Sie steht nur da, blickt achtzehn Decks nach oben und dreihundert Meter nach rechts entlang der Costa Toscana. „Lass uns ein gemeinsames Selfie machen“, rufen wir ihr zu. Doch sie starrt weiterhin das Schiff an. Für unsere 17-jährige Nichte ist es die erste Kreuzfahrt. Bisher kennt sie Seereisen nur vom ZDF-Traumschiff, wo die Passagiere entspannt mit dem Auto bis zur Pier fahren und von der Chef-Stewardess begrüßt werden. An Bord der Costa Toscana reisen mehr als 6000 Gäste mit, das sind gut zehnmal so viele wie auf der Amadea, dem aktuellen Traumschiff. Kein Wunder, dass ein Teenager überwältigt ist.
Auf der Costa Toscana haben 6000 Gäste Platz
Vor unserer Abreise kamen trotz aller Freude über die gemeinsame Reise Zweifel auf. Zu Hause erleben wir unsere Nichte meistens mit ihrem Smartphone. Welchen Sinn hat es, einen Teenager mitzunehmen, der am liebsten mit dem Handy in der Ecke sitzt? Als sie nicht einmal ein Handyfoto machen will und sofort an Bord geht, keimt in uns die Hoffnung, dass die achttägige Kreuzfahrt durchs westliche Mittelmeer sie doch aus ihrer digitalen Welt herausholen kann.
Wir schlagen vor, unsere Reise mit einem alkoholfreien Pink Panther und einem Aperol Spritz zu beginnen. Mit einem Blick, der sowohl fragend als auch amüsiert ist, sagt sie: „Das ist jetzt aber ziemlich klischeehaft, oder?“ Dass Kreuzfahrer den ganzen Tag über Cocktails trinken, im Liegestuhl am Pool liegen, viel zu viel essen und am Ende die Kleidung nicht mehr passt? Ja, das ist Klischee, aber es gehört in gewisser Weise auch dazu.
Kurz vor dem Auslaufen, sind die besten Plätze an der Reling belegt, deshalb holen wir unsere Drinks an der Bar und gehen zurück auf unsere Kabine am Heck. In den Bergen über Savona ziehen Gewitterwolken auf, es donnert und Blitze zucken in der Ferne. In dem Moment löst sich die Toscana von der Pier und gleitet rückwärts aus dem Hafenbecken. Wir trinken schweigend unsere Cocktails, und je länger wir schweigen, desto unsicherer werden wir, weil wir nicht wissen, ob unsere Nichte diesen Moment genauso genießt wie wir. „Das machen wir jetzt immer“, schlägt sie vor und lächelt.
Doch nach dem Auslaufen ist die 17-Jährige verzweifelt, als sie plötzlich keinen Handyempfang mehr hat. „Meine Freundinnen denken bestimmt, ich bin tot!“, protestiert sie. Es war zwar von Anfang an klar, dass wir ihr kein Internetpaket buchen werden. Vermutlich in einem Anflug von Euphorie über ihre erste Kreuzfahrt, hatte sie dem auch zugestimmt und festgestellt: „Ich will ja meinen Freundinnen erzählen, wie die Reise war, und nicht, wie gut das Internet funktioniert hat.“ Doch als keine Whatsapp mehr eingehen und TikTok nicht mehr funktioniert, wird ihr das Ausmaß dieser Entscheidung schmerzhaft bewusst. Diese Reaktion passt zu der Umfrage über die Reisegewohnheiten Jugendlicher durch AIDA Cruises, der deutschen Tochter von Costa Crociere. Demnach gehört ständig verfügbares, schnelles Internet zu den wichtigsten Bedürfnissen von Teenagern auf See.
Die Situation auf Kreuzfahrten war lange Jahre anders als an Land, denn Smartphones waren an Bord bis vor kurzem nur eingeschränkt nutzbar. Zwar wurde 1999 auf der Norwegian Sky das erste Internet-Café auf einem Kreuzfahrtschiff eröffnet und andere Schiffe nach und nach mit WLAN ausgestattet, doch es war langsam und teuer. Die Toscana ist das erste Schiff der Flotte, das im Juli 2023 mit dem Starlink-Breitbanddienst von SpaceX ausgestattet wurde. Mittlerweile sind nach Angaben der Reederei alle Costa-Schiffe mit Starlink verbunden. So ist das Internet nun auch auf hoher See für mehrere tausend Menschen nahezu so schnell wie an Land.
Teenager wollen ihre Erlebnisse mit Freunden teilen
Internet und Smartphone stellen nicht nur Eltern und Tanten von Teenagern vor Herausforderungen. Ein Programm für Jugendliche zusammenzustellen, die so mit ihrem Handy verwachsen sind, sei schwierig, sagt Guilherme Marques, der Chef-Animateur für Kids und Teens auf der Costa Toscana. Laut Marques werden Teenager auf Kreuzfahrten vor allem von dem Wunsch angetrieben, ihre Urlaubserlebnisse mit Freunden und Followern zu teilen. Das früher beliebte Programm sei bei den heutigen Teenagern dagegen nicht mehr gefragt, sagt Marques. Mannschaftsspiele, die bei Erwachsenen und Kindern beliebt seien, funktionierten bei Jugendlichen nicht. Sie seien viel zu zurückhaltend, um sich spontan zu Gruppen zusammenzufinden.
Wettbewerbe und Auszeichnungen, wie etwa die Wahl zu Mister und Miss Costa Toscana, gefielen ihnen nicht mehr. Weder wollten sie im Rampenlicht auf großer Bühne stehen noch andere bewerten. „Das passt nicht zum Body Positivity-Gedanken“, erklärt unsere Nichte. Stets beliebt sei dagegen gemeinsamer Sport, Tischtennis oder Tischkicker, denn so kämen Jugendliche über alle Sprachbarrieren hinweg und ungezwungen in Kontakt, sagt Marques.
