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Olympia-Abfahrtsstrecke Tofana in Cortina: Eine Fahrt mit der Pistenraupe

Olympia 2026

Hier stürzte Lindsey Vonn: Mit der Pistenraupe unterwegs auf der Tofana

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    65 Prozent Gefälle: Andrea Constantini präpariert mit seinem Pistenbully 800W an der Seilwinde den steilsten Abschnitt der Tofana, auf der die olympischen Skirennen der Frauen ausgetragen werden.
    65 Prozent Gefälle: Andrea Constantini präpariert mit seinem Pistenbully 800W an der Seilwinde den steilsten Abschnitt der Tofana, auf der die olympischen Skirennen der Frauen ausgetragen werden. Foto: Bernhard Weizenegger

    Die Wintersonne ist längst hinter den Dolomitengipfeln verschwunden, als Andrea Constantini in das Cockpit seiner Pistenraupe steigt und die Maschine startet. Sanft schieben die Raupenketten den Pistenbully 800W aus seiner Parkposition auf die Piste. Fast alle Skifahrerinnen und Skifahrer haben die Talabfahrt genommen und sind mit dem Skibus oder Auto auf dem Weg in ihre Unterkünfte. Im Hotel oder in einer Bar im Zentrum des mondänen Wintersportorts Cortina d’Ampezzo wird zum Apéro auf einen erlebnisreichen Skitag angestoßen.

    120 Kilometer Pisten in Cortina d‘Ampezzo

    Während die einen entspannen, beginnt die Schicht für das Team der Pistenpflege. Der 31-jährige Andrea Constantini koordiniert die Mitarbeiter, die in der Nacht perfekte Abfahrten für den nächsten Tag präparieren. 13 Pistenraupen sind an diesem Abend an den Hängen über Cortina im Einsatz. Vom Tal aus sind sie als langsam wandernde, leuchtende Punkte erkennbar, die einem hellen Lichtkegel folgen. Bis Mitternacht haben sie an einem normalen Wintertag 120 Kilometer Pisten glatt gezogen, Hügel geebnet und eisige Platten in fahrbaren Untergrund verwandelt.

    Im Cockpit der Pistenraupe hat der Fahrer auf Instrumenten die genauen Schneehöhen im Blick.
    Im Cockpit der Pistenraupe hat der Fahrer auf Instrumenten die genauen Schneehöhen im Blick. Foto: Bernhard Weizenegger

    Andrea gibt Gas. Kräftig drückt der 612-PS-Sechszylinder der Firma Pistenbully aus Laupheim (Kreis Biberach) nach vorn. Die Weltmarktführer für Pistenraupen haben das Modell 800W mit einer Seilwinde ausgestattet. Ohne sie wäre ein sicheres Fahren auf steilsten Pisten nicht möglich. In Cortina gibt es davon viele, doch eine ist legendär: Die Olympia delle Tofane. Sie sei der Stolz Italiens, sagen die Ampezzaner. Auf der Stratofana, wie sie auch genannt wird, werden die Frauen am 10. Februar um olympisches Gold in der Abfahrt und zwei Tage später im Super-G fahren.

    Die Tofana erlangte 1965 Weltruhm bei den Olympischen Spielen

    Die spektakuläre Piste erlangte spätestens 1956 Weltruhm, als dort bei den VII. Olympischen Winterspielen und den ersten in Cortina d’Ampezzo Toni Sailer eine Goldmedaille in der Abfahrt für Österreich holte. Spektakulär ist sie deshalb, weil die Athletinnen und Athleten auf dem steilsten Abschnitt, der Tofana Schuss, mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern über einen 65 Prozent geneigten Abhang fliegen – in einer Lücke zwischen zwei Felsblöcken, perfekt eingefangen von Fernsehkameras, die diese Bilder live in alle Länder senden.

    Satellitennavigation misst in Echtzeit die exakten Schneehöhen

    Von Vierschach aus erschließt sich aus dem Hochpustertal das Skigebiet am Helm mit Verbindung nach Sexten und zur Rotwand. Das Areal ist Teil des Verbunds Dolomiti Superski.
    Von Vierschach aus erschließt sich aus dem Hochpustertal das Skigebiet am Helm mit Verbindung nach Sexten und zur Rotwand. Das Areal ist Teil des Verbunds Dolomiti Superski. Foto: Bernhard Weizenegger

    Perfekt, das ist auch der Anspruch, den Andrea Constantini an sich und sein Pistenpflege-Team in dieser ganz normalen Nachtschicht hat. Moderne Technik hilft dabei, diesem Anspruch von Anfang Dezember bis Ende März gerecht zu werden. Auf einem großen Bildschirm werden in Farben die Schneehöhen angezeigt. Snowsat heißt die Software, die auf Satellitendaten zugreift und in Echtzeit die Stärke der Schneedecke misst. „Im Sommer haben wir dafür jeden Zentimeter Boden gescannt“, sagt der 31-Jährige. Die Hänge sind in den Sommermonaten längst optimiert worden. Kein Fels und kein Baum steht dem Winterspaß im Weg, damit die im Spitzenmodell bis zu 700.000 Euro teuren Pistenraupen ohne Hindernisse den Kunst- und Naturschnee in möglichst ebene Pisten verwandeln können.

