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Einfach unfassbar: Darum lohnt sich eine Reise nach Armenien

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Entdecker gesucht! Deshalb ist Armenien ein spannendes Reiseland abseits der Touristenströme

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    Armenien in all seiner Pracht: Das Kloster Khor Wirap vor dem heiligen Berg Ararat.
    Armenien in all seiner Pracht: Das Kloster Khor Wirap vor dem heiligen Berg Ararat. Foto: Stephanie Sartor

    Wer ein Land verstehen will, muss aus dessen Tellern löffeln. Muss dessen Geschmäcker wie ein Murmelspiel über die Zunge kullern lassen, muss den Geschichten nachschmecken. So ein Essen, das viel über die armenische Seele erzählt, ist Panrkhash, sehr einfach, sehr traditionell – ein Schichtgericht aus Lavash-Brot, Käse, Butter und geschmolzenen Zwiebeln. Mehr nicht, mehr braucht‘s auch nicht. Im Gwoog Gastrohouse in Gyumri, im Nordwesten des Landes, trägt die Wirtin das Essen auf, deftig und dampfend in weißen Schüsseln, und so sitzt man an einem der schlichten Holztische des kleinen Lokals, an den Wänden Teppiche, über dem Tresen getrocknete Kräuter, Schmalzdampf im Raum, man isst, riecht, schmeckt und hat plötzlich das Gefühl, dem Land und den Menschen, denen Tradition und das, was war, so wichtig ist, ein bisschen näher zu sein.

    Das traditionelle armenische Gericht Panrkhash.
    Das traditionelle armenische Gericht Panrkhash. Foto: Stephanie Sartor

    Ein Tag zuvor. Wir sind gerade in Yerevan gelandet und wissen nicht, was kommt. Meist hat man Vorstellungen von einem Land, hat sich Erwartungen zurechtgelegt, Gedanken sortiert wie einen Berg Buntwäsche. Bei Armenien ist das anders. Aufregend anders. Als wir durch die Straßen der Hauptstadt fahren, vorbei an stahlgrauen Sowjetdenkmälern und Hochhausgerippen, über baumbestandene Avenuen, die zum Platz der Republik führen, als wir also so dahinfahren und an den Scheiben die Stadt vorbeihuscht, sagt eine Mitreisende, man werde hier irgendwie flüssig. Sie hat recht, alles – auch in einem selbst – verschwimmt zwischen West und Ost, Asien und Europa, gestern und heute. Armenien ist schwer zu fassen, nähert sich einem, entzieht sich dann wieder, wenn man gerade meint, es ein bisschen verstanden zu haben. Aber vielleicht kann man das auch gar nicht, weil das Land selbst nicht so recht weiß, wo es hingehört, hingehören will.

    Und im Rückspiegel immer der Ararat, der heilige Berg

    Eine kleine Annäherung also: Armenien, die ehemalige Sowjetrepublik im Südkaukasus, eingerahmt von Georgien, Aserbaidschan, Iran und der Türkei, ist klein, nur knapp über drei Millionen Menschen leben dort. Die Leute auf der Straße begrüßen sich mit „Barev“, du bist meine zweite Sonne, schön ist das. In den Schulen ist Schach Pflichtfach, das Alphabet hat 39 Buchstaben, bevor gegessen wird, hält jemand am Tisch einen Trinkspruch, gerne auch mal zehn Minuten lang und eine Art Wegweiser fürs Leben, zumindest den Tag. Wenn gekocht wird, dann ohne schlechte Gedanken, sonst, sagen die Menschen hier, seien die Zutaten beleidigt. Und in den Teig des Lavash-Brotes, das es an jeder Straßenecke, in jedem Lokal, zu jedem Mahl gibt, wird ein Kreuz gemacht, bevor es in den Ofen geschoben wird.

    Frauen beim Backen des Lavash-Brotes, das es in jedem Lokal, zu jedem Mahl gibt.
    Frauen beim Backen des Lavash-Brotes, das es in jedem Lokal, zu jedem Mahl gibt. Foto: Stephanie Sartor

    Mit dem Auto ist man von Yerevan in gut zwei Stunden in Gyumri, wo wir Panrkhash und dann Tatar Boraki, flache Nudeln mit Joghurt und Knoblauch, essen und das Land Bissen für Bissen mehr spüren. Wer von der Hauptstadt hierher fährt, der fährt durch die Einsamkeit, sandblasse Hügel, Weite, Weizenfelder, im Rückspiegel der Ararat. Der mehr als 5000 Meter hohe ruhende Vulkan im Hochland liegt schon jenseits der Grenze, in der Türkei, trotzdem ist er für die Armenier ein Art Nationalsymbol, der heilige Berg, an dem laut der biblischen Erzählung die Arche Noah anlandete. Religion ist den Menschen hier wichtig. Armenien gilt als die älteste christliche Nation der Welt, die Geschichte reicht 1700 Jahre zurück, das Land ist voller Klöster und Kirchen, einige werden wir auf unserer Reise noch sehen, werden staunen, nachdenken.

