Cem Özdemir lässt sich feiern, als hätte er die Wahl bereits gewonnen. Der Spitzenkandidat der Grünen im baden-württembergischen Wahlkampf reckt die Faust nach oben, „wenn ich vielleicht Ministerpräsident werde“, so hat er in seiner Rede mehrfach einen neuen Gedanken, eine neue Idee eingeleitet. Es ist Freitagabend, kurz nach 21.30 Uhr, die Menschen stehen im Roxy, einer Kulturhalle in Ulm, und applaudieren Özdemir zu, ach was, „dem Cem“, wie sie hier alle sagen. „Er kann es“, steht in großen Lettern auf der Bühne. Nach dem Sonnenblumenlogo der Grünen sucht man dagegen vergeblich.
Winfried Kretschmann, der bislang einzige grüne Ministerpräsident, ist ebenfalls zum Wahlkampfabschluss nach Ulm geeilt. Und auch wenn man an diesem Freitagabend natürlich noch nicht weiß, wie die Wahl am Sonntag ausgehen wird – die Sensation liegt bereits in der Luft, das spürt jeder. Denn was man weiß, ist, dass „der Cem“ in den vergangenen Wochen den Vorsprung von weit über zehn Prozent aufholen konnte, den CDU-Mann Manuel Hagel bis in den Herbst hinein hatte. Was man weiß, ist, dass CDU-Mann Hagel, dem Mann, der die CDU Baden-Württembergs, die Partei von Lothar Späth, Erwin Teufel und Wolfgang Schäuble, wieder an ihren angestammten Regierungsplatz führen sollte, auf den letzten Metern die Luft auszugehen drohte. Was man da schon weiß, ist, dass die Bundes-CDU mit weltfremden Debatten um die Lifestyle-Freizeit und einem bewusst fad gehaltenen Parteitag in Stuttgart ganz sicher nicht geholfen hat.
„Was für ein Wahlkampf“, sagt ein glücklicher Cem Özdemir
„Cem Özdemir ist der beste Nachfolger, den ich mir wünschen kann, weil er diesen Tiefgang hat“, sagt Kretschmann. Es klingt wie eine Staffelübergabe. „Der Cem“ redet anschließend dann auch so, als wäre er schon Ministerpräsident, inklusive Dank an die Polizei. Die großen und kleinen Themen hat er auf einem kleinen Zettel notiert, Schwörmontag und Weltpolitik, Iran, der Spanien-Fauxpas des Kanzlers beim jüngsten Trump-Besuch. Özdemir erinnert an eine Lehrerin, die ihm, dem Gastarbeiterkind aus Bad Urach, einst das Aufsteiger-Gen eingeimpft hatte. „Frau Naumann“, die Nachhilfe-Lehrerin, strich seine Fehler im Deutsch-Diktat nicht mehr rot an, sondern umkringelte die richtigen Wörter grün. „Auf den Anfang kommt es an“, ruft er.
Zwei Tage nach dem Abend in Ulm ist der nun gemacht. So sieht es jedenfalls aus am Sonntag um 21.30 Uhr. Es ist schon kein Jubel mehr, sondern ein Schrei, irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Erlösung. Als der Beamer um 18 Uhr die ersten Hochrechnungen an die Wand wirft, gerät die Grünen-Wahlparty in der Stuttgarter Staatsgalerie kurzfristig aus den Fugen – Vorsitzende, Minister und weitere Grünen-Prominente springen minutenlang umher, liegen sich in den Armen. All der Frust nach der Ampelregierung, den miesen Umfragen, all die Anspannung der vergangenen Wochen – sie entladen sich in diesem Moment.
„Was für ein Wahlkampf!“, sagt Cem Özdemir unter ohrenbetäubendem Jubel, als er etwas später mit seiner Frau Flavia Zaka zu seinen Parteifreunden stößt. Es sei noch zu früh für finale Aussagen. „Aber das, was wir schon wissen, darüber kann man sich wirklich freuen.“
Cem Özdemir war erster Bundestagsabgeordneter mit türkischen Eltern
„Der kann es“, war Özdemirs Slogan – ein Motto, das seine politische Erfahrung ausspielen sollte. Weitere Hochrechnungen verfestigen den Eindruck, er habe nun tatsächlich sein Meisterstück abgeliefert. Als der selbsterklärte „anatolische Schwabe“ im Oktober 2024 seinen Hut in den Ring warf, um für die Grünen die Villa Reitzenstein in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu retten, lag seine Partei in den Umfragen bei 18 Prozent, so schlecht wie seit 2010 nicht mehr. Die CDU dagegen hatte fast doppelt so hohe Zustimmungswerte.
