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Alleinerziehend und am Limit: Eine Mutter erzählt vom Kampf mit der Bürokratie

Augsburg

Alleinerziehend und am Limit: Wie diese Mutter einen Weg aus dem Bürgergeld fand

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    Eva Müller (Name von der Redaktion geändert) ist dankbar für ihre kleine Wohnung, hier hat sie mit ihren drei Kindern ein neues zuhause gefunden.
    Eva Müller (Name von der Redaktion geändert) ist dankbar für ihre kleine Wohnung, hier hat sie mit ihren drei Kindern ein neues zuhause gefunden. Foto: Kristina Orth

    An diesem Abend ist es ruhig in der Wohnung, ein ungewohnter Zustand für Eva Müller. Seit Juli 2021 ist die 37-Jährige alleinerziehende Mutter von drei Kindern. „Seit drei Wochen übernachtet der Kleine jetzt auch mal beim Papa“, sagt Eva Müller, die in Wirklichkeit anders heißt. Jetzt bleibt ihr auch mal Zeit, die Traurigkeit über die Trennung zu verarbeiten. Damals war sie hochschwanger mit ihrem dritten Kind, als sie von der Affäre ihres Mannes erfuhr. Ein Schock, der ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Plötzlich stand sie auch ohne Krankenversicherung da. Es blieb nur der Weg zum Jobcenter. „Das übernimmt sonst niemand, die Krankenversicherung ist nur durch Bürgergeld abgedeckt“, erklärt sie.

    Rund eine halbe Million Alleinerziehende leben in Deutschland

    Damit steht die Frau aus Augsburg für 517.000 Alleinerziehende bundesweit, die Bürgergeld empfangen. Insgesamt sind laut der Grundsicherungsexpertin Katrin Hohmeyer vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gut ein Drittel der Alleinerziehenden auf Grundsicherung angewiesen. „Die meisten Alleinerziehenden arbeiten geringfügig oder in Teilzeit, was es auch unwahrscheinlicher macht, dass eine Beschäftigung bedarfsdeckend ist“, sagt die IAB-Expertin.

    Eva Müller hatte es ihren Kindern in den ersten Lebensjahren in einem Einfamilienhaus in Augsburg schön machen können. Eine Rückkehr in ihren früheren Beruf in einer Polsterei war unmöglich – wegen der Schwangerschaft und einer schmerzhaften, chronischen Sehnenentzündung. Ihre zarten Handgelenke hatten der harten Arbeit beim Polstern nicht standgehalten. Woher sollte sie nun das Geld für eine Bleibe für sich und die Kinder nehmen? Ihr Weg wies immer tiefer in das Bürgergeld.

    Ein Haushaltsplan für die Kinder hilft der Alleinerziehenden trotz Vollzeitjob den Alltag durchzustrukturieren.
    Ein Haushaltsplan für die Kinder hilft der Alleinerziehenden trotz Vollzeitjob den Alltag durchzustrukturieren. Foto: Kristina Orth

    IAB-Grundsicherungsexpertin Hohmeyer erklärt, dass Alleinerziehende im Schnitt etwas über zwei Jahre auf Bürgergeld angewiesen sind, bevor sie in den Arbeitsmarkt zurückkehren. Wenn sie ein Baby zu versorgen haben, dauert es in der Regel sogar fünf Jahre. Das liege an diversen Hürden: „Unter den Alleinerziehenden gelingt die Rückkehr in den Arbeitsmarkt besser, wenn eine berufliche Qualifikation vorliegt, und sie gelingt einfacher bei älteren Kindern.“

    Lange Wartelisten für Sozialwohnungen und Bürokratie sorgen für Probleme

    Für Eva Müller kam der schlimmste Tiefpunkt schon vor ihrer Scheidung im Februar 2023: Die Suche nach einer Wohnung. „Die Kinder waren vorher ein Haus gewohnt mit Garten, ich wollte ihnen doch weiterhin etwas bieten können und nicht in irgendein Loch ziehen müssen“, erklärt sie. „Und Wohngeld fließt erst, wenn man eine Wohnung gefunden hat.“ Dies war für sie alles andere als einfach, ohne Einkommen und mit drei Kindern. „Theoretisch werden zwar Sozialwohnungen vermittelt, aber manche warten drei Jahre oder länger“, sagt sie. Deshalb suchte sie auf eigene Initiative auf dem privaten Wohnungsmarkt.

