziokulturellen Fragen aber konservativ. Sie kam auf 4,981 der Stimmen. So knapp scheiterte bisher keine Partei an der Fünf-Prozent-Hürde. Zwar kämpft Wagenknecht weiter um den Einzug, nach der Absage im Bundestag will sie nach Karlsruhe ziehen. Ob das klappt? Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Wer weiß, vielleicht wird 2026 ihr Jahr.
Saskia Esken
Es ist schon manchmal erstaunlich, mit wem sich Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Ende ihrer Amtszeit trifft. Unter anderem nämlich mit Ex-SPD-Chefin Saskia Esken. Fotos zeigten sie im Sommer lachend beim Essen in Berlin. Nur wenige Monate zuvor wurde Esken, man muss es so drastisch sagen, brutal abserviert. Parteichefin durfte sie nicht bleiben, Ministerin wurde sie nicht, für Esken war nur das absolute Minimum drin: ein Ausschussvorsitz im Bundestag. Nichtsdestotrotz hörte man von ihr nie verbitterte Töne, auch nicht, wenn die Kameras aus waren. Das kann man von anderen nicht behaupten. Aber vielleicht konnte sie im Gespräch mit Angela Merkel ein wenig über ihre Ex-Partei lästern.
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