Doch seit Beginn der eigentlichen Wahlkampfphase sind die Zahlen der Südwest-Grünen kontinuierlich gestiegen – mit einer fast märchenhaften Zuspitzung am Schluss: Die letzte Umfrage zeigte am Donnerstagabend beide Parteien mit 28 Prozent erstmals gleichauf; gut 30 Prozent der Wähler waren noch unentschieden. Am Wahlsonntag schob Özdemir dann seine Grünen vorbei. „Der Regierungsauftrag liegt klar bei Bündnis 90/Die Grünen, wenn sich die Zahlen bewahrheiten“, sagt CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel um 19:18 Uhr in der ARD. Ein Erfolg, der bis nach Berlin ausstrahlen wird.
Seinen Platz in den Geschichtsbüchern hatte der 60-Jährige ohnehin schon sicher. Cem Özdemir war erster Bundestagsabgeordneter mit türkischen Eltern, dann erster Bundesminister mit solchen Wurzeln. Ehrenbürger seiner Heimatstadt Bad Urach ist er bereits. Nun wird wohl eine weitere Pionierleistung hinzukommen – Özdemir verteidigt nicht nur den einzigen grünen Ministerpräsidentenposten in Deutschland, er wird erster Länderchef mit türkischem Migrationshintergrund.
Manuel Hagel wirkt mitgenommen – und übernimmt Verantwortung
Das bietet eine Chance, mit der viele in der Öko-Partei nicht mehr gerechnet hatten: die Macht, die ihnen nach Fukushima und dem Streit um Stuttgart 21 2011 unerwartet in den Schoß gefallen war, über die Kretschmann-Ära hinaus zu stabilisieren. Anders als manch Konservativer nach dem Ende der Ampelregierung im Bund gehofft hat, sind die Grünen ausgerechnet im wirtschaftsstarken Südwesten kein Schreckgespenst, sondern eine konsensfähige Volkspartei. „Es geht ganz zentral darum, was wir im Wahlkampf gesagt haben“, erinnert derweil Özdemir in Stuttgart seine Parteifreunde. „Wir brauchen eine starke Wirtschaft, wir sind Exportland.“ Aber Wirtschaft und Klimaschutz gehörten zusammen. Und an die Adresse der CDU: Die vergangenen zehn Tage seien teilweise zugespitzt gewesen, so sei das manchmal im Wahlkampf. „Aber Maßstab sollten sein die letzten zehn Jahre und die Erfolge, die wir eingefahren haben.“
Ob Manuel Hagel das genauso sieht? Er lächelt - aber wie? Stabil steht der 37-Jährige auf der Bühne der CDU-Wahlparty, umgeben von den Granden des Landesverbands, tapfer beklatscht vom Publikum. Gefasst wirkt er, aber auch mitgenommen, verkrampft. Man sieht ihm an: Die Situation nimmt ihn mit. Hagel dankt allen Wahlkämpfern und seiner Familie. Die letzten Wochen seien „eine enorme Belastung“ gewesen, dann zitiert er Erwin Teufel: Zuerst das Land, dann die Partei, dann die Person und sagt: „Mein ganzes politisches Leben war mir immer wichtig, dass mit Führung auch immer Verantwortung verbunden ist und gerade deshalb trage ich für den Wahlkampf, trage ich für unsere Kampagne, trage ich für alle Entscheidungen, die wir getroffen haben, und ja: für dieses Ergebnis, die Verantwortung.“
Was das nun bedeutet, ist zunächst noch unklar. Zu früh der Abend, zu unsicher die Zahlen, zu volatil die Lage. Doch eines steht fest: Es ist ein schwerer Rückschlag. Dabei kannte dieser Mann doch bisher nur eine Richtung: aufwärts, und zwar im Eilschritt.
Manuel Hagel war sehr unbekannt, Cem Özdemir sehr bekannt
Hagel, geboren 1988 in Ehingen, trat mit 16 Jahren der Jungen Union bei. Da steckte er noch in der Ausbildung zum Bankkaufmann bei der örtlichen Sparkasse, die er nach seinem Realschulabschluss 2005 begonnen hatte. Mit 21 Jahren wurde er in den Gemeinderat seiner Heimatstadt gewählt. Mit 26 Jahren war er Sparkassen-Filialdirektor, mit 27 Landtagsabgeordneter, mit 28 Generalsekretär, mit 31 Fraktionschef, mit 35 Landesvorsitzender und mit 36 Spitzenkandidat einer Partei, die geeint ist wie seit Jahren nicht. Nun, knapp ein Jahr später, hat er sein großes Ziel, die Staatskanzlei für die CDU zurückzuerobern, wohl verfehlt.
