Feiner Sprühnebel zieht über den Asphalt. Links breitet sich der Nordatlantik aus. Rechts schießen unmittelbar neben der Straße Dutzende Wasserfälle aus dem üppigen Grün. Ich steuere das Auto durch die raue Küstenlandschaft nach Hóvsík, einem unbekannten Ort an einem färöischen Fjord, irgendwo auf der zentralen Insel Streymoy. Warum weiß ich nicht. Ein Zufallsgenerator hat entschieden.
Das Herumkurven hat auf den Faröer Inseln System
Was nach ziellosem Herumkurven klingt, hat auf den Färöer System. Die kleine Inselgruppe zwischen Island, Schottland und Norwegen erfreut sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Auch hier, an diesem wirklich abgeschiedenen Ort mitten im Atlantik, tummeln sich die Besucher an den bekannten Höhepunkten aus den Reiseführern. Doch das Land ist klein und der Platz überschaubar. Die neuen, selbst navigierenden Autos sollen Abhilfe schaffen. Sie lenken Gäste an weniger bekannte Orte. Für Bucketlist-Jäger eine echte Herausforderung, für Entdecker und ruhesuchende Menschen ein Segen. Wer einsteigt, überlässt Auto und Smartphone das Denken und muss aushalten, nicht zu wissen, wohin die Reise führt. Schummeln geht auch nicht. Das System verrät weder Route noch Attraktion. Erst, wenn man am Ziel ist, öffnet sich die nächste Station.
Der erste Halt ist also nicht der ikonische, scheinbar schwebende See Sørvágsvatn. Sondern eben Hóvsík. Auf dem Weg setzt starker Regen ein, wie an rund 200 Tagen im Jahr, während aus den Lautsprechern färöischer Folklore dringt. Ein Rhythmus, der es Zuhause wohl nicht auf eine Roadtrip Playlist geschaffte hätte, der sich hier aber so wunderbar in die raue Landschaft einfügt. „Sehr oft dienen Naturmotive als Grundlage für Kompositionen“, wird am Abend in der Hauptstadt Tórshavn der Musiker Kristian Blak bestätigen. „Eine naheliegende Quelle, da die Landschaft sozusagen alles von furchterregend bis idyllisch zum Ausdruck bringt.“ Man benötigt nur wenige Minuten auf den färöischen Straßen, um zu wissen, was er meint.
In diesem Ort auf den Faröer Inseln sind keine Touristen zu sehen
Der Ozean ist allgegenwärtig, doch plötzlich signalisiert das Auto, dass ich am Ziel vorbeigefahren bin. Eine lang gezogene Kurve entlang einer Bucht führt durch Hóvsík hindurch, aber das Navi verlangt eine unscheinbare Abzweigung. Ein schmaler Weg führt hinunter zum Meer. Bis auf eine Ansammlung bunt gestrichener Hütten steht hier nicht viel. Ist das der richtige Ort? Touristen sind sonst keine zu sehen. Die App bestätigt, genau diese dem Wind und dem Meer erbarmungslos ausgelieferten kleinen Häuser sind das Ziel. Ein Text öffnet sich und erklärt, Hóvsík ist ein mehrere Jahrhunderte altes Dorf und einst ein bedeutendes Fischereizentrum gewesen. Bei den scheinbar wahllos am Ufer stehenden bunten Hütten handelt es sich um alte Bootshäuser. Tatsächlich versprühen sie von der Küste aus betrachtet ihren Charme, die raue See und der Regen sorgen für die Dramatik. Der Wind frischt merklich auf. Das System empfiehlt noch die Wanderung zu einem nahegelegenen Wasserfall. Von hier wäre es zudem nicht weit nach Gjógv, einer der meist besuchten Orte der Färöer. Vielleicht ein andermal.
Großartige Ausblicke auf den Fjord
Der nächste Halt Lambi wirkt wie eine unscheinbare Randnotiz zwischen zwei Fjorden. Doch in Fuglafjørður, Station Nummer drei, öffnet sich ein Panorama, das einen sofort in seinen Bann zieht. Auch Fuglafjørður ist klein und natürlich am Meer gelegen. Drei, vier Querstraßen breit ist der Ort, bevor sich eine mächtige Hügelkette mit steil abfallenden Hängen und weiß getupften Spitzen anschließt.
Auf der klassischen Besuchsliste hätte Fuglafjørður wohl nicht gestanden, dabei ist der Ort für färöische Verhältnisse beinahe eine Kleinstadt. Man hätte dieses Juwel schlicht verpasst. Entlang der Uferpromenade zeigen Street-Art-Künstler an den Hausfassaden ihr Können, ein Fischerboot liegt auf einem Trockendock, kleine Mode-Geschäfte warten auf Kundschaft und überall stehen bezaubernde, häufig rote, Holzhäuser, die auf den Färöer-Inseln überall zu sehen sind. In Fuglafjørður kann man gar nicht anders als hineinzusehen und erblickt gemütlich eingerichtete Wohnzimmer und Färinger beim Kochen.
