Da ist Abdelraheem Hamad. Er arbeitet für die internationale Hilfsorganisation „International Rescue Committee“ (IRC) im Gazastreifen. „Einmal sah ich ein Kind, das in einem Müllhaufen nach Essen suchte“, erzählt er. „Es fand nichts – es gibt keine Essensreste mehr. Die Situation ist nicht mit Worten zu beschreiben. Zu Hause hatte ich nur zwei Brote für sechs Personen. Wir sind nicht mehr nur Zeugen von Hunger – das ist Hungersnot in Echtzeit. Wir kämpfen gegen die Zeit und den Hunger – und wir verlieren.“ Oder seine Kollegin Rania Al Shrehi: „Das Weinen hungernder Kinder hört nie auf. Jeden Tag klopfen Menschen an unsere Türen und bitten um Essen – nicht um Geld, nur um Brot.“
Und da sind Politikerinnen wie die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von Leyen, die all die eingeübten diplomatischen Floskeln über Bord wirft: „Die Bilder aus Gaza sind unerträglich.“ Oder der frühere britische Außenminister David Miliband, der die Welt beschwört: „Wir erleben keine Naturkatastrophe, sondern eine von Menschen verursachte humanitäre Katastrophe.“
Nie war die Situation in diesem Krieg für die Menschen im Gazastreifen dramatischer
Die Worte werden immer eindringlicher, die Mahnungen immer verzweifelter. Wut mischt sich mit Entsetzen und Hilflosigkeit. Nach 22 langen Monaten Krieg – ausgelöst von der Terrorgruppe Hamas – ist die Situation für die Menschen in Gaza so dramatisch wie nie. Die Regierung des israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu hat mit einer monatelangen Blockade der Hilfstransporte dafür gesorgt, dass die Verzweiflung Tag für Tag wächst. Laut internationalen Experten für Ernährungssicherheit zeichnet sich in dem abgeriegelten Küstengebiet „das schlimmste Szenario einer Hungersnot“ ab. „Daten zeigen, dass mehr als jede dritte Person (39 Prozent) derzeit tagelang ohne Nahrung auskommen muss. Mehr als 500.000 Menschen – fast ein Viertel der Bevölkerung Gazas – leiden unter hungersnotähnlichen Bedingungen, während der Rest der Bevölkerung mit einer Hungersnot auf Notfallniveau konfrontiert ist“, erklärt das Kinderhilfswerk Unicef.
Selbst den Helfern, die noch im Gazastreifen ausharren, geht die Kraft aus. Immerhin dürfen seit dieser Woche wieder Lastwagen die Grenzübergänge überqueren, Kolonnen schieben sich an den Kontrollposten vorbei, anderen wird die Durchfahrt verweigert. Auch aus der Luft werden Hilfspakete abgeworfen. Doch die Not lindern kann das höchstens minimal. Von einem „Tropfen in einem Ozean“ spricht der Uno-Nothilfekoordinator Tom Fletcher. Das Palästinenserhilfswerk UNRWA hat berechnet, dass mindestens 500 bis 600 Laster mit Hilfsgütern in das Kriegsgebiet fahren müssten, um die Hungersnot zu lindern – und das täglich.
Israel wird international isoliert
Mit Drohungen und Ultimaten versucht die Weltgemeinschaft, Israel zu einer Kursumkehr zu bewegen. Ohne durchschlagenden Erfolg. Netanjahu bleibt dabei: „Es gibt keine Politik des Aushungerns im Gazastreifen, und es gibt keinen Hunger im Gazastreifen.“ Sein Außenminister Gideon Saar spricht von einer Falle der Hamas, in die der Westen getappt sei. Doch das Vertrauen vor allem der Europäer ist tief erschüttert. So erfolgreich das israelische Militär in der Schlacht gegen die islamistischen Terroristen ist, so gewaltig ist der politische Flurschaden, den Netanjahus Regierung angerichtet hat.