Wie konnte das passieren? Lange lief doch alles super. Hagel baute fleißig an seinem Image als „Normalo“, als bodenständiger Ärmelhochkrempler von nebenan – und versucht vor allem, Fehler zu vermeiden, nicht anzuecken, staatsmännisch zu wirken. Monatelang sahen alle Meinungsforscher die CDU klar in Führung, deutlich vor den Grünen. Dann kam Cem Özdemir – und die Grünen robbten sich in den Umfragen heran. Am Ende wurde es dann dynamisch: Aufholjagd, Lagerwahlkampf – überholt.
Im Grunde war Hagels Strategie, den Vorsprung seiner Partei ins Ziel zu bringen. Er war sehr unbekannt, Özdemir sehr bekannt. Doch während die Grünen nach dem Aus der Ampel-Regierung im Bund am Boden lagen, punktete die CDU als Partei, die Sicherheit, Stabilität und Wirtschaftskompetenz verspricht.
„Rehbraune Augen“: Hagels Schwärmereien für eine Realschulklasse löste ein mediales Beben aus
Dieser Plan hat gelitten, seit die CDU mit Friedrich Merz den Bundeskanzler stellt, der, wie sich herausstellte, auch nur mit Wasser kocht. Statt Rückenwind aus Berlin herrschte Flaute, bisweilen auch Gegenwind. Doch das Ergebnis geht auch mit dem Kandidaten nach Hause. Schon früh wurde Hagel vorgehalten, er sei zwar ein begabter Selbstdarsteller, gut vernetzt, mit strategischem Talent. Doch ihm fehle es an Profil und Inhalten. Die Antwort darauf: etliche Vorschläge, einer nach dem anderen im Wahlkampf öffentlichkeitswirksam ausgespielt: Eine neue Uni wollte er gründen, für KI, das letzte Kita-Jahr sollte gratis und verpflichtend werden, die ökonomische Krise durch Sonderwirtschaftszonen überwunden werden, und vieles mehr. Richtig gezündet hat es alles nicht.
Dass die Dynamik am Ende aufseiten der Grünen war, lag vielleicht auch an einem Grundzweifel, der schon früh aufkam: Kann der das? Erfüllt dieser junge Mann die Voraussetzungen für das Amt des Ministerpräsidenten? Hat er die Persönlichkeit, die charakterliche Reife, die Integrität, das Verantwortungsbewusstsein?
Dass Hagel in solchen Fragen eine offene Flanke hat, war den Grünen klar – und sie schlugen hart hinein. Das von einer Grünen-Bundestagsabgeordneten skandalisierte Video um Hagels Schwärmereien von einem Besuch in einer mehrheitlich weiblichen Realschulklasse („rehbraune Augen“) löste ein mediales Beben aus. Hagel äußerte sich reumütig. Nun war der Kandidat bekannt, und zwar bundesweit - aber wie?
Hagel passieren auf den letzten Metern weitere Fehler
Und Hagel patzt im Wahlkampfendspurt. Am Freitag muss er sich wieder entschuldigen, wieder wegen eines Schulbesuchs. Vor laufenden TV-Kameras scheitert er daran, Siebtklässlern den Treibhauseffekt zutreffend zu erklären und fährt einer kritischen Lehrerin über den Mund – der Clip wurde im Netz zigfach geteilt und höhnisch kommentiert. Er sei eben „kein Roboter, sondern ein Mensch mit ganz normalen Gefühlen“, sagt Hagel - und in der CDU-Zentrale schlugen sie die Hände über den Köpfen zusammen.
Die Partei war da längst hypernervös und legte eine radikale Wende im Wahlkampf hin: War von Anfang an die AfD der „Hauptgegner“, schwenkte man nach dem „Rehaugen-Video“ auf die Grünen um: „Schmutzkampagne“, „toxischer Wahlkampf“, „schlechter Politikstil“ warf Hagels Generalsekretär Tobias Vogt dem Özdemir-Lager vor. Da war der Niedergang schon nicht mehr aufzuhalten. Nun stehen erst mal innerparteiliche Sitzungen an, Analysen, Wundenlecken, am Montag reist Hagel nach Berlin. Dann wird man sich mit den Grünen zusammensetzen.
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