Anika Wassermann liebt es, Nachwuchstrainerin zu sein. Nicht nur, weil sie selber sportverrückt ist. Sie trägt einfach gerne Verantwortung. „Es freut mich, dass ich den Kindern den richtigen Umgang miteinander beibringen kann“, sagt die 18-Jährige. „Und es ist mir ein Anliegen, ihre Persönlichkeit zu stärken.“ Anika Wassermann bereitet ihre kleinen Sportlerinnen und Sportler also ein Stück weit aufs Leben vor. Wie ihr eigenes Leben weiter verlaufen wird, da ist sie sich selbst nicht so sicher.
Gerade ist die Gymnasiastin aus Mering im Kreis Aichach-Friedberg von der Schule heimgekommen. Nächstes Jahr schreibt sie Abitur. „Ich weiß noch nicht, wie es nach dem Abi weitergehen soll“, sagt sie. „Ich kann mir vorstellen, in die pädagogische Richtung zu gehen, was mit Menschen zu machen. Das liegt mir.“ Noch hat sie Zeit, ihre Pläne zu schmieden, andere sind ja sogar mit dem Zeugnis in der Hand noch nicht schlauer. Sie wissen nicht, was das für eine Welt sein soll, die ihnen — das sagen Schulleiter doch gerne bei Abschlussfeiern — plötzlich offensteht.
„Wir sind die Neuwähler, sollen jetzt Mitbestimmer sein. Aber wir haben keine Übung darin.“
Anika Wassermann, Erstwählerin
Jetzt muss Anika Wassermann erstmal eine ganz konkrete Wahl treffen. Zum ersten Mal setzt sie ihr Kreuz bei einer Bundestagswahl. Wie es ihr dabei geht, erzählt die 18-Jährige im Wohnzimmer ihres Elternhauses frei heraus und in druckreifen Worten. Ihren richtigen Namen möchte sie trotzdem für sich behalten, es sei ja immer so eine Sache bei politischen Themen.
„Auf meiner Generation liegt eine große Verantwortung“, sagt sie und schaut aus dem Fenster. Aber ihr Blick bleibt nicht hängen, nicht im Garten, in dem sie als Kind gespielt hat. Nicht in der Straße, in der sie groß geworden ist. Sie schaut irgendwie nirgendwo hin. „Wir sind die Neuwähler, sollen jetzt Mitbestimmer sein“, sagt die Schülerin. „Aber wir haben keine Übung darin. Wir wurden in Coronazeiten so eingeschränkt, wir sind als Jugendliche wenig gehört worden. Dass ich jetzt über meine eigene Zukunft abstimmen soll, verunsichert mich.“
Gefühlslage der Nation
Wahlen werden inzwischen mehr denn je auf den letzten Metern entschieden, und oft sind es nicht Programme, die den Ausschlag geben, sondern Stimmungen und Emotionen. Deshalb haben wir uns entschieden, in unserer Wahlserie Gefühle in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht um Mut, Überforderung, Glück, Hoffnung und Angst, die Menschen hinter diesen Gefühlen und um Politik. Alle Teile der Serie sammeln wir auf einer Übersichtsseite, auf der Sie jeden Tag bis zur Wahl am 23. Februar eine neue Folge finden.
Geschlossene Schulen, Online-Unterricht aus dem Jugendzimmer, isoliert von den Freundinnen und Freunden. Erst Lockdown, dann wieder ein paar Wochen Wechselunterricht mit Tests und Maske, so ging das ewig. Bei manchen wurden Wissenslücken aufgerissen, die sie heute noch mühsam füllen. Andere haben Angststörungen bekommen, psychische Probleme. Anika Wassermann hat die Zeit ganz gut weggesteckt, vergessen hat sie das alles nicht.
