Herr Düll, die Digitalisierung hat das Schulleben auch in der Kommunikation verändert: Manche Eltern beklagen eine wahre schulische Nachrichtenflut auf ihren Handys, und auch Lehrkräfte empfinden die ständige Erreichbarkeit und die vielen Anfragen oft als belastend. Wie bewerten Sie diese Entwicklung als Lehrerverbandspräsident und Schulrektor?
STEFAN DÜLL: Die Kontaktaufnahme ist leichter geworden. Schulen nutzen App-Plattformen und Computerprogramme wie Teams als Chat. Schüler lesen E-Mails nicht, auf Chatnachrichten reagieren sie aber. Elternportale erleichtern Organisatorisches, etwa Krankmeldungen. Aber insgesamt gibt es mehr Kanäle und damit mehr Informationsrauschen. Die Digitalisierung senkt natürlich die Hemmschwelle, Lehrkräfte zu kontaktieren. Das kann problematisch werden, wenn Erreichbarkeit auf vielen Ebenen den Alltag zusätzlich verdichtet: Es gibt die Gefahr der Entgrenzung von Arbeitszeit, weil Eltern, Schüler oder Kollegen theoretisch 24 Stunden am Tag Nachrichten schicken können.
Wie gehen Sie damit um?
DÜLL: Als Lehrer brauche ich immer eine professionelle Distanz. Das bedeutet auch, dass ich für mich festlege, wie ich mit Nachrichten umgehe, die dienstlich sind. Wenn ich ständig auf dem Handy abrufen kann, heißt das noch lange nicht, dass ich das tun muss. Und wenn ich sie lese, muss ich noch lange nicht sofort reagieren und antworten. Da ist jeder Lehrer und jede Lehrerin selbst gefragt. Allerdings haben sich auf der anderen Seite die Erwartungshaltungen verändert. Nicht nur digital. Es gibt auch Eltern, die einfach in der Schule auftauchen und sofort Zeit erwarten. Da ist es hilfreicher, Anliegen kommen schriftlich und man kann als Lehrkraft überlegt reagieren. Die Anspruchshaltung, alles „sofort“ geklärt haben zu wollen, darf generell nicht zur Norm werden. Das ist nicht nur rund um die Schule ein Lernprozess.
Erleichtert die einfachere Kommunikation außerhalb der Unterrichtszeit das Miteinander oder erhöht sie die Arbeitsbelastung?
DÜLL: Die „Dauerbeschallung“ durch Eltern ist aus meiner Sicht nicht in dem Ausmaß eingetreten, wie es viele befürchtet hatten. Es gibt Phasen mit mehr Nachrichten, zum Beispiel vor Schulaufgaben und Tests. Aber dann gibt es wieder ruhigere Phasen, und oft sind es eher Schüler als Eltern, die sich melden. Insgesamt erhöht sich die Arbeitsbelastung eher, weil Lehrkräfte sich ständig in neue Tools, Plattformen und Themen einarbeiten müssten und dafür im Alltag oft kaum Zeit bleibt. Aber unter dem Strich vereinfacht die Vernetzung die Kommunikation an vielen Stellen. Man ist nicht auf die kurze Zeit zwischen Unterrichtsstunden begrenzt und muss „zwischen Tür und Angel“ reagieren. Außerdem werden Probleme an uns herangetragen, über die wir sonst vielleicht nicht Bescheid gewusst hätten.
Wie veränderte die Digitalisierung noch den Lehrberuf?
DÜLL: Deutschland ist groß. Wir haben zigtausende von Schulen und zigtausende Lehrkräfte. Lange gab es und gibt es teilweise heute noch große Unterschiede je nach Schule, Region oder Bundesland. Grundsätzlich ist die Digitalisierung heute aber für alle Lehrkräfte nicht nur ein Unterrichtsthema, sondern die Grundlage für Vorbereitung, Organisation und Abstimmung im Schulalltag. Unterricht wird längst überwiegend computergestützt vor- und nachbereitet, oft im Homeoffice – das gab es im Kern schon lange, heute ist es nur leichter und mobiler.
Warum sind die Unterschiede zwischen einzelnen Schulen immer noch so groß?
DÜLL: Es hat lange keine flächendeckende digitale Ausstattung gegeben. Vieles, was heute so selbstverständlich wirkt, ist überhaupt erst entstanden, weil Lehrkräfte seit den neunziger und 2000er Jahren aus Eigeninitiative daran gearbeitet und selbst digitalisiert haben. Fortbildungen staatlicherseits gab es so gut wie nie. Länder und Kommunen richteten zwar oft Computerräume in Schulen ein, aber Lehrkräfte mussten sich ihre Rechner und Programme stets selbst kaufen. In Bayern zum Beispiel bekamen Lehrerinnen und Lehrer erst im Jahr 2023 einen Dienstlaptop. Und selbst das wäre ohne Corona-Pandemie vielleicht nicht geschehen.
Wie entscheidend war die Pandemie für die Digitalisierung der Schulen?
DÜLL: Ohne die Pandemie wäre nicht viel passiert, zumindest nicht in der Geschwindigkeit, und wenn, dann weiterhin meist nur auf Eigeninitiative von Lehrkräften. Die Pandemie war der entscheidende Beschleuniger. Denn Digitalisierung war auf einmal nicht mehr ein langfristiges Projekt oder freiwilliges Extra, sondern Voraussetzung dafür, dass Unterricht überhaupt stattfinden konnte. Diese erzwungene Umstellung machte jahrzehntelange Defizite, wie fehlende Geräte, fehlendes WLan oder unklare Zuständigkeiten, sichtbar. Gleichzeitig erhöhte sich der Druck auf Politik und Verwaltung, endlich etwas zu tun, denn Lehrer und Lehrerinnen konnten die Herausforderung echten Digitalunterrichts samt nötigen Programmlizenzen und Videokonferenzen beim besten Willen nicht mehr privat schultern.
Inzwischen hat längst die nächste digitale Revolution begonnen: Wie wird der Einsatz der Künstlichen Intelligenz den Lehrberuf verändern?
DÜLL: Die KI hat sicher großes Entlastungspotenzial, vor allem bei Aufgaben, die viel Zeit fressen, aber nicht der Kern der pädagogischen Arbeit sind. Bei der Korrekturarbeit könnte KI schon heute bei Rechtschreibung, Grammatik, Satzbau und auch Stringenz viel Vorarbeit leisten – aber hier fehlt es noch an den technischen Voraussetzungen, zumal Leistungsnachweise meist noch mit der Hand geschrieben werden. Außerdem kann KI bei der Unterrichtsvorbereitung helfen und in der Organisation perspektivisch Dinge wie Zusammenfassungen oder Protokolle übernehmen. Die Grenzen liegen dort, wo es um das „Feintuning“ geht: Die pädagogische Einordnung, Gewichtung und die zutreffende Benotung kann die KI nicht einfach übernehmen, das bleibt die ureigene Aufgabe der Lehrkräfte. Und für all das ist die Politik gefragt, schnell Systeme bereitzustellen und für praxistaugliche Regeln zu sorgen.
Zur Person
Stefan Düll vertritt seit 2023 als Präsident des Deutschen Lehrerverbands die Interessen von 165.000 Lehrkräften als Mitglieder. Der 61-Jährige ist Schuldirektor des Justus-von-Liebig-Gymnasiums in Neusäß bei Augsburg.
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