    Gyumri ist das kulturelle Zentrum Armeniens

    Doch zunächst eben Gyumri, die zweitgrößte Stadt des Landes und dessen kulturelles Zentrum. Es gibt kleine Theater in dunklen Gewölben, ein Museum, in dem Tolstois Totenmaske zu sehen ist, Ausstellungen junger Künstler in versteckten Hinterhöfen und besondere, gleichwohl unscheinbare Orte, an denen man eigentlich vorbeigehen würde, hätte man nicht einen Tipp bekommen. Neben einer Tankstelle führt ein schmaler Schotterweg einen kleinen Hang hinunter zu einer Hütte, eine Art Garage. Drinnen, auf einem Drehstuhl neben der Heizung, sitzt Hovhannes Mnoyan.

    Schmiedekünstler Hovhannes Mnoyan bei der Arbeit.
    Schmiedekünstler Hovhannes Mnoyan bei der Arbeit. Foto: Stephanie Sartor

    Der junge Mann in blauen Jeans und lilafarbenem Shirt ist Schmied, seit vier Generationen betreibt seine Familie das Handwerk, das hier einen besonderen Stellenwert hat – die Schmiedekunst von Gyumri wurde von der Unesco in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Mit Pappe und Kohle macht Mnoyan Feuer, dann schlägt er mit einem Hammer auf das heiße Eisen, das sich auf dem Amboss zu verformen beginnt. „Als ich sieben Jahre alt war, habe ich das zum ersten Mal gemacht“, erzählt er. Heute stößt man in der ganzen Stadt auf seine Werke, Fenster, Türen, Kronleuchter. Bevor wir uns verabschieden, bittet Moyan noch in einen Nebenraum, darin steht eine lebensgroße Frauenfigur, der Blick gesenkt, eine Kugel in den Händen. „Ich habe sie den Opfern des Genozids gewidmet“, sagt er. „Als Symbol, dass das Leben weitergeht.“

    Die Narben der Vergangenheit bleiben

    Dass das Leben weitergeht, auch, wenn man immer wieder neu anfangen muss, das hört man hier oft. Spätestens alle 200 Jahre, sagen die Armenier, sei es zu einer Katastrophe gekommen, nach der nichts mehr war wie zuvor. Und so erzählen die Menschen, mit denen man hier ins Gespräch kommt, viel von der Vergangenheit. Vor allem – wie der junge Schmied aus Gyumri – vom Genozid an der armenischen Bevölkerung im Jahr 1915, bei dem mehr als eine Million Menschen getötet wurden. Bis heute wird um die Anerkennung als Völkermord gerungen. Die Türkei als Nachfolgerin des Osmanischen Reiches akzeptiert zwar, dass osmanische Streitkräfte viele Armenier töteten, spricht aber von einem Bürgerkrieg, einen systematischen Völkermord weist man in Ankara zurück. Das ist das eine Trauma des Landes, das größte, freilich, heilen wird diese tiefe Wunde nie. Das andere: das Erdbeben, das 1988 rund um Gyumri fast alles zerstörte. 25.000 Menschen starben damals. Fast jeder in der Region kennt jemanden, der jemanden verloren hat. Wieder einmal Wiederaufbau.

    Auf einem Bergplateau, über das der Wind fegt, steht das Kloster Haghpat aus dem 10. Jahrhundert, bis heute fast im Originalzustand erhalten und Unesco-Weltkulturerbe.
    Auf einem Bergplateau, über das der Wind fegt, steht das Kloster Haghpat aus dem 10. Jahrhundert, bis heute fast im Originalzustand erhalten und Unesco-Weltkulturerbe. Foto: Stephanie Sartor

