Futuristische Architektur wie das Hotel Marina Bay Sands, wo eine schiffsförmige Konstruktion auf drei Hochhäusern thront. Üppige Parks und botanische Gärten. Zig künstliche Wasserfälle, wie das eindrucksvolle Jewel (“Juwel“), das die Besucher Singapurs schon im Flughafen Changi erwartet. Das sind die Attraktionen, die die meisten Touristen in Singapur ansteuern. Dabei hat der Stadtstaat auf gerade einmal knapp 730 Quadratkilometern noch viel mehr zu bieten. Singapur glänzt mit einem kulturellen und historischen Reichtum, den man in der modernen Millionenmetropole auf den ersten Blick nicht erwarten würden. Auf den zweiten ist er umso fesselnder. Zwei Entdeckungen abseits der typischen Pfade.
Singapur feiert 2025 seinen 60. Geburtstag
Singapur feiert heuer erst seinen 60. Geburtstag als eigenständiger Staat. Seine Geschichte reicht natürlich weiter zurück. Singapur war und ist ein kultureller Schmelztiegel. Der winzige Stadtstaat südlich von Malaysia hat ganze vier Amtssprachen: Malaiisch, Mandarin, Tamil und – bedingt durch Singapurs Vergangenheit als britische Kolonie und als Zeichen für Singapurs internationales Selbstverständnis – Englisch. Wer in die asiatische Kultur eintauchen will, findet hier auf engstem Raum viele Elemente des Kontinents; auch solche, die überraschen. Das Viertel Kampong Glam etwa wartet mit orientalischem Flair auf.
Wer von der Baghdad Street die kleine Ladenstraße Bussorah mit den typischen zweistöckigen Geschäftshäusern aus dem 19. Jahrhundert einbiegt, sieht an deren Ende eine goldene Kuppel glänzen. Dort liegt die Sultan Moschee. Mit den hohen Türmchen und Fenstern, mit den Ornamenten an der Fassade und den vielen goldenen Schmuckakzenten wirkt die Architektur fast klischeehaft orientalisch. Dabei wurde beim Bau in den 1920er Jahren auch gespart. Der in der Sonne glitzernde Ring unterhalb der Kuppe besteht aus den Böden von Glasflaschen. Kampong Glam wurde nach dem sogenannten Jackson Plan, den die britischen Kolonialherren 1822 zur Stadtentwicklung festgelegt haben, zum muslimischen Viertel ausgebaut.
Von der Haji Lane in Singapur nach Mekka
Bis heute ist das nicht nur in der Architektur und den Straßennamen sichtbar. Viele Restaurants bieten typisch nahöstliche Speisen an. Es gibt noch immer Läden, die alkoholfreies Parfum verkaufen – so ist es halal und für Muslime, die zur Pilgerfahrt nach Mekka aufbrechen, ein beliebtes Produkt. Für die Muslime der weiteren Umgebung war Kampong Glam der Ausgangspunkt zur Hadsch, was im Straßennamen Haji Lane angedeutet wird. Heute gilt die Haji Lane als „most instagramable street“ in Singapur, also die Straße, die sich für bunte Social Media-Posts am besten in Szene setzen lässt. Hippe Cafés, Läden und bunte Wandgemälde begründen diesen Ruf.
Pünktlich zum 60. Geburtstag hat Singapur mit dem Projekt „Peranakan Reimagined“ auch eine Bevölkerungsgruppe wieder entdeckt, die sich im Dickicht der Geschichte fast verloren hätte: die Peranaken. Auch sie sind ein Beispiel dafür, wie in Singapur die Kulturen verschmelzen. Wer den Erfolgsfilm „Crazy Rich Asians“ aus dem Jahr 2018 gesehen hat, kennt die Geschichte der Peranaken bereits, ohne den Begriff je gehört zu haben. Peik Lin klärt darin ihre Freundin Rachel anhand einer Designerhandtasche im Landkarten-Print über die Familiengeschichte ihres unfassbar reichen Verlobten auf: Dessen Vorfahren kamen im 19. Jahrhundert aus China auf die malaiische Halbinsel und waren damals schon wohlhabend. Wo heute Singapur ist, war damals nur Dschungel und Landwirtschaft. Sie hätten die Stadt mitaufgebaut und wurden so zu den Vermietern einer der reichsten Städte der Welt.