    Die Tofana Schuss zu präparieren, verlangt viel Erfahrung und gutes technisches Gerät – wie diesen Pistenbully 800W.
    Die Tofana Schuss zu präparieren, verlangt viel Erfahrung und gutes technisches Gerät – wie diesen Pistenbully 800W. Foto: Bernhard Weizenegger

    Während sich die Lamellen der Raupenketten nun in den Schnee beißen und so den Bully auf der Olympiaabfahrt nach oben schieben, hinterlässt das Fahrzeug eine rote Spur auf dem großen Display im Führerhaus. So sieht der Pilot, wo er bereits gefahren ist. Unter der Maschine ist es dunkelgrün: 60 bis 80 Zentimeter dick ist der verdichtete Schnee. Dann wird es blau (80 bis 160 Zentimeter) und weiter vorne hellgrün (40 bis 60 Zentimeter). Andrea senkt das fast sechs Meter breite Räumschild. Sofort graben sich die scharfen Zacken in den Schnee und die Raupe schiebt mehrere Kubikmeter davon nach oben. Dorthin, wo weniger liegt, um die Stärke der Schneedecke anzugleichen. Es funktioniert: Die hellgrünen Bereiche auf dem Bildschirm werden dunkelgrün.

    Die Daten werden laufend aktualisiert und haben direkten Einfluss auf die Beschneiung der Piste. „Unsere Schneekanonen sind alle Computer-gesteuert. So wissen wir in Echtzeit, wo noch mehr Kunstschnee erzeugt werden muss und wo wir uns das sparen können“, erklärt der Schnee-Meister von Cortinas Liftanlagen. Denn die Beschneiung ist ein kostenintensives Unterfangen. Das dafür benötigte Wasser gibt es nicht mehr unbegrenzt. Treibstoffe und Strom sind ein Kostenfaktor, der sich nur teilweise regenerativ ersetzen lässt. Der fortwährende Datenabgleich und die dosierte Beschneiung sollen auch zur Nachhaltigkeit beitragen, die sich der Austragungsort der XXV. Olympischen Winterspiele auf die Fahnen geschrieben hat.

    Dolomiti Superski verbindet mit 450 Bergbahnen und Liften etwa 1200 Pistenkilometern in den Dolomiten.
    Dolomiti Superski verbindet mit 450 Bergbahnen und Liften etwa 1200 Pistenkilometern in den Dolomiten. Foto: Bernhard Weizenegger

    Kritiker der Spiele wie POW Italy (Protect our Winters), eine bunte Klimaschutz-Gemeinschaft, erkennen diese Nachhaltigkeitsziele nicht. Viele Menschen rund um die Austragungsorte in den Dolomiten (Cortina d’Ampezzo und Antholz) klagen über die begrenzte Beteiligung und das eingeschränkte Mitspracherecht bei Projekten. Ein Referendum dazu wurde abgelehnt. Ihr Hauptkritikpunkt: Mehr als 60 Prozent der Infrastrukturprojekte seien ohne Umweltverträglichkeitsprüfung genehmigt worden. Doch letztlich sind die meisten froh, dass die Spiele den Orten die wirtschaftlich nötige Tourismus-Werbung für die kommenden Jahre bringen.

     Im Cortina Curling Olympic Stadion werden die Sportlerinnen und Sportler an den Start gehen.
    Im Cortina Curling Olympic Stadion werden die Sportlerinnen und Sportler an den Start gehen. Foto: Bernhard Weizenegger

    Darüber macht sich Pistenraupen-Chef Andrea Constantini momentan aber die wenigsten Sorgen. Sein Focus liegt auf der perfekt präparierten Olympia-Abfahrt, sein Beitrag für erfolgreiche Wettbewerbe. Mit seinem Pistenbully hat er in weitem Bogen die Steilstufe umfahren und ist nun am Start der Tofana Schuss angekommen. Dort oben kommt die Seilwinde zum Einsatz, die auf dem Fahrzeug montiert ist und den Bully mit einem elf Millimeter dicken Stahlseil sichert. Andrea lässt einige Meter Seil abrollen und hängt einen massiven Karabiner in einen Stahlanker, der in stabilen Fels einbetoniert wurde.

    So wird im Pistenbully das Gefälle ausgeglichen

    Zurück im Pilotensitz, lenkt er das Pistenfahrzeug den bis zu 65 Prozent steilen Hang hinab – die Kabine kann er bequem kippen, um das Gefälle auszugleichen. 15 Tonnen hängen wie am seidenen Faden. Ob er keine Angst hat, dass das Stahlseil reißen könnte? „Ich habe vollstes Vertrauen in die deutsche Ingenieursarbeit“, sagt Andrea gelassen. Sobald der Bully die Richtung nur leicht ändert, sucht sich der schwenkbare Arm der Seilwinde den richtigen Winkel, um das Gefährt im steilen Hang zu stabilisieren.

