Diese massiven Parkettböden aus Eiche und Tanne, die bei jedem Schritt so wunderbar knarzen. Dazu die Holzvertäfelungen und Stuckaturen, die Nussbaumfenster mit mundgeblasenem Glas und Kamine aus Chablais-Marmor. Oder die Ornament-Tapeten, die an historische Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert angelehnt sind – man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Manchmal macht sich ja schon etwas Enttäuschung breit, wenn man nach der Ankunft beim ersten Rundgang durch die Ferienunterkunft die Realität mit den Bildern aus dem Internetportal abgleicht, deretwegen die Entscheidung genau für dieses Objekt gefallen ist. Betritt der Gast die zweiten Etage das Haus „Les Platanes“ mit den beiden Platanen vor dem Eingang, wird einem sofort klar: auf der Homepage der Stiftung „Ferien im Baudenkmal“ ist rein gar nichts beschönigt worden, mit der Buchung dieser Ferienwohnung hat man alles richtig gemacht – erst recht, wenn man wenig später auf dem Balkon dieses eleganten Bürgerhauses im neoklassizistischen Stil steht.
Die Aussicht auf den glitzernden Genfersee samt Schloss Chillon und die Bergriesen im Hintergrund ist schlicht überwältigend. Wo, wenn nicht hier lässt sich die Waadtländer Riviera besser und stilsicherer genießen?
Aleksis Dind ist Besitzer dieses Juwels Baujahr 1837 in der Gemeinde Veytaux unweit von Montreux. Ein echtes Schmuckstück – das ihm freilich zwischenzeitlich auch viel Arbeit und Kopfzerbrechen bereitet hat, wie der Hausherr im dazugehörigen historischen Garten erzählt. Sein Großvater hatte das Haus in den 50erJahren des vergangenen Jahrhunderts gekauft, erzählt Dind, der als Architekt auf die Sanierung von alten Gebäuden spezialisiert ist. 2009 erwarb der Enkel dann die Immobilie von seinem Vater und seinem Onkel, drei Jahre nach Ende seines Studiums. „Ein guter Spielplatz für einen jungen Architekten“, dachte sich der neue Eigentümer damals und begann mit den Sanierungsarbeiten im Dachgeschoss, das ehemals als Dienstwohnung diente.
Im Baudenkmal am Genfer See urlaubten früher englische Gäste
Die 180 Quadratmeter große Wohnung im zweiten Stock war dann quasi das Meisterstück. Dort hat Aleksis Dind auch dank akribischer Recherche in Archiven und subtiler Forschungsarbeit in den Wohnräumen die Belle Époque dort wieder aufleben lassen – jene Zeit, in der das Haus als Pension diente und unter anderem betuchte englische Touristen beherbergte. So legte der Bauherr im Stile eines Archäologen an verschiedenen Wandstellen Farb- und Tapetenschichten frei, um bei der Sanierung dem Originalzustand der Wohnung so nahe wie möglich zu kommen. In England fand der Architekt eine Firma, die mit traditionellen Techniken arbeitet und die passenden Tapeten liefern konnte. Die Möbel wurden größtenteils maßgefertigt und von lokalen Handwerkern hergestellt. Ergänzt werden sie durch moderne Designklassiker oder historische Stücke, wie den Kühlschrank aus Mahagoni-Holz, der aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt – ein echter Hingucker, auch wenn er nicht mehr funktionstüchtig ist.
Aleksis Dind und seine Frau Carine steckten so viel Arbeit, Herzblut, aber auch Geld in den Umbau – und waren am Ende schockiert, als ihnen der Makler, den sie für die Vermietung dieser Traumwohnung beauftragen wollten, beim Gang durch die herrschaftlichen Räume ins Gesicht sagte: Für eine solche große Wohnung mit sieben Zimmern, aber nur einem Bad und ohne Aufzug sei die Suche nach einem Mieter aussichtslos. „Wir waren so stolz auf diese Wohnung. Aber der Makler sah nur Probleme“, erinnert sich der Hausbesitzer.
