Die Zeiten sind hart für die Ukraine. An der Front wächst der Druck der russischen Aggressoren auf die Stellungen der Verteidiger, bei den internationalen Verhandlungen zur Beendigung des Krieges erlebt das Land ein Wechselbad der Gefühle: Erst der „28-Punkte-Friedensplan“, der für viele Ukrainerinnen und Ukrainer, aber auch internationale Beobachter nichts anderes ist als eine Anleitung zur Kapitulation. Dann die Hoffnung, dass die Bedingungen für ein Schweigen der Waffen doch noch deutlich im Sinne der Angegriffenen verändert werden. Was bleibt, ist die große Unsicherheit darüber, wie es jetzt weitergeht.
Ihor Zhaloba verfolgt die Irrungen und Wirrungen der Diplomatie ganz genau. „Ich war überhaupt nicht überrascht“, antwortet der Professor für Geschichte und internationale Beziehungen unserer Redaktion auf die Frage nach seiner Reaktion auf die 28 Punkte. Die Erwartungen des 61-Jährigen an die Verhandlungen sind überschaubar: „Die Ukraine wird versuchen, das Gleiche zu erreichen, was die Russen mit den sogenannten Friedensverhandlungen in der Vergangenheit erreichen wollten: Zeit gewinnen. Es ist allerdings klar, dass unser Spielraum nicht so groß ist wie der der Russen. Besonders wenn man befürchten muss, dass die US-Administration bereit ist, die Ukraine und Europa im Stich zu lassen.“ Natürlich habe sich die militärische Lage der ukrainischen Armee verschlechtert, aber auch die russische Armee leide unter hohen Verlusten und erringe lediglich kleine militärische Erfolge.
Es ist nicht das erste Mal, dass unsere Redaktion mit Zhaloba, der Präsident der Paneuropa-Union der Ukraine ist, spricht. Denn der Weg, den er nach dem russischen Generalangriff auf sein Heimatland eingeschlagen hat, ist außergewöhnlich. Am 25. Februar, einem Tag nach dem Überfall, meldete er sich freiwillig zur Armee. Er tauschte die warme Universität gegen den kalten Schützengraben. Dabei hatte der Professor mit Blick auf seine engen Kontakte nach Deutschland und Österreich, wo er zwischenzeitlich lehrte, auch ganz andere Optionen. Doch fliehen kam für ihn nicht infrage.
Gut zwei Jahre kämpfte Zhaloba, bis er am 21. Februar 2024 anlässlich seines 60. Geburtstages aus der Armee entlassen wurde. Doch er wirbt seitdem noch intensiver als zuvor im Ausland – insbesondere in Deutschland – für mehr Unterstützung für die Ukraine.
Die Ukraine ist auf Europa angewiesen - und umgekehrt
Gerade erst war Zhaloba in Deutschland unterwegs, eilte von Termin zu Termin, von Vortrag zu Vortrag: „Unter den heutigen Umständen ist die Ukraine auf Europa angewiesen. Aber auch Europa ist auf die Ukraine angewiesen, da nur die ukrainische Armee momentan imstande ist, Russland mit seinen imperialen und geopolitischen Bestrebungen aufzuhalten“, nennt er seine Kernthese. Europa müsse endlich seine eigene Stimme erheben, um ein einflussreicher geopolitischer Akteur auf der Weltbühne zu bleiben, appelliert Zhaloba an die EU. „Wie vielen Zugeständnissen die Ukraine bei den Verhandlungen letztlich zustimmen muss, hängt nicht nur von Kiew ab, sondern von der Bereitschaft seiner westeuropäischen Partner, im eigenen Interesse fest an der Seite von Kiew zu stehen.“
Denn Zhaloba sieht die Gefahr, dass durch Zugeständnisse, zu denen die Ukraine gezwungen wird, keine Garantie für einen Frieden in Europa erwachsen würde. Russland könnte die Chance nutzen, um sich zu erholen, um dann nicht nur zum entscheidenden Schlag gegen eine unabhängige Ukraine auszuholen, sondern auch „eine Hegemonie über ganz Europa“ anzustreben.
Ilhor Zheloba hat eine klare Forderung an Präsident Selenskyj
Zhaloba blendet keinesfalls aus, dass die jüngsten spektakulären Fahndungserfolge der Korruptionsermittler mit Verdächtigen auch im unmittelbaren Umfeld des ukrainischen Präsidenten eine Gefahr für sein Land darstellen: „Selenskyjs Position ist viel schwächer geworden. Er musste den Rücktritt des sehr einflussreichen Leiters seines Büros, Andrij Jermak, annehmen. Bald werden wir sehen, ob unser Präsident endlich begriffen hat, dass die Art und Weise seiner Regierungsführung zum Teil schädlich für die Ukraine ist.“ Jetzt sei die letzte Möglichkeit, endlich die lange versprochenen Reformen in der Armee und in der Verwaltung umzusetzen. „Die Zeiten, in denen wir durch die Privatinitiative der besten Vertreter der Zivilgesellschaft viel leisten konnten - und zwar nicht dank, sondern trotz der teils ineffizienten Armee- und Machtinstitutionen -, gehen allmählich vorbei.“
Dennoch glaubt Ihor Zhaloba, dass die Ukraine ihre Unabhängigkeit, die sie vor immerhin 32 Jahren erlangte, retten kann. Verlieren könne sie nur durch „einen russischen Atomangriff“ oder „im Falle innenpolitischer Fehler der ukrainischen politischen Führung bei einem gleichzeitigen Verrat der westeuropäischen Partner“. Alles andere werde die Ukraine überwinden.
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