„Den Umgang mit dem Coronavirus kreide ich der Politik heute noch an. Klar, im Nachhinein weiß man vieles besser. Aber ich hätte mir gewünscht, dass mehr auf die einzelnen Gruppen eingegangen wird. Auch die Arbeit in den Vereinen wurde bei den Maßnahmen runtergeredet und nicht genug wertgeschätzt.“ Total plötzlich seien die politischen Vorgaben oft gekommen, unberechenbar. „Ich weiß bis heute nicht: Fällt sofort jeder um oder bleibt er bei seiner Meinung?“ Es ist die vielleicht stärkste Corona-Spätfolge, an der Wassermann leidet: „dass ich nicht weiß, ob ich mich auf die Politik verlassen kann“. Dabei sei doch entscheidend, dass man den Parteien und deren Inhalten vertrauen könne. „Aber manche Politiker sind ja wie ein Fähnchen im Wind.“
Politisch gespalten, aber in ihrer Verunsicherung geeint, so beschreibt der Augsburger Experte Rüdiger Maas die Erstwählerinnen und Erstwähler. Er und sein Team vom Institut für Generationenforschung haben für ihre große Erstwählerstudie hunderte Jugendliche befragt. „Die Generation der Erstwähler wuchs in einer Welt voller Krisen, Unsicherheiten und digitaler Reizüberflutung auf“, heißt es in der Analyse. Diese Lebensumstände hätten dazu geführt, dass junge Menschen gestresster, pessimistischer und politisch orientierungsloser sind als vorherige Generationen. Und: „Der Staat hat es nicht geschafft, ein Urvertrauen zur Erstwählergeneration aufzubauen“, konstatiert Maas. Zudem rebelliere die Generation weniger, als man es traditionell von Jugendlichen erwarten würde. „Statt radikaler Abgrenzung zeigen die Daten eine überraschende Konformität: Die Werte der Erstwählergenerationen ähneln stark denen der älteren Generationen.“ Weit verbreitet: die Angst vor dem Verlust des eigenen Wohlstands.
Rebellion, politischer Protest, auch im Leben von Anika Wassermann kommt das kaum vor. „Ich verfolge die politische Debatte und versuche, mich neutral zu informieren“, sagt sie. „Wenn mich etwas interessiert oder aufregt, lese ich genauer nach.“ Aber sie geht nicht auf die Straße. Sie demonstrierte nicht für mehr Klimaschutz. Als in München Anfang Februar 250.000 Menschen auf der Theresienwiese ein Zeichen für die Demokratie setzten, war sie nicht dabei. Organisierter Protest? Das ist nicht ihre Art, sich für die Dinge einzusetzen, die ihr wichtig sind. Ihre Wochenenden sind ausgefüllt vom Sport, vom Engagement in ihren vielen Vereinen. Ja, die Wirtschaft sei ihr bei der Wahlentscheidung schon sehr wichtig. Aber sie schaut auch besonders darauf, was die Parteien für sie persönlich, für ihre ganz unmittelbaren Interessen tun. Was gut für sie ist, wäre auch gut für die Gesellschaft, davon ist die 18-Jährige überzeugt. Sie wünscht sich, dass soziale Berufe, Ausbildungsberufe, das Handwerk mehr wertgeschätzt werden. „Und mir kommt es darauf an, dass die nächste Regierung sich mehr fürs Ehrenamt einsetzt.“
„Selbst wenn wir uns engagieren wollen, fühlen wir uns nicht ernst genommen. Aber wir können doch auch was.“
Anika Wassermann, Erstwählerin
Sich politisch nicht vertreten zu fühlen, auch diese Empfindung teilt Anika Wassermann mit vielen in ihrer Generation. In Rüdiger Maas‘ Jugendwahlstudie gaben mehr als 62 Prozent der befragten Erstwählerinnen und Erstwähler an, sich im Wahlkampf schlecht oder sehr schlecht erreicht zu fühlen. „Unter meinen Freunden ist es genauso“, sagt die Meringerin. „Selbst wenn wir uns engagieren wollen, fühlen wir uns nicht ernst genommen. Aber wir können doch auch was.“
Als Teil unserer Bundestagswahl-Serie schauen wir uns auch die Parteiprogramme genauer an und dröseln auf, wie die Parteien zu unterschiedlichen Sachthemen stehen.
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