So kam die Stiftung „Ferien im Baudenkmal“ ins Spiel, auf die das Ehepaar aufmerksam wurde und dank der schließlich die Wohnung erfolgreich vermietet wurde. Auch mithilfe der Einnahmen daraus sollen die beiden noch nicht sanierten Etagen – in einer davon lebt die sechsköpfige Familie – auf Top-Niveau saniert werden. „Ich war mit den Leuten der Stiftung sofort auf einer Wellenlänge“, erzählt Dind. „Das hat vom ersten Kontakt an gepasst.“
Die Initiative Ferien im Baudenkmal gründete sich vor 20 Jahren
2005 war die Stiftung als gemeinnützige Institution gegründet worden – auf Initiative des Schweizer Heimatschutzes, als Projekt an der Schnittstelle von Tourismus und Denkmalpflege. „Unser Ziel ist die Erhaltung wertvoller Baudenkmäler in der Schweiz und gleichzeitig die Vermittlung baukultureller Werte“, erläutert Geschäftsleiterin Christine Matthey im Gespräch. „Das Modell ermöglicht einen doppelten Gewinn: Die Baudenkmäler erhalten eine neue Zukunft und die Feriengäste erleben einen Aufenthalt in einem außergewöhnlichen Gebäude.“
Rund 70 Unterkünfte über die gesamte Schweiz verteilt können aktuell über die Stiftungs-Plattform gebucht werden – zwölf davon gehören der Stiftung selbst, der Rest ist in Privatbesitz. Das Angebot ist vielfältig, auch was die Bauepochen betrifft. Man sei bei der Aufnahme der Objekte ins Stiftungs-Portfolio auf Häuser fokussiert, die einen hohen Anteil an historischer Bausubstanz aufweisen, sagt Matthey.
Die Geschichte des Hauses müsse spürbar, aber auch ein gewisses touristisches Potenzial vorhanden sein. Zudem soll die gesamte Vielfalt der Schweizer Architektur abgebildet werden. Zu den Objekten zählen unter anderem urige, mit viel Fingerspitzengefühl sanierte Bauernhäuser, zum Teil in abgeschiedenen Bergdörfern gelegen, in die dank der Vermietungen über die Stiftung wieder Leben einkehrte, weil sich im Umfeld eine touristische Infrastruktur neu entwickelte und damit Arbeitsplätze entstanden seien. Aber man findet auf der Stiftungs-Homepage auch Stadtwohnungen im Bauhaus-Stil oder fast schon feudale Objekte wie die Villa Elfenau bei Biel.
Unbekannte Ecken in der Schweiz kennenlernen
„Die meisten Häuser befinden sich nicht in den touristischen Hotspots“, erklärt Matthey. Was sich allerdings nicht nachteilig auf die Buchungszahlen auswirke. Denn die steigen stetig. Normalerweise würden die Leute ja bei ihrer Urlaubsplanung zuerst eine Ferienregion auswählen und dann eine Unterkunft dort suchen. „Bei uns ist das anders“, stellt die Geschäftsleiterin der Stiftung immer wieder fest. „Die Nutzer von Ferien im Baudenkmal klicken sich durch das Häuserangebot und entscheiden sich in erster Linie für das Objekt und nicht für die Region, in der es steht.“ Das habe auch den Vorteil, dass man unbekannte Ecken in der Schweiz kennenlerne.
Die große Mehrzahl der Feriendenkmal-Kunden stammt derzeit noch aus der Schweiz. Doch auch in Deutschland, Frankreich und Italien habe sich in architektur-affinen Kreisen das außergewöhnliche Angebot herumgesprochen, so Matthey. „Aber wir werden ein Nischenprodukt im Tourismus-Sektor bleiben. Und das ist auch gut so.“
In den Domizilen haben oft mehrere Paare Platz
Dabei sind die Preise für Schweizer Verhältnisse durchaus moderat. Darauf lege man seitens der Stiftung auch großen Wert, betont Christine Matthey. „Unsere Angebote sollen bezahlbar sein.“ Viele der Häuser und Wohnungen verfügen zudem über drei, vier oder fünf Schlafzimmer, sodass sie als Feriendomizil für mehrere Familien oder befreundete Paare nutzbar sind und sich die Kosten somit aufteilen lassen. Das Angebot richte sich aber auf keinen Fall an „Party-People“, fügt Christine Matthey hinzu. Und die würden sich auch nicht angesprochen fühlen. Aleksis Dind kann das bestätigen. Unter den Gästen in „Les Platanes“ seien viele Familien und ältere Ehepaare. Aber er durfte auch schon eine Yoga-Gruppe beherbergen.
Mehr Informationen zur Stiftung Ferien im Baudenkmal
Mehr Informationen zur Stiftung Ferien im Baudenkmal samt Buchungsportal unter www.ferienimbaudenkmal.ch.
Dort findet man auch das Bürgerhaus „Les Platanes“ in Veytaux unweit von Montreux mit der Ferienwohnung im zweiten Stock – eines von rund 70 Angeboten, die zur Vermietung angeboten werden.
Veytaux ist ein idealer Ferienstandort am Genfersee mit mehreren kleinen Badestellen, dem nahegelegenen Schloss Chillon und tollen Wandermöglichkeiten im Massiv der Rochers-de-Naye. Gleich in der Nähe befinden sich die Städte Montreux und Vevey. Schifffahrten auf dem Genfersee, historische Eisenbahnen und das Weinbaugebiet Lavaux runden das vielfältige Angebot ab.
Weitere Infos unter www.myswitzerland.com.
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