Ausgerechnet Israel. Ausgerechnet die einzige echte Demokratie im Nahen Osten. Ausgerechnet jenes Land, das sich im Angesicht des jahrzehntelangen Hamas-Terrors zumindest auf die Schützenhilfe (im wahrsten Sinne des Wortes) seiner Freunde stets verlassen konnte. Statt über den Terror der Hamas diskutiert die Weltgemeinschaft über die massiven Grenzüberschreitungen der israelischen Regierungskoalition. Die Hamas könne den Krieg jederzeit beenden, indem sie alle Geiseln freilasse, heißt es aus Tel Aviv. Dass ein Rechtsstaat sich an strengeren Kriterien messen lassen muss als eine islamistische Mörderbande, sieht man hier nicht.
Das politische Trümmerfeld könnte kaum größer sein. „Der internationale Rückhalt für Israel schwindet“, sagt Stephan Stetter, Nahost-Experte an der Universität der Bundeswehr in München. „Es gibt zwar Unterstützung dafür, die Hamas zu entwaffnen – aber nicht dafür, den Gazastreifen zu annektieren, eventuell sogar die Bevölkerung zu vertreiben und eine humanitäre Katastrophe weiter fortschreiten zu lassen.“ Selbst in den USA – lange nicht nur Schutzmacht Israels, sondern auch politischer Unterstützer des harschen Netanjahu-Kurses – dreht sich die Stimmung. Zumindest langsam. „Noch hat Israel Rückhalt aus dem Weißen Haus – aber es ist ein sehr dünner Rückhalt, da es in der MAGA-Bewegung Kritik gibt“, sagt Stetter.
Was ist eine Hungersnot?
Eine Hungersnot ist ein seltenes und extrem dramatisches Ereignis. Ihre Ausrufung basiert auf streng festgelegten Kriterien. Diese sind von Experten der 2004 gegründeten IPC-Initiative (Integrated Food Security Phase Classification) mit einem Hauptbüro in Rom definiert. Die Kriterien sind international anerkannt und gelten für die Analyse und Bewertung von Nahrungskrisen in Ländern weltweit.
In der IPC-Skala gibt es fünf Stufen der Ernährungslage in einem Land oder einer Region. Die allerhöchste – und schlimmste – ist Stufe 5: „Katastrophe/Hungersnot“. Darunter spricht man von Hungerkrisen. Aktuell gilt für den gesamten Gazastreifen die Stufe vier auf der IPC-Skala (“Emergency/Notfall“). Das bedeutet unter anderem, dass nach IPC-Einschätzung viele betroffene Haushalte nicht genug zu essen haben. Das schlägt sich in sehr hoher akuter Unterernährung und überhöhter Sterblichkeit nieder. In dieser Phase ist laut IPC Nothilfe mit Nahrungsmittellieferungen nötig, damit Menschen nicht an Unterernährung sterben.
Phase fünf setzt formell einen extremen Mangel an Nahrungsmitteln, akute Unterernährung und eine bestimmte Zahl hungerbedingter Todesfälle voraus. Die Experten von IPC warnten diese Woche, dass die ersten beiden Kriterien zumindest in Teilen des Gazastreifens bereits erfüllt werden – extremer Mangel an Nahrungsmitteln praktisch in den meisten Teilen des Gazastreifens und akute Unterernährung in Gaza-Stadt.
Was kann mit Blick auf die aktuellen Kämpfe überhaupt noch als legitimer Krieg gegen die Terrororganisation Hamas gewertet werden? Was dient nur dazu, die Fantasien der rechtsextremen Koalitionspartner von einem israelisch besetzten Gazastreifen zu verwirklichen? Wie viel Härte ist notwendig, was verstößt längst gegen das Völkerrecht? „Viele Beobachter sind sich einig, dass die Hamas militärisch weitgehend besiegt ist – das, was aktuell geschieht, hat keinen militärischen Nutzen mehr“, sagt Stetter. „Um die Hamas allerdings auch politisch zu besiegen, braucht es einen politischen Plan.“ Dass der fehlt, darauf haben Experten bereits mit Ausbruch der Kämpfe hingewiesen. Zumindest grob aufgezeigt haben ihn in dieser Woche noch einmal arabische Staaten. Mehrere Länder, darunter die Vermittler-Staaten Ägypten und Katar, fordern ausdrücklich ein Ende der Hamas-Herrschaft. In einem siebenseitigen Dokument skizzieren sie konkrete Schritte für ein Ende des Konflikts.