    Vor allem bei gutem Wetter macht Skifahren in den Dolomiten dank ausreichend Bahnen großen Spaß.
    Vor allem bei gutem Wetter macht Skifahren in den Dolomiten dank ausreichend Bahnen großen Spaß. Foto: Bernhard Weizenegger

    Wer in Cortina Ski fährt, der fährt auch die Tofana

    1050 Meter weit kann sich der Pistenbully vom Ankerpunkt aus maximal bewegen, dann ist das Stahlseil aus. Unten am Steilhang angekommen, wendet Andrea die Maschine unter dem Windenarm. Jetzt geht es wieder hinauf. Die Winde rollt das Stahlseil ein – je mehr Andrea Gas gibt, desto schneller. Die Geschwindigkeiten sind genau synchronisiert. Andrea senkt das Räumschild und schält so den aufgehäuften Schnee ab. Jetzt arbeitet die Maschine unter höchster Last. Das Windenseil zieht den Pistenbully mit Tonnen von Schnee nach oben, den die Skitouristen mit ihren Brettern abgekratzt haben. Denn wer in Cortina Ski fährt, der fährt auch die Tofana – vorausgesetzt, die Fähigkeiten reichen dazu aus. Ansonsten wird gerutscht, geschoben und gestürzt.

    Cortina d'Ampezzo ist eingerahmt von markanten Gipfeln der Dolomiten.
    Cortina d'Ampezzo ist eingerahmt von markanten Gipfeln der Dolomiten. Foto: Bernhard Weizenegger

    Und in der Tat hat es die Tofana Schuss in sich. Vor allem bei kräftigem Schneefall und schlechter Sicht, wie wenige Stunden zuvor: Bereits gegen Mittag haben die Skitouristen den Neuschnee zu großen Häufen auf der sonst perfekt präparierten Piste zusammen gefahren. Dichter Nebel hängt zwischen den markanten Felsen, die während der Olympischen Wettbewerbe die Fernsehbildschirme in aller Welt füllen. Die dunklen Felsen geben im Steilhang Orientierung, Erfahrung und technisches Können sind im steilsten Stück gefragt. Nur noch wenige Sportlerinnen und Sportler wagen sich bei diesen Konditionen auf diesen Pistenabschnitt. Die gesamte Abfahrt bis zur Talstation geht in die Beine, lässt die Oberschenkel brennen. Je tiefer man kommt, desto mehr lichten sich auch die Wolken, wird der Blick frei, hinab in den Talkessel von Cortina. Wenig später reißt die Wolkendecke auf und die Sonne lässt den frischen Schnee auf den markanten Bergflanken glitzern …

    Die wichtigsten Infos im Überblick

    Anreise Entweder mit dem Auto über die Brenner- oder über die Felberntauern-Route ins Hochpustertal. Von Toblach geht es nach Cortina d’Ampezzo. Ökologisch nachhaltiger ist die Anreise per Bahn und Bus. Die ÖBB bietet mehrmals am Tag von München aus Verbindungen mit den Railjet-Zügen nach Italien. Nach dem Brenner fährt der Nahverkehrszug von Franzensfeste aus ins Pustertal bis Toblach. Von dort sind es mit dem Bus noch 45 Minuten bis Cortina d’Ampezzo.

    Unterkunft Es gibt viele hervorragende Hotels und Ferienwohnungen unterschiedlicher Preisklassen in den einzelnen Wintersportorten der Dolomiten, beispielsweise das Hotel Tyrol in Innichen. In den Wochen um die Olympischen Spiele vom 6. bis 22. Februar und den Paralympischen Spielen vom 6. bis 15. März steigen die Preise deutlich und sind die Übernachtungskapazitäten beschränkt.

    Skipass Der Skipass von Dolomiti Superski ermöglicht Skifahren in zwölf Skigebieten der Regionen Südtirol, Trentino und der Provinz Belluno. 450 Bergbahnen und Lifte erschließen 1200 Pistenkilometer, der Tagesskipass für Erwachsene kostet 80 Euro, wer zwei Tage vorher online bucht, bekommt fünf Prozent Ermäßigung. Günstiger sind auch Mehrtageskarten, für Vielfahrer bietet sich die Saisonkarte an oder eine übertragbare Familien-Mehrtageskarte mit deutlichen Rabatten (dolomitisuperski.com). Am Bahnhof Percha geht es vom Gleis hinauf zum Kronplatz.

    Der Rest ist Legendenbildung. Die beginnt spätestens nach Liftschluss beim Apéro, während Andrea Constantini und seine Kollegen längst wieder im Pistenbully sitzen.

    Der Autor recherchierte auf Einladung von Dolomiti Superski. 

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