    Zahlreiche Wohnungsbewerbungen und genauso viele Absagen später flatterte eine einzige Zusage in Evas Müllers Hände. Die Vermieterin verstand die verzweifelte Situation, war selbst vor etlichen Jahren alleinerziehend gewesen. Und so zog Eva Müller im März 2022 in eine 65 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung in den Landkreis um – mit einem vier Monate alten Baby auf dem Arm und ihren vier- und siebenjährigen Töchtern. Doch dann erlebte sie eine Katastrophe mit der Bürokratie: Ihr Jobcenter war nicht mehr zuständig, sondern das Jobcenter Land. Das lehnte nun die Übernahme der Mietkaution und der Wohnkosten ab. Begründung: Die Wohnung sei zu teuer für die Größe. „Ich habe geweint“, erinnert sie sich, „ich hatte das Gefühl, bei den ganzen Anträgen nicht mehr hinterherzukommen“. Zwei dicke Ordner hat sie vor sich liegen, randvoll mit Anträgen und Ablehnungen. Ihr Vater sprang ein, zahlte die Kaution, bis das Landratsamt die Wohnkosten zumindest anteilig übernahm.

    Wenn Unterhaltszahlungen zu niedrig sind, wird es eng

    Für viele Alleinerziehende ist zudem ein Problem, dass Unterhaltszahlungen des anderen Elternteils ausbleiben, erklärt IAB-Expertin Hohmeyer. Aus dem jüngsten Familienbericht des Bundesfamilienministeriums geht hervor, dass Unterhaltszahlungen selten vollständig geleistet werden. Jeder dritte alleinerziehende Elternteil erhält demnach gar keinen Kindesunterhalt vom Ex-Partner, nur knapp jeder zweite erhält den vollen Anspruch, der Rest nur einen Teil. Der Staat springt zwar in der Regel mit einem Unterhaltsvorschuss ein, doch Expertin Hohmeyer kritisiert, dass dies oft mit dem Kindergeld verrechnet werde. Diese Praxis müsse sich ändern, fordert sie. „So stünde Kindern von Alleinerziehenden ein höherer Betrag zur Verfügung und sie wären in entsprechend geringerem Umfang auf Grundsicherungsleistungen angewiesen.“

    Für Eva Müller ging es nach dem Umzug in die neue Wohnung aufwärts. Inzwischen hat sie es sogar aus dem Bürgergeld herausgeschafft. Sie hat eine Ausbildung als Erzieherin begonnen und erhält stattdessen BAföG für Auszubildende mit Familienverantwortung plus Wohngeld. Doch auch hier erlebte sie eine Menge Bürokratie und Verzögerungen, bis die ersten Auszahlungen bei ihr eingingen. „Ich würde mir da eine zentrale Steuerung wünschen, dass sie die Daten intern besser weiterleiten“, sagt sie. „So fühlt man sich teilweise bestraft, wenn man arbeiten geht.“ Ohne ein Netzwerk wäre sie im Alltag aufgeschmissen.

    Alleinerziehende leiden oft unter Betreuungslücken

    Ihre neue Ausbildung als Erzieherin, war nur möglich wegen eines Kindertreffs, bei dem sie ihren Kleinsten dreimal die Woche abgeben konnte. So kam sie an ein Praktikum. Und als berufstätige Mutter erlebt sie Betreuungsengpässe, weil sie am Freitag länger arbeitet, als die Kita offen hat. „Mein Papa holt dann den Kleinen ab – ohne ihn würde ich nicht über die Runden kommen.“ Für Alleinerziehende ist das Vereinbaren von Familie und Beruf ohnehin anstrengend.

    „Im ersten Ausbildungsjahr war ich abends so erschöpft, ich musste auf Prüfungen lernen und die Kinder brauchen ja auch Unterstützung für die Schule. Teilweise konnte ich nur noch auf der Couch liegen und habe es auch nicht mehr geschafft, zu sprechen“, sagt Eva Müller. Doch für sie zählt am meisten, dass sie ihren Kindern ein möglichst gutes Leben ermöglichen will. Und schon klingelt es an der Tür und drei helle Kinderstimmen erfüllen die Wohnung mit Leben.

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