Hass und Gewalt gegen Juden haben sich nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und der militärischen Reaktion Israels darauf weltweit verschärft. Jetzt der antisemitische Anschlag in Sydney: Was passiert da gerade?
MICHAEL WOLFFSOHN: Das alles fällt nicht plötzlich vom Himmel. Erstens grassiert das antijüdische Virus seit rund dreitausend Jahren. In der heidnischen Welt, der christlichen, nachchristlichen und islamischen. Die Anlässe und Umstände wechseln, das Faktum bleibt. Toleranz Juden gegenüber gab es immer nur, wenn man Juden oder seit 1948 Israel brauchte. Ich nenne das funktionale Toleranz. Im Gegensatz zur moralischen Toleranz. Deutschland und Europa brauchten bis vor kurzem Toleranz Juden gegenüber, weil sie auf diese Weise ihre Täter- oder Mittäterschaft am Holocaust wegwischen konnten. Ihre Botschaft: „Wir haben gelernt.“ Ähnlich in gewisser Weise auch die USA. Sie konnten, aber haben Auschwitz und die anderen NS-Höllen nicht bombardiert. Inzwischen ist das alles verdrängt, viele wissen das nicht. Die islamische Welt hält seit jeher religiöse Distanz zum Judentum. Dazu kommt der Konflikt um bzw. mit Zionismus und Israel. So richtig begonnen hat die neue antijüdische Welle als Wellchen Mitte der 1960er Jahre. Inzwischen ist es ein Tsunami.
Ist der Rückschluss des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu nicht zu einfach, dass die Anerkennung Palästinas durch die australische Regierung das Blutbad mitverursacht hat?
WOLFFSOHN: Sie geben seine Reaktion nur verkürzt wieder. Er sagte, dass die lasche Haltung der australischen Regierung, Gerichte, Medien und Wissenschaft gegenüber den verbalen antijüdischen Brandstiftern die Mörder ermutigt habe. Leider trifft das nicht nur auf das ferne Australien zu. Erst kommt das mörderische Wort, dann die mörderische Tat. Das ist wie „Wer Bücher verbrennt, verbrennt dann auch Menschen.“ Das hört man ja hierzulande oft. Ist das falsch? Trifft das nur auf die Bücherverbrennungen der Nazis seit dem 10. Mai 1933 zu? Wer „Gegen das Vergessen!“ ruft, sollte das seinerseits nicht vergessen.
Wie gefährlich ist es für Juden, in Deutschland zu leben?
WOLFFSOHN: Keine Spekulation, sondern Tatsache: nicht weniger gefährlich als in Australien, Frankreich, Großbritannien, sogar den USA. Juden haben fast nie und nirgends sicher gelebt. Es sei denn, man brauchte sie. Stichwort „funktionale Toleranz“. Und die Intoleranz wurde überall und immer als „Moral“ verkauft.
Das diplomatische Ringen um einen Waffenstillstand in der Ukraine hat das Thema Gaza fast völlig absorbiert? Wie ist dort der Stand der Friedensbemühungen?
WOLFFSOHN: Weiter als je zuvor seit der russischen Aggression. Dank, jawohl, Trump. Aber der sich abzeichnende Waffenstillstand ist kein echter Frieden. Und der sich abzeichnende „Frieden“ mit großem Gebietsverlust der Ukraine ist der Beginn des nächsten Krieges, der zum Zeitpunkt x ausbrechen wird. Aber die Europäer haben ohne Trump nicht einmal einen solchen Waffenstillstand geschafft.
Glauben Sie noch an die Realisierung der Stufe 2 des Trumpschen Friedensplans für Gaza, die die Einsetzung einer Expertenregierung und den Wiederaufbau des Küstenstreifens vorsieht?
WOLFFSOHN: O ja. Trump ist für seine „Methode Brecheisen“ bekannt. Die Vorbereitungen gehen weiter. Wenn aber die internationalen Truppen, sofern sie eingesetzt werden, die Hamas nicht entwaffnen, wird es Israel tun. Dann beginnt Stufe 2 eben anders. Nach 1945 konnte ein neues Deutschland auch nur entstehen, weil die besiegte NS-Führung kapituliert hatte. Mich wundert, dass nicht einmal Deutschlands Politik-, Medien- und Wissenschaftsklasse die Ähnlichkeit erkennt zwischen Deutschland nach und seit 1945 einerseits und Gaza-Palästina andererseits.
Wie könnte es aus Ihrer Sicht konstruktiv weitergehen?
WOLFFSOHN: Für den Gazastreifen: Entwaffnung der Hamas, Aufbau pluralistischer, gewaltfreier Politik, Wahlen. Gründung eines Kantons „Gaza-Palästina“. Dieser Kanton bildet mit dem Kanton „Westjordanland-Palästina“ und einem neuen, korruptionsfreien, demokratischen politischen System den entmilitarisierten Staat „Bundesrepublik Palästina“. Es gefalle oder nicht, die jüdischen Siedler bekommt man von dort nicht weg. Aber wenn Juden überall leben dürfen – wenn man sie überleben lässt – warum nicht auch im Westjordanland im Rahmen der entmilitarisierten Bundesrepublik Palästina? Ich schockiere Sie und die Leser weiter: Zum Zeitpunkt x wird auch das heutige Jordanien „Palästina“. Rund 80 Prozent der Staatsbürger Jordaniens sind nämlich Palästinenser. Dann besteht Palästina aus Gaza plus Westjordanland plus Jordanien.
Im Westjordanland wollen die Extremisten im Kabinett Netanjahu durch einen forcierten, nach Ansicht vieler Experten völkerrechtswidrigen Siedlungsbau Tatsachen schaffen. Welche Folgen sehen Sie?
WOLFFSOHN: Der Siedlungsbau begann nicht erst unter Netanjahu, sondern schon 1967, wenngleich nicht so intensiv. Ohne eine politische Entschärfung – siehe Kanton Westjordanland – wird das dortige jüdische Siedlungswerk zur beidseitigen kollektiven Mord- und Selbstmordkampagne. Irgendwann sehen das beide Seiten ein. Beim Wort „Folgen“ muss man eben zwischen dem Heute und Überübermorgen unterscheiden. Historische Konflikte auszuschalten, dauert länger als das Abschalten des Fernsehers.
Netanjahu hat Staatschef Jitzchak Herzog im Korruptionsprozess um Begnadigung gebeten, ohne seine Schuld einzugestehen. Ist das nicht ein seltsames Rechtsverständnis?
WOLFFSOHN: Ja, aber seit wann und wo wäre Recht nicht auch politisch verdreht?
2025 wird kaum als Jahr von Freude und Aufbruch in die Geschichte eingehen. Was kann 2026 besser werden? Was wünschen Sie sich?
WOLFFSOHN: Wenig oder nichts. Der Mensch ist seit jeher des Menschen Wolf. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Michael Wolffsohn, 78, Historiker und Publizist. Autor unter anderem von „Eine andere Jüdische Weltgeschichte“, „Wem gehört das Heilige Land?“. Im Februar 2026 erscheint „Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“.
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