In Jeans und Sneakers zum Abendessen
Am ersten Abend ist die Stimmung im Keller. Wir wollen uns für das Abendessen schick machen, doch unsere Nichte möchte lieber in Jeans, Shirt und Sneakers bleiben. Im Restaurant verschwindet sie hinter der Menükarte und bleibt auch nach der Bestellung wortkarg. Als sie den ersten Gang, Pasta mit Meeresfrüchten, im Magen hat, sagt sie traurig: „Alle haben so schöne Sachen an. Und ich bin hier in Alltagsklamotten zu dem tollen Essen.“ Nach dem abschließenden Schokoladenmousse ist sie wie ausgewechselt. Wollte sie zuvor noch direkt nach dem Essen auf die Kabine gehen, hat sie es plötzlich eilig. Sie müsse auf die Kabine gehen, verkündet sie und kommt pünktlich zur Abendshow mit Akrobatik, Tanz und Gesang im Minikleid und mit einem Lächeln auf dem Gesicht zurück.
Die Tanzfläche auf der Costa Toscana in der TeenZone bleibt leer
„Das war echt crazy“, sagt sie anschließend über die Inszenierung und wir schlagen vor, tanzen zu gehen. Doch sie blickt uns befremdet an und erklärt geradeaus: „Nein, mit Ü 20 zu tanzen ist peinlich“. Doch das scheint nicht der eigentliche oder zumindest nicht der einzige Grund zu sein, stellen wir wenig später fest. Eher zufällig spazieren wir kurz vor Mitternacht am Innenpool vorbei und blicken auf das, was eine Teens Disco werden soll. Die Kuppel über der Schwimmhalle ist blau erleuchtet, TeenZone steht in neongrüner Schrift auf der Bühnenumrandung. Was fehlt, sind die Hauptpersonen. Nur ein paar Jugendliche liegen entspannt mit ihren Smartphones in den Kissen der Sofas. Wir drehen noch eine Runde übers Deck, kommen wieder zurück, doch die Tanzfläche bleibt leer.
Ganz anders war die Partyszene noch am Nachmittag, als ein DJ Italo-Pop auflegte, drei Animateure der Menge einheizten und Erwachsene jenseits der Zwanzig ausgelassen feierten. Die Einzigen, die man nie auf der Tanzfläche antreffe, seien Teenager, sagt Marques. Warum das so ist, erläutert unsere Nichte. Videos und Bilder landeten schnell auf Social Media und seien weltweit sichtbar. „Keiner will bloßgestellt werden“, betont sie. Dass Teenager nicht mehr tanzen wollen, erstaunt uns, passt aber zu der Nachricht, dass die Zahl der Clubs und Discos in Deutschland abnimmt, weil die junge Generation weniger Lust auf Tanzen und Party habe.
Wir probieren alle Eissorten an Bord der Costa Toscana durch
In den ersten Tagen erwarten wir eine aufflammende Diskussion über die Ungerechtigkeit, dass unsere Nichte kein Internetpaket bekommt, während ihre Altersgenossen offensichtlich ständig online sind. Doch die Diskussion bleibt aus. Wir sitzen gemeinsam mit Buch und Drink auf unserem Balkon, probieren alle Eissorten in der bordeigenen Gelateria Amarillo durch, machen uns fürs Abendessen schick und freuen uns auf die Abendshow. Es ist die gemeinsame Zeit, die wir genießen, an Bord, ebenso wie an Land.
In Barcelona mit der U-Bahn zur Sagrada Familia
Für unseren ersten Stopp Marseille entscheiden wir uns, mit dem öffentlichen Bus vom Hafen ins Stadtzentrum zu fahren. Wir schlendern entlang des Alten Hafens, machen ein Selfie unter dem verspiegelten Sonnenschutzdach von Norman Foster & Partners und gehen shoppen. In Barcelona nehmen wir die U-Bahn zur Sagrada Familia und besichtigen die Casa Batlló von Antoni Gaudí. Unter brütender Sonne schieben wir uns in Rom vom Circus Maximus durch Touristenmassen zu Kolosseum, Forum Romanum und Kapitolshügel, wo wir die Statue der Kapitolinischen Wölfin fotografieren, die Romulus und Remus säugt.
In nur einer Woche so viele Orte in verschiedenen Ländern zu entdecken ohne ständig Koffer packen zu müssen, sei „mega“, sagt unsere Nichte am letzten Abend, als wir mit Pink Panther und Aperol Spritz in schicken Cocktailkleidern auf unserem Balkon stehen und zusehen, wie die Lichter von Civitavecchia allmählich kleiner werden.
Als wir sie fragen, was ihr am meisten gefallen hat, sagt sie: „Das Meer.“ Besonders schön sei der Seetag gewesen, als uns den ganzen Tag nur Wasser umgab. „Es erschien mir in dem Moment surreal, aber mitten auf dem Meer ist es wirklich so wunderschön.“
Die Autorin recherchierte auf Einladung von Costa Crociere.
Die Kreuzfahrt auf der Costa Toscana
Kreuzfahrt mit Kindern: Bei Costa Crociere reisen Kinder und Jugendliche bis einschließlich 17 Jahren in der Kabine von zwei Erwachsenen kostenlos mit.
Route: Die Costa Toscana fährt regelmäßig auf einer 8-tägigen Route im Westlichen Mittelmeer zwischen Italien, Frankreich und Spanien. Der reguläre Startpreis liegt bei 669 Euro p.P. im „Cruise Only“-Tarif mit Vollpension in der Innenkabine.
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