Anna hat ein LED-Licht in ihr Haus mitgebracht. Wo sein Lichtstrahl hinfällt, wird Chaos sichtbar. Umgestürzte Schränke, gesplittertes Glas, Risse in den Wänden. Von der Decke hängen Styropor-Platten herab. In die Fensterrahmen sind Sperrholz-Platten genagelt. In anderen Zimmern ist Putz von der Decke gefallen. Tapeten werfen durch die Kälte und Feuchtigkeit Blasen, lösen sich von der Wand. „Die Granaten kamen diesen Februar, einen Tag nach meinem 50. Geburtstag. Eine böse Überraschung“, sagt Anna. Das Dach erhielt einen Treffer und ist mit Plastikplanen provisorisch abgedichtet. Das Nachbarhaus hat ein Volltreffer bis auf die Grundmauern zerstört. Der ganze Straßenzug wurde durch die Explosionen der Einschläge in Mitleidenschaft gezogen.
Die meisten Geschäfte sind geschlossen, die meisten Menschen geflohen
Seitdem weiß die 50-Jährige, dass sie, ihr Sohn und ihre Mutter eigentlich nicht mehr bleiben können. Der Krieg nimmt sich immer mehr Raum in Kramatorsk, vertreibt Stück für Stück das verbliebene Leben. Betriebe und die meisten der Geschäfte sind geschlossen, die Bahn hat aus Sicherheitsgründen alle Fahrten eingestellt. Über 80 Prozent der Menschen, die hier einst lebten, sind geflohen. In sicherere Gebiete in der Ukraine oder noch weiter westwärts, ins Ausland.
In Kramatorsk ist es still geworden. Einige Cafés, Restaurants und Supermärkte haben noch geöffnet. Doch es hat sich eine gespenstische Leere breit gemacht. Die Stille durchbrechen in aller Regelmäßigkeit Alarme und der dumpfe Klang der nahen Front. An manchen Tagen hört Anna auch das Krachen der Einschläge. Am Tag zuvor gab es einen weiteren Treffer auf die Energie-Infrastruktur. Fast 20 Stunden kein Strom, selbst das Internet fiel aus.
„Die Front kommt immer näher“, sagt Anna leise. Die Nachbarstadt Kostjantyniwka liegt etwa 30 Kilometer entfernt und ist heftig umkämpft. Die Menschen sind geflohen. Leere Häuserblocks reihen sich in Oleksijewo-Druschkiwka auf halbem Weg zwischen den Städten. Granaten-Einschläge haben in der Siedlung ganze Stockwerke zum Einsturz gebracht, leere Fensterhöhlen glotzen auf den Hof, über den sich Trümmerstücke ziehen. Die Dörfer im Umfeld sind fast völlig verlassen. Links und rechts der Straße nach Kostjantyniwka haben sich einstöckige Häuser in Ruinen verwandelt. Schnee liegt weiß und unberührt auf verkohlten Balken. Oleksijewo-Druschkiwka liegt in Reichweite russischer Kamikaze-Drohnen. Gewaltige Tunnel aus Netzen ziehen sich über die Straße. Die Todes-Zone nahe der Front hat begonnen. Ana fürchtet, dass es auch in Kramatorsk soweit kommen könnte.
Sowohl ihr Sohn als auch ihre Mutter sind gesundheitlich schwer beeinträchtigt
Aber auch Artillerie-Granaten, Raketen, Langstreckendrohnen oder Gleitbomben können den Tod direkt ins Herz von Kramatorsk tragen. In Kramatorsk gibt es genügend Ruinen, die davon erzählen. Dass ihrer Familie bei dem Einschlag im eigenen Haus nichts passiert ist, war einfach pures Glück. Neben Anna steht ihr Sohn Ivan im Lichtkegel der LED-Lampe. Der 19-Jährige hat sich wegen der Minus-Grade dick eingemummelt, sein schwarzes Haar ist unter einer Fellmütze verschwunden. Die Mutter hat ihm noch einen dicken Schal um den Hals gelegt. Der junge Mann ist von Zerebralparese betroffen, stützt sich auf eine Krücke. „Leider hat mein Sohn zahlreiche gesundheitliche Probleme. Auch meine 76-jährige Mutter ist Invalidin“, erklärt die 50-Jährige. Mutter und Sohn kommen regelmäßig ins Haus, um nach dem Rechten zu sehen. So wie heute.