Warum die peranakische Kultur auch europäische Elemente enthält
Alvin Japp ist Peranake. Er erklärt die historischen Hintergründe der Filmszene. Ab dem 15. Jahrhundert ließen sich chinesische Auswanderer, vor allem Händler, in Südostasien und auch an dem Hafen, an dem heute der Stadtstaat Singapur liegt, nieder. Die Männer heirateten in die lokale Gesellschaft ein. Aus diesen chinesisch-malaiischen Mischehen entstand die peranakische Kultur. Weil Singapur britische Kolonie war, flossen auch einige europäische Elemente in die Kultur ein, sagt Japp. Das Wort „Peranake“ komme dabei aus dem Malaiischen und bedeutet so viel wie „hier geboren“. Mit dieser Bezeichnung wollte man sich von späteren chinesischen Einwanderern abgrenzen.
Mit seinem Museum „The Intan“ hat sich Alvin Japp dem Erhalt der peranakischen Kultur verschrieben. Seit rund 40 Jahren sammelt er alles, was er dazu in die Finger bekommt. Eindrucksvoll ist vor allem seine Sammlung an feinen perlenbestickten Schuhen – ein typisch peranakischen Kleidungsstück, das viel Zeit und Handwerkskunst verlangt. In Japps Besitz befinden sich aber auch peranakische Möbel, Geschirr und Kunstgegenstände. Manche davon lassen erahnen, wie weit das Handelsnetz der damaligen Händler reichte. Die Blumenmuster auf den Vasen, die den Treppenaufgang säumen, erinnern deutsche Augen direkt an Zuhause. Tatsächlich sind es typische europäische Muster, mit denen die Händler sich die Exotik ferner Länder in ihre Häuser holten.
Peranakische Erlebnisse im „The Intan“
„Klein, aber fein“ ist eine Beschreibung, die selten besser passt als auf das Intan. Das Museum ist gleichzeitig das Wohnhaus von Alvin Japp. Man kann es daher nur nach Terminvereinbarung (Anfragen ganz einfach über die Website the-intan.com) besuchen. Japp führt jeden Gast und jede Gruppe persönlich durch sein Haus. Mit seiner zuvorkommenden und fröhlichen Art vergessen Besucher schnell, dass sie hier ein Museum besichtigen. Vielmehr fühlt es sich an, als würde man einen guten Freund besuchen, der gerne viel redet. Japp bietet zur Führung auch kulinarische peranakische Entdeckungen an. Je nach Buchung gibt es mal einen Teenachmittag oder auch ein ganzes Dinner.
Zum Film „Crazy Rich Asians“ sagt er noch: Historisch gehörten die Peranaken als Handelsfamilien tatsächlich zur wohlhabenden Schicht. Die Blütezeit der peranakischen Kultur in Singapur datiert er auf 1850 bis 1945. Leider seien heute nicht alle Peranaken so reich wie im Film – auch er gehöre bedauernswerterweise nicht zu den Wohlhabenden. Was aber in vielen Haushalten so ist wie im Kinostreifen: Eine Frau, häufig die Großmutter, steht der Familie als Matriarchin vor.
Singapur verzeichnete in den vergangenen Jahren stets steigende Gästezahlen. Der Tourismus boomt. Der Flughafen Changi bekommt ein fünftes Terminal, das mit viel Aufwand im Meer aufgeschüttet wird. Das ist eben Singapur: Eindrucksvolle Bauprojekte und spannende Architektur auf der einen Seite, reich an Kultur und Geschichte auf der anderen.
Die Autorin recherchierte auf Einladung von Meiers Weltreisen und Singapore Airlines.
Stopover in Singapur: Das muss man wissen
Anreise: Wer Richtung Südostasien, Australien oder Neuseeland unterwegs ist, bucht für einen sicheren Zwischenhalt in Singapur am besten bei Singapore Airlines. Die Airline fliegt täglich mehrmals ab München und Frankfurt nach Singapur. Auf der Singapore Airlines-Website können Fluggäste bei der Buchung die gewünschte Länge ihres Stopover-Aufenthalts angeben: www.singapore-airlines.de
Einreise: Für einen Stopover-Aufenthalt in Singapur benötigen deutsche Staatsbürger kein extra Visum, ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass genügt. Außerdem muss vor Ankunft die sogenannte „SG Arrival Card“ ausgefüllt werden – das geht online und ist in wenigen Minuten erledigt.
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