    Mit Gedanken an die Narben, die die Geschichte gerissen hat, geht die Reise weiter. Weiter in die Vergangenheit, nach Nordosten. Auf einem Bergplateau, über das der Wind fegt, steht das Kloster Haghpat aus dem 10. Jahrhundert, bis heute fast im Originalzustand erhalten und Unesco-Weltkulturerbe. Drum herum wellen sich grüne Hügel bis zum Horizont, der Himmel ist taubengrau, manchmal kommt die Sonne kurz durch, ein Wechselspiel aus Licht und Wolken, das den Ort noch mystischer macht. Man könnte lange hier herumlaufen, über die blassgrünen Wiesen, durch die steinernen Torbögen, die einstige Bibliothek, die Heilig-Kreuz-Kirche, und ein bisschen auch durch die Zeit, so fühlt es sich jedenfalls an. Das geht auch in den anderen Klöstern, am Sewansee etwa, einem der größten Hochgebirgsseen der Erde, auf dessen Grund 4000 Jahre alte Gräber entdeckt wurden, oder im Kloster Khor Wirap, nicht weit von der Hauptstadt entfernt, näher als dort kommt man dem heiligen Berg Ararat kaum, der Gipfel, schneebedeckt, zum Greifen nah.

    In den Bergen Armeniens leben Leoparden

    Armenien hat aber auch noch eine andere Bergwelt, weit im Süden, weit weg von Klöstern und Dörfern, sogar Leoparden leben hier, Bären und Wölfe. Auf einem Felsvorsprung am Canyon stehen zwei kleine Häuschen, auf einer Holzplattform davor Erik, der Gastgeber, der sich hier in der Bergbesinnlichkeit einen Traum verwirklicht hat. Seit Marketing-Studium hat er geschmissen, baute mit seinem Cousin die beiden Hütten, die man mieten kann. „Berge waren immer meine Leidenschaft, ich habe immer nach dem perfekten Platz gesucht.“ Erik, 23, ist außerdem Sommelier, mit seinem Cousin produziert er Wein, den die Gäste hier oben trinken können. „Dort drüben bauen wir ihn an“, sagt Erik und deutet auf eine grüne Flanke am Berghang, dahinter, im späten Nachmittagslicht, leuchtet der Ararat.

    Erik auf der Terrasse der Unterkünfte, die er vermietet - direkt am Canyon in den armenischen Bergen.
    Erik auf der Terrasse der Unterkünfte, die er vermietet - direkt am Canyon in den armenischen Bergen. Foto: Stephanie Sartor

    Zwei Ranger kommen vorbei, um uns mit in die Berge zu nehmen. In Jeeps holpern wir über die Piste, dann sind wir oben. Und allein, keine Menschen, keine Geräusche, nichts und niemand. Man kann hier lange und weit wandern und während man schaut und staunt, lesen die Ranger frische Fährten und erklären, dass hier wohl vor Kurzem eine Bärin mit ihren Jungen vorbeigekommen ist.

    Überall gibt es Lavash-Brot, millimeterdünn, man wickelt Kräuter hinein

    Als die Sonne untergeht, gibt es etwas zu essen, die Ranger haben Schweinefleisch in einer Grube in der Erde gegrillt, dazu gibt es sauer eingelegten Kohl, geröstete Paprika, gefüllte Weinblätter, scharfe Soßen und natürlich Lavash-Brot, millimeterdünn, man wickelt Kräuter, vor allem Koriander, und Käse hinein, köstlich. Wer das Land begreifen, es zumindest versuchen will, muss mit den Menschen hier an einem Tisch sitzen, muss riechen, schmecken, fühlen und ihren Geschichten lauschen. Und dann versteht man vielleicht irgendwann und irgendwie, dann verschwimmt alles, West und Ost, gestern und heute. Was für ein unfassbares Land.

    Die Reise wurde unsere Reporterin vom Tourismuskomitee des Wirtschaftsministeriums der Republik Armenien ermöglicht

    Reisetipps für Armenien

    • Anreise: Flüge nach Yerevan gibt es von München etwa mit Pegasus Airlines via Istanbul. Von dort fliegt man noch gute zwei Stunden.
    • Reisezeit: Am besten zwischen Mai und Oktober. Der September ist eine hervorragende Zeit, um das Land zu besuchen. Dann ist es noch sonnig und warm, auch, wenn es in Höhenlagen frisch werden kann.
    • Übernachten: Wer ein einmaliges Natur-Erlebnis haben möchte, dem sei geraten, bei Erik im „Anapat Canyon“ zu übernachten. Der Ausblick ist atemberaubend.
    • Essen: Die armenische Küche ist bodenständig und raffiniert zugleich. Vor dem Essen gibt es eine Platte mit frischen Kräutern und Käse, die man in das Lavash-Brot wickeln kann. Wer authentische Küche mag, sollte das Gwoog-Gastrohouse in Gyumri besuchen.
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