Es war die erste große Rede dieses Tages. Die Luxuslimousinen hatten vorher beinahe im Minutentakt die politische und gesellschaftliche Prominenz vor dem Bayerischen Hof in München herangekarrt. Mehr als 60 Staats- und Regierungschefs sind gekommen – so viele wie noch nie zuvor bei einer Sicherheitskonferenz. Doch der eigentliche Adressat saß gar nicht in den dicht gedrängten Stuhlreihen vor der Bühne dieses weltweit wichtigsten Expertentreffens zur Sicherheitspolitik. Denn hören sollte diese Rede vor allem einer: Donald Trump, Luftlinie fast 7000 Kilometer entfernt.
Was Bundeskanzler Friedrich Merz in gut 20 Minuten zusammenfasste, durfte als unverhohlene Replik auf die Worte von JD Vance verstanden werden – der amerikanische Vizepräsident hatte zwölf Monate vorher für einen regelrechten Schock-Moment in München gesorgt, als er (im Auftrag von Trump) eine rhetorische Bombe gezündet hatte. Nun konterte Merz. Er setzte den Ton für ein Wochenende, das sich vor allem um die angeschlagenen Beziehungen zwischen Amerika und Europa dreht. Und Merz nutzte nicht nur die Münchner Bühne: Um 14 Uhr wurde seine Ansprache auf Englisch in den USA veröffentlicht – da wollte einer sichergehen, gehört zu werden. Die Überschrift: „Under destruction“ – unter Zerstörung. Die Zeit der leisen Töne ist vorbei.
Friedrich Merz hält Grundsatzrede auf Münchner Sicherheitskonferenz – und spricht Klartext
Die Anspannung im Saal war beinahe mit Händen zu greifen. Kein Scherz zum Warmlaufen, kein Schmeicheln um des lieben Friedens willen. Stattdessen Klartext. Die Welt habe sich in eine des Großmachtstrebens verwandelt, und in der drohe Europa unter die Räder zu geraten, betonte Merz. Es gehe um Abhängigkeiten statt Zusammenarbeit, Gefolgschaft statt Partnerschaft. Und nicht mehr nur autoritäre Systeme wie Russland und China würden nach diesen Prinzipien handeln, sondern auch die USA, die diese Entwicklung sogar noch beschleunigten. „Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hat sich eine Kluft aufgetan“, sagte der Kanzler. Ein Satz, der ihm noch vor einem Jahr kaum über die Lippen gekommen wäre, allen Ärgernissen zum Trotz.
Selbst in schwierigsten Zeiten war klar, dass Europa und Amerika vielleicht nicht immer den gleichen Weg wählen würden, sich aber über das grobe Ziel einig waren. Gegner, das waren die anderen. Die Russen, die Despoten im arabischen und afrikanischen Raum, die chinesischen Herrscher. Und nun sagt ein deutscher Kanzler: „Die transatlantische Partnerschaft hat ihre Selbstverständlichkeit verloren – erst in den Vereinigten Staaten, dann auch hier in Europa und wohl auch hier im Saal.“ Wilde Zolldrohungen, die Grönland-Krise und verbale Attacken haben ihre Spuren hinterlassen. Und das nicht nur in der Politik. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt rechtzeitig zum Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz: 49 Prozent der Befragten nehmen die USA eher als Gegner wahr.
Merz auf Sicherheitskonferenz: Europa muss weltpolitischer Faktor werden
Allein: Der bloße Befund reicht für einen Kanzler nicht. Er muss die Konsequenzen ausbuchstabieren. „Wir haben begriffen: In der Ära der Großmächte ist unsere Freiheit nicht mehr einfach gegeben“, sagte Merz. „Es wird Festigkeit und Willenskraft brauchen, diese Freiheit zu behaupten. Das wird uns die Bereitschaft zu Aufbruch, Veränderung – und ja, auch zu Opfern – abverlangen. Nicht eines Tages, sondern jetzt.“ Europa müsse deshalb ein weltpolitischer Faktor werden, mit einer eigenen sicherheitspolitischen Strategie. „Nicht als Ersatz für die Nato, sondern als einen selbsttragenden, starken Pfeiler des Bündnisses“, forderte er.
Gemeinsam müsse man sich um einen atomaren Schutzschirm kümmern, müsse einen großen Beitrag zur Rüstung und Verteidigung leisten. Und man müsse die EU stärken. Doch schon bei diesem Punkt erscheinen große Fragezeichen am Horizont. Gerade Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron waren zuletzt mit Differenzen aufgefallen. Und auch beim Thema nukleare Abschreckung drängen Wissenschaftler längst zu mehr Tempo. In einem Bericht, der ebenfalls in München vorgestellt wurde, warnen sie vor einer Lücke.
Mit Spannung erwartet: Marco Rubio spricht am Samstag in München
Mit größter Spannung wird nun die Rede des amerikanischen Außenministers erwartet. Marco Rubio wird am Samstagfrüh um 9 Uhr auf der Münchner Bühne stehen. Wird er den Aufschlag, den Merz hingelegt hat, retournieren? Vor seinem Abflug gab er sich konziliant: „Europa ist uns wichtig“, sagte er. Man sei tief mit Europa verbunden und „unsere Zukunft war immer miteinander verknüpft und wird es auch weiterhin sein“. Zugleich sagte er aber: „Deshalb müssen wir darüber sprechen, wie diese Zukunft aussehen wird.“ Denn: Die alte Welt gebe es nicht mehr.
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