„Nach dem Einschlag haben wir kurzfristig in einem Wohnheim Unterschlupf gefunden. Ein Zimmer für uns drei“, erklärt sie. Viele der Bewohner haben wie Anna ihr Zuhause verloren, sind vor den nahen Kämpfen geflohen. „Jetzt sind wir in einer kleinen Wohnung untergekommen. Ebenfalls nur ein Zimmer. Aber wir müssen uns nicht Bad, Toilette und Küche mit anderen teilen. Sind unter uns“, berichtet sie. Die Wohnung gehört einem Bekannten. „Zum Glück verlangt er nur eine sehr kleine Miete“, sagt die 50-Jährige.
Anna träumt von einem neuen Zuhause. Das steht nicht mehr in Kramatorsk. Ana will den Donbas verlassen. „Ein kleines Häuschen in der Region Odesa, das wäre mein Traum. Die Seeluft wäre so gut für meinen Ivan“, meint sie. Aber wovon bezahlen? Da alle drei Invaliden sind, beziehen sie eine kleine Rente. Auch für das zerstörte Haus steht ihr eine Entschädigung zu. Es gibt Kreditprogramme für Binnenvertriebene. „Aber all das würde nicht für ein neues Zuhause in einem Dorf nahe Odesa und vermutlich auch nicht anderswo reichen“, sagt sie mit trauriger Stimme.
Der 19-jährige Ivan würde trotz seiner Behinderung so gerne Musiklehrer werden
Medizinisches Personal versieht in den Praxen und Krankenhäusern in Kramatorsk weiter Dienst, um eine Basis-Versorgung zu gewährleisten. Oder die Sozialarbeiterin ist da, auf die sich Anna verlassen kann. „Dafür bin ich dankbar“, sagt sie. Sie will, dass ihr Sohn gut gefördert wird. Derzeit studiert er online an einer Musikschule. Übt zuhause auf dem alten Elektro-Piano von Yamaha, so gut es eben geht. „Ich würde gerne Musiklehrer werden“, sagt der 19-Jährige.
Er komponiere selber ein wenig, berichtet er. „Tropical House mag ich am meisten“, erklärt er. ICB_Music_Official heißt sein YouTube Kanal. So klingt es loungig und tropisch frisch aus seinem Smartphone, während sein Atem im LED-Licht Nebelwolken bildet. Seine Mutter ist stolz: „Das sind seine eigenen Kompostionen, sind sie nicht schön? Sie geben mir Kraft.“
„Vielleicht bringt ja das nächste Jahr endlich Frieden“, seufzt Anna. Aber viel Hoffnung klingt nicht in ihrer Stimme. Politisieren will sie nicht, ein Gespräch über Trumps „Friedenspläne“ braucht man mit ihr nicht anzufangen. Schon gar nicht jetzt, in der Weihnachtszeit. Aber: „Auch der Krieg kann uns Weihnachten nicht nehmen“, sagt Anna zum Abschied.
Geht es nach Trumps Plan, würde Kramatorsk russich werden. Doch beispielsweise schon ukrainische Traditionen sind unter russischer Besatzung ein Politikum. In den besetzten und völkerrechtswidrig annektierten Gebieten wird eine brutale Russifizierung vorangetrieben. Wer sich weigert, die russische Staatsangehörigkeit anzunehmen, hat keinen Zugang mehr zu Krankenhäusern, Gesundheitseinrichtungen, Universitäten, Sozialleistungen oder zum legalen Arbeitsmarkt. Wer zu seinem ukrainischen Pass hält und damit zu seiner ukrainischen Identität, gilt als unerwünschter Ausländer. Als ein Mensch, der gehen muss. Wohneigentum ist nicht mehr geschützt. Putin hat per Gesetz Enteignungen möglich gemacht. Nutznießer sind unter anderem russische Soldaten.
Es gibt Berichte über systematische Folter in den russischen Gebieten
Kinder und Jugendliche werden in der „Jugendarmee“ gedrillt und in der Schule indoktriniert. Mit Volljährigkeit werden junge Männer nicht selten unter Druck an die Front gegen ihre eigenen Landsleute geschickt. Tausende Frauen und Männer sind in den besetzen Gebieten verschwunden, viele von ihnen vermutlich zu Tode gefoltert. Tausende Kinder wurden verschleppt. Menschenrechtsorganisationen und Überlebende berichten von systematischer Folterung in den russischen Gebieten. In den ukrainischen Medien wird bereits von den ersten Deportationen nach Sibirien berichtet.
„Sehen Sie sich doch an, wie die Russen ihre Kriegsgefangenen quälen“, meint Oberleutnant Ivan. Der 37-Jährige gehört zu den Verteidigern von Kramatorsk und steht mit den Stiefel im Schlamm einer Artilleriestellung, wenige Kilometer von den russischen Linien entfernt. Hinter ihm, versteckt unter Camouflage und Drohnenschutz-Netzen, wird gerade eine „Krab“ für ihren Einsatz vorbereitet. Die Panzerhaubitze aus polnischer Produktion ist ein Ungetüm aus Stahl und wiegt fast 50 Tonnen. In wenigen Minuten soll sie eine 155 Millimeter-Granate abfeuern.
