Heiner Wilmer tritt am Dienstag mit unbewegtem Gesicht vor die Journalistinnen und Journalisten. Sichtlich angespannt, nervös. Er wird dann auch noch lächeln und auf Plattdeutsch etwas sagen. Aber jetzt – jetzt liest er von seinem Handy ab, was er sich in der Kürze der Zeit zurechtgelegt hat. Der Hildesheimer Bischof ist der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und damit das „Gesicht der katholischen Kirche in Deutschland“. Vor wenigen Minuten wurde er im Burkardushaus, dem Tagungszentrum des Bistums Würzburg, gewählt. Er weiß, dass er ein schwieriges Amt übernommen hat. Wilmer sagt: „Es geht darum, das Evangelium zu verkünden mit aller Kraft.“ Er wolle „Gott ins Zentrum“ stellen.
Heiner Wilmer passte überaus gut ins offensichtlich gesuchte Profil
Bereits 2020, als der Limburger Bischof Georg Bätzing Nachfolger des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx als Bischofskonferenz-Vorsitzender wurde, war in Spekulationen Wilmers Name gefallen. Er galt als einer, der bodenständig ist und erfrischend offen spricht. „Die Kirche der Zukunft wird deutlich partizipativer und weiblicher sein“, sagte er unter anderem. Über die Jahre wurde er zurückhaltender. Und wieder fiel sein Name. Dieses Mal passte Wilmer überaus gut ins offensichtlich gesuchte Profil. Denn gesucht wurde ein Bischof, der imstande ist, zu vermitteln. Der Reformen fortführt, aber unter einem stärker geistlichen Fokus. Vor allem: der Rom-Erfahrung hat.
Am Montagabend im Kiliansdom war Wilmer noch einer von Dutzenden Bischöfen, die an der Seite des Altars Platz nahmen. Er hörte zu, wie Bätzing ein letztes Mal den Eröffnungsgottesdienst einer Frühjahrs-Vollversammlung zelebrierte. Wie Bätzing eine Gegenwart beschrieb, in der alle Bereiche von Umbrüchen betroffen seien, in der das Vertrauen in die Demokratie bröckele und die Wirtschaft schwächele. „Handeln hilft“, sagte Bätzing. Was sich Wilmer da wohl gedacht haben mag?
Die Aufgaben und Herausforderungen, die auf den 64-Jährigen zukommen, sind gewaltig. Schon bei der Wahl seines Vorgängers vor sechs Jahren befand sich die katholische Kirche in Deutschland in einer tiefen Krise, verschärft und immer wieder aufs Neue ausgelöst durch den Missbrauchsskandal in den eigenen Reihen. Heute blickt Wilmer auf eine Kirche, die sich zwar auf den Weg gemacht hat, dessen Richtung, Fortgang und Ziel aber im Ungewissen sind. Es ist eine „verbeulte Kirche“ (Papst Franziskus) und eine der vielen Geschwindigkeiten. Reformer und Bewahrer kämpfen in ihr um den jeweils als richtig empfundenen Kurs, zugleich verliert sie an Bedeutung und Einfluss.
Eine von Wilmers Botschaften lautet: „Die katholische Kirche ist attraktiv“
Wilmer streift einige der gegenwärtigen Großthemen in seiner achtminütigen Antrittsrede. An Menschen gewandt, die in der Kirche sexualisierte Gewalt erfahren hätten, sagt er: „Ihre Stimmen haben Gewicht!“ Anlässlich des Beginns der russischen Vollinvasion in der Ukraine vor vier Jahren sagt er: „Im Namen Gottes: Dieser Krieg braucht ein Ende, jetzt!“ Seine Botschaft in die Kirche hinein lautet: „Wir haben viel gerungen, doch es geht nach vorn.“ Seine Botschaft nach außen: Die Kirche sei attraktiv – und es gelte, ihre Soziallehre zu betonen.
Wenn es um Kirchenpolitik geht, verweist der Ordensmann diplomatisch auf Rom – oder den Heiligen Geist, der nicht nur im Konsens, sondern auch im Widerspruch lebe. Teils antwortet Wilmer auffallend knapp. Zum Thema Priesterweihe für Frauen sagt er wörtlich: Er setze sich ein „für die Kompetenz der Frauen, um diese sichtbar zu machen und zu fördern, und ich freue mich auf den Austausch mit Rom“.
Heiner Wilmer, der am 9. April 1961 in Schapen im Emsland geboren wurde, war Generaloberer der Herz-Jesu-Priester in Rom, als er 2018 überraschend Bischof von Hildesheim wurde. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählte er einmal, dass ihn damals Papst Franziskus angerufen habe. Später habe er diesen gefragt, was er in Hildesheim solle. Franziskus habe ihm gesagt: „Ich möchte, dass du ein Bischof bist, der bei den jungen Menschen ist. Der kein Verwalter ist, sondern ein echter Seelsorger; der erreichbar und zugänglich ist, auch für ältere Menschen.“
Während des Gesprächs rutscht Wilmer schon mal das „Du“ heraus
Während des Gesprächs rutschte Wilmer bisweilen ein „Du“ heraus, eine Angewohnheit aus seiner Zeit als Lehrer möglicherweise. Das war er in Meppen, Vechta und, als Schulleiter eines Gymnasiums, in Handrup bei Lingen. Was schon damals selten unerwähnt blieb: Wilmer, dessen Studium (Theologie, Romanistik, Französische Philosophie) ihn auch nach Paris und Rom geführt hatte, unterrichtete an einer Jesuiten-Schule in der New Yorker Bronx Deutsch und Geschichte. Und, eigentlich selbstverständlich für ein Kind, das auf dem Bauernhof aufwuchs: Er kann Trecker fahren.
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