Ein Höhepunkt der Faröer Inseln muss allerdings sein
Nach einem Abend in der lokalen Craftbier Brauerei, Kristian Blak versetzt die Bar mit seiner Band Yggdrasil in nordisches Ambiente, meldet sich am nächsten Morgen das schlechte Gewissen. Allzu oft reist man vermutlich nicht auf die Färöer. Alles Wichtige auszulassen wäre doch zu schade. Glücklicherweise gibt einem das Auto nicht den Startpunkt vor. Also fahre ich mit dem ersten Tageslicht auf die westliche Insel Vágar nach Gásadalur, um doch noch ein typisches Postkartenmotiv mitzunehmen. Es ist noch früh, dementsprechend hält sich das Besuchsaufkommen in Grenzen. Der Ort selbst ist dann schließlich auch absolut faszinierend und es ist nachvollziehbar, weshalb in den Sommermonaten die Besucherscharen über ihn herfallen. Wenige Schritte vor dem Dorf und vor dem Hintergrund einer wie gemalt daherkommenden Bergkulisse fällt der Múlafossur Wasserfall 30 Meter in die Tiefe, direkt in die rauschende Gischt des Meeres. Gásadalur ist auf einem ohnehin schon abgelegenen Archipel ein besonders entlegener Ort und der Letzte, der auf den Hauptinseln an das Straßennetz angeschlossen wurde.
Von Gásadalur aus geht es weiter mit dem Zufallsgenerator
Von Gásadalur beginnt die zweite Tour. Der Zufallsgenerator lotst auf die Nachbarinseln Streymoy und Eysturoy. Unterseetunnel, zahlreiche Brücken, enge Kurven entlang der Küste – die Straßenbauer der Färöer müssen wahre Puzzlekünstler sein. Während der schwarze Vulkansand von Leynar noch direkt an der Route liegt, führt der Weg zum nächsten Ziel über den Hochseehafen von Runavík zu einem See, eingerahmt von zerklüftetem Gestein. Schon von der Straße bieten sich umwerfende Ausblicke auf die spiegelnde Oberfläche des Toftavatn. Möwen kreisen über dem Wasser. Menschen sind keine zu sehen. Wer Zeit mitbringt, kann entlang des Ufers den See umrunden.
Zurück auf der Straße nennt das Navi Æðuvík als nächstes Ziel. Ein wahrhaft isolierter Ort an der äußersten Südostspitze von Eysturoy, den der tosende Atlantik und heftige Winde fest im Griff haben. Trotzdem hat sich eine wetterfeste Schar von Dauercampern hier niedergelassen, die insbesondere in den kalten Monaten unter sich bleiben können. Es ist ein Ort, der einen die Elemente spüren lässt. Wer sich an diesem wahr gewordenen Traum der Melancholie nicht die großen Fragen des Lebens stellt, muss wahrlich in sich selbst ruhen.
Viele Kleinode auf den Faröer Inseln hätte man verpasst
Die häufig abgelichteten Höhepunkte der Faröer Inseln habe ich auf diesen Zufallstouren tatsächlich nicht gesehen. Dafür an Orten wie Æðuvík Zeit für Innehalten und Entschleunigen gefunden. Vielleicht war das letztendlich sogar wertvoller. Ohne die selbst navigierenden Autos würden Æðuvík, Fuglafjørður und all die Kleinode entlang der Straßen wohl nur auf wenigen Ziellisten landen. Zurück im Auto läuft der Zufallsgenerator schon wieder. Mal schauen, was er noch vorschlägt.
Reisetipps für die Faröer Inseln
Anreise: Ab München mit SAS und Atlantic Airways über Kopenhagen ab 602 Euro pro Person (https://www.flysas.com)
Unterkunft: Traumhafter Ausblick über Tórshavn und den dahinter liegenden Atlantik im Hotel Foroyar ab 104 Euro/DZ mit Frühstück (https://hotelforoyar.fo) Modern und komfortabel im Hotel Brandan ab 112 Euro/DZ mit Frühstück (https://hotelbrandan.de)
Selbstnavigierende Autos: Das Routing der selbstnavigierenden Autos läuft über den Browser des eigenen Smartphones. Die Autos verfügen über Wifi und können mit dem Smartphone gekoppelt werden (www.selfnavigatingcars.com). Die Nutzung des Systems ist kostenlos und kann theoretisch mit jedem Mietwagen auf den Färöer erfolgen.
Reisezeit: Auf den Färöer ist es das ganze Jahr über windig. Es regnet an über 200 Tagen im Jahr. Die Sommermonate bieten sich durch milderes Klima und lange Tage für Wanderungen an. Im Winter wird es aufgrund des Golfstroms nicht ganz so kalt wie in den benachbarten skandinavischen Ländern.
Allgemeine Informationen Erhält man bei Visit Faroe Islands unter https://visitfaroeislands.com/de
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