Israels Regierung und die Hamas wollen den Krieg nicht beenden
Israel wiederum verweist auf die Geiseln, von denen sich noch immer 20 in den Händen der Hamas befinden. Doch selbst hier gab es trotz der Härte des israelischen Militärs zuletzt keine Erfolge mehr. „Fakt ist, dass bislang keine Geisel lebend mit militärischen Mitteln zurückgebracht wurde“, sagt Stetter. Das habe nur über Verhandlungen funktioniert. Doch die stocken. Beide Seiten beharren auf Maximalforderungen – und tun sich damit womöglich gegenseitig sogar einen Gefallen. „Die Hamas ist jedenfalls bisher auch an einer Fortsetzung dieses Krieges interessiert“, sagt Stetter. Stimmt Israel einem Frieden zu, geht Netanjahus rechter Koalitionspartner von Bord – und Netanjahu ist sein Amt los. Lässt sich die Hamas auf einen umfassenden Prozess mit dem Ziel eines palästinensischen Staates ein, ist ihr Ende ebenfalls besiegelt.
Auch deshalb kämpfen beide Seiten mit oft gnadenloser Härte. Wie wichtig es für die Kriegsparteien ist, nicht nur auf dem Schlachtfeld die Oberhand zu gewinnen, sondern auch den Kampf um die öffentliche Meinung, zeigt die Debatte über Fotos hungernder Kinder, die derzeit im Umlauf sind. Besonders bedrückend ist das Bild eines Jungen, seine Wirbelsäule zeichnet sich unter der Haut ab. Mehrere Medien zeigten es auf ihren Titelseiten. Tatsächlich soll der Bub unter einer schweren Krankheit leiden, die seinen Körper derart zeichnet. Von Propaganda ist die Rede, von Desinformation.
Allein: An der Not in Gaza ändert auch der Streit über falsch zugeordnete Bilder nichts. „Die Lage im Gazastreifen ist katastrophal, das ist absolut evident “, sagt Stetter. Und: „Israel könnte das Problem der Desinformation leicht lösen, indem es – wie in anderen Kriegsgebieten üblich – Journalisten den Zugang zum Gazastreifen ermöglichen würde.“ Tatsächlich riegelt die israelische Regierung den Küstenstreifen nicht nur für Hilfslieferungen ab, sondern auch für unabhängige Berichterstatter. Deshalb lassen sich viele Informationen nur schwer überprüfen.
So arbeitet „Save the children“
Einer, der die Herausforderung des Krieges, das Ringen um die Deutungshoheit nur zu gut kennt, ist Florian Westphal. Er ist Geschäftsführer der Organisation „Save the Children“ in Deutschland. Seit Jahrzehnten sind die Helfer im Gazastreifen präsent, betreiben dort zwei Kliniken, in denen in erster Linie Kinder und Mütter behandelt werden, sowie mehrere sichere Räume mit Mutter-Kind-Bereichen. Er sagt: In diesen Einrichtungen werden immer mehr Kinder behandelt, die Symptome für eine akute Unterernährung aufweisen.
Entscheidend für die Glaubwürdigkeit seiner Organisation sei, dass man ständig Kräfte vor Ort habe. Westphal versichert: „Die Leiterin des Einsatzes im Gazastreifen, Rachael Cummings, hat all das, worüber sie berichtet, mit eigenen Augen vor Ort gesehen. Unsere Medizinerinnen und Mediziner dokumentieren jeden Fall minutiös. Wenn ein Verdacht auf Mangelernährung vorliegt, wird der Umfang der Oberarme gemessen, Größe und Gewicht werden erfasst. Kommt das Mädchen oder der Junge öfter zu uns, wird jede Veränderung des Zustands genau registriert. Wir verlassen uns nur auf unsere eigenen Daten.“
Und diese Daten sind alarmierend. Die Zahl der Kinder unter fünf Jahren mit akuter Unterernährung, die in den Kliniken von Save the Children in Gaza behandelt werden, ist nach Angaben der Hilfsorganisation innerhalb von vier Monaten um das Zehnfache gestiegen. Von 3533 Kindern, die sie in der ersten Julihälfte auf Mangelernährung untersuchte, wurden 259 (sieben Prozent) zur Behandlung aufgenommen, im März waren es 28, also rund ein Prozent. Hinzu kommt, dass mehr als vier von zehn schwangeren und stillenden Frauen, die in den Einrichtungen von Save the Children untersucht wurden, unterernährt waren. Westphal spricht von einer Entwicklung, die beispiellos ist.