Der Panzerkommandant dient seit zehn Jahren. „Ich leistete vor der Vollinvasion 2022 Dienst. Als sie begann, meldete ich mich erneut sofort zur Armee. Die russischen Truppen standen vor meiner Heimatstadt Kyjiw“, so der Offizier. „Wer will keinen gerechten Frieden? Aber ich traue einem Russland unter Putin nicht. Er bricht Verträge, so bald es ihm nutzt. Gibt man ihm Land, will er nur noch mehr“, fügt er hinzu. Ivan erinnert an das Budapester Memorandum. 1994 übergab die Ukraine das gesamte nukleare Waffenarsenal des Landes an Russland und erhielt im Gegenzug weitreichende Sicherheitsgarantien. „2014 marschierten russische Truppen in den Donbas ein und besetzten die Krim. Soweit zu den russischen Sicherheitsgarantien, die wir damals erhielten. Sie waren nichts wert. Daran würde sich auch jetzt nichts ändern.“
Russlands aggressive imperiale Bestrebungen würden in Europa leider immer noch viele nicht verstehen, bedauert er. Im Hintergrund läuft der Motor der Panzerhaubitze warm. „Letztendlich geht es Putin darum, uns Ukrainer als Nation auslöschen. Er gesteht uns nicht zu, ein eigenes Volk zu sein. Das hat er doch oft genug geschrieben und in die Kameras gesagt“, erklärt der Oberleutnant. Er erinnert an den Holodomor, als unter Stalins brutaler Herrschaft Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer verhungerten. „Von Russland hatten wir noch nie viel Gutes zu erwarten. Unsere Unabhängigkeit bedeutet einen bitteren und langen Kampf“, fügt er hinzu. Hinter ihm zieht ein Soldat das Drohnendchutz-Netz zur Seite, öffnet das Tor aus Brettern und Draht. Der Motor der Panzerhaubitze heult auf, und die Ketten beginnen sich zu drehen.
Ivan tritt einige Schritte zurück. Während die Waffe aus dem Unterstand fährt, zwischen Bäumen hindurch rattert und auf offenem Feld stehen bleibt. Jetzt muss es schnell gehen. „Es ist nebelig, aber trotzdem sind Drohnen immer eine Gefahr“, erklärt er. Das Geschützrohr richtet sich in den grauen Himmel. Als alles bereit ist, gibt Ivan den Befehl zum Schuss.
Stärke zeigen und sich wehren sei die einzige Sprache, die Putin verstehe, ist der Offizier überzeugt
Ein ohrenbetäubender Schlag. Nach dem Feuerball steigt eine mächtige Rauchwolke aus der Mündung des Rohrs. „Das ist die einzige Sprache, die Putin versteht und respektiert. Stärke zeigen und sich wehren“, meint der Offizier. Die Panzerhaubitze fährt wieder in den Unterstand, verschwindet hinter Tarn- und Drahtnetzen. „Würde der Donbas wirklich an Russland gehen, wären auch unsere gut befestigten Verteidigungslinien verloren. Was hält Putin dann noch auf, mit der nächsten Lüge den nächsten Krieg zu beginnen?“, fragt Ivan. Der 37-Jährige ist sich sicher, kann Putin eine Siegesparade in Moskau abhalten, hat der Diktator in der russischen Heimat eine wichtige Schlacht gewonnen.
„Europa muss jetzt zeigen, dass es zusammen steht. Putin will mehr als die Ukraine. Es braucht eine europäische Armee, und wir kriegserfahrenen ukrainischen Soldaten könnten darin mittelfristig ein wichtiger Teil sein. Das würde Putin beeindrucken. Russland ist nicht unbesiegbar. Wirtschaftlich ist es im Vergleich zur Europäischen Union ein Zwerg. Aber wir können in diesem Krieg nicht ohne Hilfe bestehen“, macht der Soldat deutlich.
Gerne wäre er Weihnachten zuhause bei seiner Frau in Kyjiw. Aber lieber zu Weihnachten die Front sichern, als dass noch einmal russische Panzer am Stadtrand von Kyjiw stehen. Das zählt für ihn. Allein in Butscha und Irpin, zwei zusammengewachsene Vorstädte nahe der Hauptstadt, haben russische Soldaten zu Beginn der Vollinvason 500 Zivilistinnen und Zivilisten massakriert. „Und so viele unschuldige Menschen mehr wurden in diesem Krieg von Russland ermordet. Würden Sie solchen Leuten trauen?“, fragt der Oberleutnant zum Abschied.
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