Es war eine Initiative, die gerade deshalb überraschte, weil sie mit den gängigen Regeln brach. In den Augen der meisten politischen Beobachter in Frankreich schien der Vorstoß deshalb mehr kurios denn erfolgversprechend zu sein. Vor zehn Jahren, im April 2016, gründete der damalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron in seiner Heimatstadt Amiens eine neue politische Bewegung. Sie sollte anders sein als die bisherigen Parteien, versprach der 38-Jährige: liberal und pro-europäisch, weder links noch rechts, sondern in der Mitte, um das bisherige Lagerdenken zu überwinden. Ihr Name „En marche!“, auf Deutsch etwa „Vorwärts!“ oder „Los geht’s!“, spielte auf die Initialen des Gründers an.
Macron hatte Großes vor. Doch außer ihm selbst, einem kleinen Kreis Vertrauter und seiner enthusiastischen Jugend-Organisation „Die Jungen mit Macron“ glaubten wenige daran, dass dieser Newcomer, der erst seit wenigen Jahren in der französischen Politik tätig war, ohne eine etablierte Partei im Rücken Erfolg haben könnte.
Er versprach mutige Reformen
Seine Anhänger gingen von Tür zu Tür, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Mit dem Versprechen, durch mutige Arbeitsmarktreformen das Geschäftsklima zu bessern, zog er die Wirtschaftseliten auf seine Seite. Der smart auftretende Macron wurde zum Liebling der Medien, seine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit seiner ehemaligen Lehrerin Brigitte half, das Bild eines Mannes zu zeichnen, der sich nicht um Konventionen schert. Schließlich profitierte er von François Hollandes Unbeliebtheit und dem Skandal um den konservativen Kandidaten François Fillon, der seine Frau nur zum Schein im Parlament beschäftigt hatte. Macron zog viele Jungwähler wie auch Rentner auf seine Seite und ließ bei der Stichwahl der Präsidentschaftswahl im Mai 2017 die Rechtsextreme Marine Le Pen hinter sich. Die traditionellen Volksparteien drängte er an den Rand. Er werde alte Blockaden aufbrechen, das Land „transformieren“, lautete sein verheißungsvolles Versprechen.
Zehn Jahre und zwei Namensänderungen später – aktuell heißt die Partei „Renaissance“ – hat sich die einstige Aufbruchstimmung in Desillusion verwandelt. Krisen, internationale wie nationale, selbst- und fremdverschuldete, reihten sich aneinander. Im Schatten der Vollinvasion Russlands in die Ukraine gelang Macron im Frühjahr 2022 zwar die Wiederwahl, doch seine ewige Gegnerin Le Pen machte Stimmen gut. Der Druck auf den Präsidenten stieg. Am Abend der Europawahl 2024 traf er mit der Auflösung der Nationalversammlung eine fatale Entscheidung. Bei den darauffolgenden Parlamentswahlen verloren die Regierungsparteien ihre relative Mehrheit. Seitdem ist Macron innenpolitisch weitgehend handlungsunfähig.
Parteifreunde distanzieren sich von Emmanuel Macron
Wer sich dieser Tage Hoffnungen macht, seine Nachfolge anzutreten, distanziert sich lieber öffentlich vom Präsidenten. Das gilt auch für die ehemaligen Premierminister Édouard Philippe und Gabriel Attal. Philippe, Macrons erster Regierungschef, rief seinen einstigen Chef im Herbst 2025 angesichts der Schwierigkeiten, ein Haushaltsgesetz zu verabschieden, sogar zum Rücktritt auf.
Was also bleibt vom „Macronismus“, jenem Versprechen einer „pragmatischen“ Politik, die sich von der Basis inspirieren lassen wollte und doch autoritär von oben herab geführt wurde? Wofür Renaissance genau stehe, sei bis heute unklar geblieben, schreibt Jacob Ross, Politikwissenschaftler und Forscher bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel: „Macrons eigene ideologische Beliebigkeit hat auf die Partei abgefärbt.“ Auch wenn er sich einst als „sowohl links als auch rechts“ bezeichnete, betrieb er doch eine typisch rechtskonservative Politik, von der Verschärfung der Einwanderungsgesetze bis zu seiner umstrittenen Rentenreform, die er 2023 gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung und am Parlament vorbei durchdrückte. Das konnten ihm viele Franzosen nicht verzeihen.
Magere innenpolitische Bilanz
Die Bilanz des „Macronismus“ wird weitgehend mit jener seines Namensgebers gleichgesetzt. Von den gesunkenen Arbeitslosenzahlen und gestiegenen Investitionen in den Standort Frankreich abgesehen, sei von den Versprechen von 2017 wenig geblieben, analysiert Ross. Die Verschuldung ist auf einem Rekordhoch. Außenpolitisch immerhin hat sich Macrons Idee von der Notwendigkeit einer „europäischen Souveränität“ und mehr Unabhängigkeit der EU in digitalen, sicherheits- und außenpolitischen Fragen durchgesetzt - so schwer sie umzusetzen bleibt. Innenpolitisch scheiterte der Präsident mit dem Wunsch, das Land zu befrieden und die Menschen mit der Politik zu versöhnen, analysiert der Philosoph André Comte-Sponville: „Frankreich ist stärker gespalten denn je und die Rechtsextremen scheinen an der Tür zur Macht zu stehen.“
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