Hilfsorganisationen fordern Krisengipfel im Kanzleramt
Schmerzhaft ist für die Mitarbeiter vor Ort, dass man noch weit mehr Kinder, Mütter und Familien retten könnte – wenn denn mehr Hilfe durchkommen würde. „Diese Kinder werden nicht sterben, wenn wir unsere Arbeit machen dürfen. Wir können Mangelernährung behandeln. Aber ohne die Vorräte und Bedingungen sind wir machtlos, Kinder vor einer Krankheit zu retten, die wir verhindern können. Eine ganze Generation von Kindern steht am Abgrund“, sagte der für Gaza zuständige Regionaldirektor Ahmad Alhendawi.
Die Nervosität wächst nicht ohne Grund. Frühere Hungersnöte in Äthiopien oder im Sudan haben gezeigt, dass der Faktor Zeit bei der Bekämpfung solcher Katastrophen entscheidend ist. „Die meisten der Kinder verhungern ja nicht, auch wenn das Risiko mit jedem Tag wächst, dass mehr und mehr Mädchen und Jungen direkt an Mangelernährung sterben. Doch die meisten Todesfälle sind darauf zurückzuführen, dass die Kinder so geschwächt sind, dass sie eigentlich relativ harmlosen Krankheiten nicht mehr widerstehen können“, sagt Westphal.
All die Zahlen, die Bilder, die schrillen Hilferufe hört man auch im Bundeskanzleramt. Der Ton zwischen Netanjahu und Bundeskanzler Friedrich Merz ist erkennbar unfreundlicher, kühler geworden. Wie auf einem Drahtseil balanciert die Bundesregierung, gefangen zwischen der Selbstverpflichtung, Israels Sicherheit als Staatsräson anzusehen, und dem zunehmend mulmigen Gefühl, Zuschauer einer humanitären Katastrophe zu werden. 13 deutsche Hilfsorganisationen – darunter die Hungerhilfe, Oxfam oder Ärzte ohne Grenzen – fordern einen „humanitären Krisengipfel“ des Kanzlers. Die Infrastruktur und Hilfsgüter seien vorhanden und die Organisationen stünden bereit, heißt es in dem Schreiben an Merz. „Was fehlt, ist der politische Wille, die Blockade durch die israelische Regierung zu beenden und endlich ungehinderten humanitären Zugang zu ermöglichen.“
Deutschland mahnt Netanjahu
Während der Kanzler öffentlich schweigt, reist sein Außenminister in die Region. „Das ist ein vollkommen untragbarer Zustand, der sich sofort ändern muss“, sagt Johann Wadephul nach Gesprächen mit der israelischen Führung in Jerusalem. Doch es bleibt bei Mahnungen. Bei der Frage von Sanktionen hält sich Deutschland anders als viele andere europäische Staaten bisher zurück. Doch Slowenien prescht am Freitag als erstes europäisches Land vor und verhängt ein Waffenembargo gegen Israel. „Heute haben wir das getan, was die gesamte Europäische Union hätte tun müssen“, teilt Ministerpräsident Robert Golob über Facebook mit. „Die Republik Slowenien ist das erste europäische Land, das den Export und Transit von Militärwaffen und -ausrüstung nach und aus Israel verbietet.“ Da Slowenien nicht zu den wichtigsten Waffenlieferanten zählt, gilt die Maßnahme allerdings als symbolischer Akt, der kaum praktische Auswirkungen haben dürfte.
Dass Deutschland dem folgt, ist so gut wie ausgeschlossen. Zwar wird die Liste der deutlichen Aussagen selbst in Berlin inzwischen länger, doch ändern können sie nichts. Der Spiegel berichtet, dass im Auswärtigen Amt der Unmut der Diplomaten wegen der zögerlichen Haltung Berlins angesichts der humanitären Katastrophe in Gaza inzwischen förmlich mit den Händen zu greifen sei. Postkarten, verteilt von der Hilfsorganisation Medico International, würden in der Kantine ausgelegt. Auf ihnen steht: „Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein.“
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