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Twitter und Elon Musk: Das passt einfach nicht zusammen

Kommentar Von Stefan Stahl
03.05.2022

Der Tesla-Chef ist ein extremer Mensch. Er hat ein naives Verständnis von freier Meinungsäußerung. Das könnte radikalen Kräften Auftrieb geben.

Wenn der Volkswagen-Konzern vor zehn Jahren Fernsehsender oder die Deutsche Presse-Agentur dpa gekauft hätte, wäre der Aufschrei sicher groß gewesen. Wie hätten die von VW geschluckten Medien dann über den Diesel-Skandal berichtet? Das zeigt, wie problematisch es ist, wenn ein Auto-Riese jegliches Maß verliert und sich Medienmacht einverleibt. Insofern ist es erstaunlich, warum nicht weltweit massiv gegen Tesla-Boss Elon Musk protestiert wird, der als reichster Mann der Welt für rund 44 Milliarden Dollar Twitter schluckt. Der Kurznachrichtendienst mit weltweit rund 230 Millionen täglichen Nutzerinnen und Nutzern ist eine der wichtigsten globalen Nachrichtenquellen und ein zentrales Kommunikationsforum. Mit Twitter wird Politik gemacht. Dabei ist Musk einer der exzessivsten Twitterer. Über den Dienst steuert er persönlich die Öffentlichkeitsarbeit Teslas.

Elon Musk sieht sich als Technik-König – ist aber auch ein Sonderling

Dass Musk sich nun sein mediales Lieblingsspielzeug unter den Nagel reißt, wirkt, als ob ein Kind einen Eiskonzern kauft, um fortan bestimmen zu können, welche seiner Lieblingssorten angeboten werden. Der Tesla-Boss ist ein großes Kind, sonst hätte der 50-jährige Sonderling nicht ernsthaft verkündet, sich künftig nicht mehr als CEO, also Chef zu bezeichnen, sondern ab jetzt den Namen „Techno-King“ zu tragen. Der Amerikaner hat zwar einen bizarren Humor, er sieht sich aber ernsthaft als Technik-König, der „elektrische Autos neu erfunden hat und Menschen mit Raketen auf den Mars schickt“.

Musk fühlt sich wie der Kommandant eines Raumschiffs, das durch unendliche Weiten gleitet. Weniger blumig könnte man sagen: Er hat jegliches Maß verloren und verwechselt das Leben mit den von ihm geliebten Science-Fiction-Romanen. In seiner neuesten und für die Menschheit gefährlichen Mission stilisiert sich der Träumer zum Helden, der als „Absolutist der Meinungsfreiheit“ Twitter als sensibles Medium nach seinen radikalen Plänen formt. Dabei erliegt Musk der naiven Vorstellung, Meinungsfreiheit sei ein Gut, dem keine Grenzen gesetzt werden müssten. Er hält es daher für einen Fehler, dass der frühere US-Präsident Donald Trump von Twitter ausgeschlossen wurde. Und das, obwohl der Populist erwiesenermaßen Lügen zu Corona verbreitet hat und Menschen mit der abstrusen Behauptung, man hätte ihm die US-Wahl gestohlen, zum Sturm auf das Kapitol angestachelt hat.

Elon Musk twittert fleißig – und hat einen bizarren Humor

Freie Meinungsäußerung ist ein hohes Gut, aber sie muss gegen die Feinde der Demokratie – ein solcher ist Trump – verteidigt werden. Ein Nachrichtendienst wie Twitter braucht Moderation und in Härtefällen den Mut zum Ausschluss unbelehrbarer Hetzer. Das hat Musk nicht verstanden. Insofern ist zu befürchten, dass Twitter unter seiner Regie ein Spielplatz von Extremisten und Spinnern wird. Der Unternehmer selbst neigt zu sonderbaren Äußerungen auf dem Dienst und zeigt etwa in einem geschmacklosen Comic auf, wie der Pazifist John Lennon erschossen wurde. Oder er pöbelt gegen den linken, 80-jährigen US-Senator Bernie Sanders: „Ich vergesse ständig, dass Du noch lebst.“

Musk ist nicht reif für Twitter. Was passiert etwa, wenn US-Behörden Ermittlungen gegen Tesla wegen Unfällen, die auf den Autopiloten zurückgehen, ausweiten? Kämpft der Amerikaner dann immer noch radikal für Meinungsfreiheit? Ex-US-Arbeitsminister Robert Reich glaubt das nicht: „Musk will die Macht haben zu entscheiden, wer sich frei äußern darf.“ So besteht die Gefahr, dass sich der Techno-King zum Meinungs-Gott aufschwingt. Twitter wäre daher besser im Schoß einer gemeinnützigen Stiftung als in den Händen eines Unruhestifters aufgehoben.

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04.05.2022

Erfolgreiche haben es in Deutschland schwer. Wie sagte Truman Capote: "Erfolg ist so ziemlich das letzte, was einem vergeben wird."

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04.05.2022

Das mit voll Stolz gesprochene "Ich arbeite beim Daimler" oder noch häufiger "Ich arbeite beim Gottlieb" war weit über ein Jahrhundert von unseren im zutreffenden Bundesland lebenden Stammesbrüdern zu hören.
„Schorndorf weiter stolz auf Gottlieb Daimler“ schreibt der SWR im Februar 2022. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mehr als 120 Jahre nach dem Tode von Elon Musk irgendwo auf der Welt Ähnliches über ihn geschrieben wird. Und ob und die Arbeiter auf ihren Arbeitsplatz bei Elon Musk lange stolz sein werden, ist auch noch nicht sicher.

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