Am 30. Mai debattierte Wien über den US-Tech-Investor Peter Thiel. Im Odeon-Theater, öffentlich, mit Publikumsfragen. Es ging darum, ob dieser Multimilliardär nun öffentlich in Wien sprechen dürfe. Thiel konnte dazu selbst natürlich nicht Stellung nehmen. Die Wiener Festwochen hatten ihn eingeladen, für den 7. Juni zu einem Abend mit dem Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“. Dann luden sie Peter Thiel wieder aus, weil zu viele Künstler mit dem Boykott anderer Veranstaltungen drohten. Festivalleiter Milo Rau erklärte, er habe das Gespräch mit Thiel „extrem spannend“ gefunden – und sich leider dagegen entscheiden müssen.
Peter Thiel, 58, in Frankfurt am Main geboren, in den USA aufgewachsen. PayPal, Palantir, Facebook – wer seine Stationen aufzählt, beschreibt einen Menschen, der das Silicon Valley in Kalifornien nicht nur beobachtet, sondern mitgebaut hat. Palantir, das er 2004 gründete, liefert heute Datenanalysesoftware an die Sicherheitsapparate der USA und Großbritanniens. Thiel war erster externer Investor in Facebook, als Mark Zuckerberg noch im Studentenwohnheim saß. In einem Essay schrieb Thiel, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie kompatibel seien. Das steht bis heute unkorrigiert.
Peter Thiel kritisiert technologische Regulierung als Irrweg
Wer verstehen will, wie Thiel denkt, kommt an seiner Theologie nicht vorbei. In Vorlesungen über das Christentum – bislang ausschließlich vor ausgewählten Zuhörern, berichtet von Le Monde und Politico – entwirft Thiel ein apokalyptisches Bild der Gegenwart. Der Antichrist des 21. Jahrhunderts, so seine These, sei kein Verrückter, sondern im Gegenteil das Versprechen nach Sicherheit, Frieden und der Kontrolle technologischer Risiken. Wer den Fortschritt bremse, wer globale Institutionen stärke, wer Technologie reguliere, stehe in Thiels Lesart auf der falschen Seite einer endzeitlichen Auseinandersetzung. Greta Thunberg soll er laut mehreren Berichten eine „Legionärin des Antichristen“ genannt haben.
Seine Antichrist-Vorlesungen fanden bislang ausschließlich vor geladenen Zuhörern statt, in Paris, New York, anderswo. Das klingt nach Provokation – ist aber, wenn man Thiels übrige Positionen kennt, konsequent. Seine Demokratieskepsis, sein Misstrauen gegenüber Supranationalem, seine These, dass Monopole und nicht Märkte die Welt voranbringen, folgen derselben Grundüberzeugung. Die liberale Ordnung ist für ihn nicht reformierbar, sondern zu überwinden. Was in Silicon Valley als Disruption verkauft wird, klingt bei Thiel nach Eschatologie – der Zusammenbruch als Voraussetzung für etwas Neues. Die Theologie ist nicht Kuriosität, sie ist Betriebssystem.
Milei und Thiel sprechen über Anarcho-Kapitalismus in Argentinien
Wer die Demokratie für gescheitert hält, wählt den, der sie am lautesten herausfordert. Donald Trump war, in dieser Logik, ein Werkzeug – kein Bekenntnis. 2016 sprach Thiel auf der Republican National Convention, spendete 1,25 Millionen Dollar, nannte Trump einen Baumeister. Jahre später, im Gespräch mit dem Atlantic, klang das anders: Die Unterstützung sei gewesen wie „ein nicht besonders artikulierter Hilferuf – ich habe vieles falsch eingeschätzt“. Für den Wahlkampf 2024 hielt er sich zurück – nicht aus einem Bruch heraus, sondern aus Desinteresse. Als „Never Trumper“ hat er sich nie bezeichnet. Sein eigentliches Projekt war ohnehin ein anderes: J.D. Vance, den er finanzierte und nach übereinstimmenden Berichten an Trump heranführte. Aus dem Trump-Kritiker formte Thiel den Vizepräsidentschaftskandidaten. Vance sitzt heute im Weißen Haus. Thiel selbst hat keine formale Rolle und übt trotzdem Einfluss aus.
Seit einigen Wochen verbringt Peter Thiel einen Großteil seiner Zeit in Buenos Aires. Er hat eine Villa in einem der teuersten Viertel der Stadt gekauft, seine Kinder in einer lokalen Schule angemeldet. Was ihn nach Argentinien zieht, ist nicht schwer zu verstehen: Präsident Javier Milei regiert nach einem Programm, das Thiels Theologie in Politik übersetzt – Staatsabbau, Steuerfeindschaft, Misstrauen gegenüber globalen Institutionen. Beide sehen im Staat ein Hindernis, beide in der liberalen Demokratie ein Auslaufmodell. Laut New York Times traf Thiel den argentinischen Präsidenten Milei in dessen offiziellem Amtssitz. Milei beschrieb das Treffen anschließend einem argentinischen Streaming-Kanal: „Es war ein Anarcho-Kapitalist, der einen anderen Anarcho-Kapitalisten trifft, der Dinge zum Leben erweckt.“ Bei einem Abendessen mit lokalen Ökonomen soll Thiel laut New York Times über den Antichristen gesprochen haben.
Der Mann, der 2016 erklärte, es sei Zeit, Amerika wieder aufzubauen, hat das Land verlassen.
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