Man nennt ihn das „Gespenst“, weil er sich so gut versteckt hält. Iss al-Din al-Haddad ist einer der meistgesuchten Kommandeure der Terrorgruppe. Seit kurzem führt er die Hamas im Gaza-Streifen und ist damit einer der einflussreichsten Männer bei den derzeitigen Bemühungen um eine Feuerpause. Nun gerät das „Gespenst“ unter den Druck arabischer Staaten, die eine Entwaffnung der Hamas fordern. Die Terroristen aber wollen ein Kriegsende zu ihren Bedingungen und machen Propaganda mit Videos der verbliebenen, völlig ausgezehrten israelischen Geiseln. Einer der Köpfe dahinter ist Haddad.
Der Mitt-Fünfziger begann als Chef der Terrorgruppe in Gaza-Stadt und rückte später zum Befehlshaber aller Hamas-Kämpfer im nördlichen Teil des Gaza-Streifens auf. Zusammen mit anderen bereitete er auch das verheerende Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 vor. Als Hamas-Chef folgte er auf Muhammed Sinwar, der im Mai von Israel getötet worden war. Es gibt kaum Fotos von ihm, in einem Interview mit dem katarischen Sender Al-Dschasira im Januar ließ Haddad sein Gesicht verdunkeln. Israel hat mehrfach versucht, ihn zu töten.
Saudi-Arabien und Ägypten erhöhen den Druck auf den Hamas-Chef
Von seinem Versteck aus steuert Haddad den Kurs in den derzeitigen Verhandlungen. Bei den Gesprächen über die letzte Feuerpause im Januar soll er seinen Vorgänger Sinwar dazu bewegt haben, der Waffenruhe zuzustimmen. Angeblich will Haddad auch über eine Entwaffnung der Hamas mit sich reden lassen – eine der Kernforderungen Israels. Nun wollen ihn wichtige arabische Staaten wie Saudi-Arabien sowie die Gaza-Vermittler Ägypten und Katar beim Wort nehmen. Sie fordern, die Hamas solle ihre Waffen niederlegen und die Macht über Gaza abgeben. Das geht aus dem Abschlusspapier einer UN-Konferenz in New York zur Zwei-Staaten-Lösung für ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern hervor.
Haddad will notfalls bis zum Tod aller Hamas-Leute kämpfen
Wichtigster Unterstützer der Terrorgruppe ist der Iran, der kein Interesse an einer Entwaffnung der Hamas hat. Allerdings ist das Regime in Teheran seit der Niederlage im Krieg gegen Israel im Juni erheblich geschwächt. Die Hamas könnte sich deshalb unter dem Druck der arabischen Staaten gesprächsbereit zeigen. Haddad will, dass Israel mit Beginn einer neuen Feuerpause ein endgültiges Ende des Krieges ausruft und alle Soldaten aus dem Gaza-Streifen zurückzieht. Die New York Times meldete unter Berufung auf Geheimdienstinformationen aus dem Nahen Osten, der Hamas-Kommandeur wolle eine „ehrenhafte Vereinbarung“ mit Israel. Andernfalls werde er den Krieg bis zur „Befreiung“ oder bis zum „Märtyrertum“ – also bis zum Tod aller Hamas-Kämpfer – weiterführen.
Das „Gespenst“ lenkt die Verhandlungen über eine Waffenruhe
Der Nahost-Experte Hugh Lovatt von der europäischen Denkfabrik ECFR erkennt bei Haddads Truppe in Gaza ein gewachsenes Selbstbewusstsein, weil die Organisation den Krieg bisher überlebt hat. Hamas-Funktionäre ignorierten die Verantwortung ihrer Organisation für die humanitäre Katastrophe in Gaza oder wälzten die Schuld auf andere ab, sagte Lovatt unserer Redaktion. Aus Furcht davor, die Israelis auf seine Fährte zu bringen, kommuniziert das „Gespenst“ von Gaza nur über Umwege mit anderen Hamas-Vertretern. Eine gemeinsame Position zu formulieren, koste die Hamas nicht nur wegen potenzieller Meinungsverschiedenheiten, sondern auch wegen der logistischen Probleme viel Zeit, sagte Lovatt.
Wie lange Haddad die Gespräche über die Waffenruhe in seinem Sinn lenken kann, ist offen. Israels Verteidigungsminister Israel Katz sagte nach dem Tod von Muhammed Sinwar im Mai, Haddad sei als einer der nächsten „an der Reihe“.
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