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Wandern im Erzgebirge: Der Kammweg zählt zu den beliebtesten Fernwanderwegen in Deutschland

Deutschland

Wandern in Deutschland: Dieser Wanderweg ist noch ein echter Geheimtipp

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    Historische Bergkirche im Spielzeugdorf Seiffen
    Historische Bergkirche im Spielzeugdorf Seiffen Foto: Oliver Gerhard

    Das Licht der Nachmittagssonne spielt mit der Landschaft am Fuß des Schwartenbergs: Sie bringt hier eine Scheune zum Aufblitzen und dort eine Wiese. Gleich hinter den Häusern des Spielzeugdorfs Seiffen mit seinen schwarzen Dächern führt der Aufstieg durch einen Kirschbaumhain und saftiges Gras, über dem die Feldlerchen pfeifen.

    Auf der kahlen Kuppe des 787 Meter hohen Schwartenbergs tost der Sturmwind, für den der Berg berüchtigt ist. Doch der Blick vom Gipfelkreuz neben der rund 100 Jahre alten Baude entschädigt für das raue Klima: Das 360-Grad-Panorama reicht über die umliegenden Anhöhen und bis nach Böhmen. Ein Flickenteppich aus Feldern, Wiesen und Weiden, aus Wäldern, Alleen und ins Land gewürfelten Bauernhöfen.

    Der Fernwanderweg durch das Erzgebirge ist 288 Kilometer lang

    Der Schwartenberg zählt neben dem 1.215 Meter hohen Fichtelberg zu den spektakulärsten Aussichtspunkten entlang des Kammweges Erzgebirge-Vogtland, einem 288 Kilometer langen Fernwanderweg durch die Gipfelregion des sächsischen Mittelgebirges. Der „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ bietet nicht nur urwüchsige Natur, sondern auch jahrhundertealte Spuren von Bergbau und Handwerk.

    Typisch für das Erzgebirge ist der Bergbau und das Handwerk

    Die Saigerhütte in Grünthal zählt zu den spannenden Schauwerkstätten im Erzgebirge.
    Die Saigerhütte in Grünthal zählt zu den spannenden Schauwerkstätten im Erzgebirge. Foto: Oliver Gerhard

    Der Streckenabschnitt von Olbernhau nach Seiffen begann deshalb heute Morgen auch mit dumpfen, rhythmischen Schlägen, die den Boden zum Beben brachten: Im ältesten funktionstüchtigen Kupferhammerwerk des Landes in der Saigerhütte Grünthal schlagen mehr als 300 Kilo auf den Amboss. Der Althammer ist das Highlight bei einer Führung durch das Hüttenwerk aus dem 16. Jahrhundert, das zum Weltkulturerbe gehört.

    In einem damals geheimen Verfahren wurde aus sogenanntem Schwarzkupfer das Silber herausgelöst. „Das Grünthaler Dachkupfer war in ganz Europa begehrt“, erklärt der Museumsführer. „Man verwendete es zum Beispiel für den Petersdom in Rom, den Reichstag und die Dresdner Frauenkirche.“ Die für die Verhüttung abgeholzten Wälder ersetzte man mit Fichten, Grundlage für die heutige Vegetation.

    Jetzt geht es los auf dem Kammweg durch das Erzgebirge

    Schnell noch einen Kammwegstempel ins Tourenbuch gedrückt, dann geht es los, zuerst über das Flüsschen Flöha, dann steil hinauf zur Kirche von Oberneuschönberg mit ihrem markanten Schieferdach. Blühender Flieder beugt sich über eine morsche Feldsteinmauer, darunter blühen Hornkraut und Butterblumen. Im Dorf haben die Katzen heute Ausgang: Eine graue lugt aus einem Feld, eine gescheckte liegt quer über der Straße, eine schwarze flüchtet ins Haus.

    Ein Geheimtipp ist der kurze Abstecher über einen Wiesenweg zum Aussichtspunkt am „Hexenplatz“, den der Pfarrer der Gemeinde angelegt hat: mit einer „Kusshaltestelle“ und einer Holzbank, von der aus man über die Windungen der Flöha bis nach Tschechien blickt. Dann geht es weiter über den Sagenweg „Hüttenmatths“, der teilweise parallel zum Kammweg verläuft.

    Das Erzgebirge ist reich an Mythen und Legenden

    Dass diese Landschaft reich an Mythen und Legenden ist, überrascht kaum: Seit Jahrhunderten leben die Menschen hier in enger Verbindung mit dem Wald, dessen Rohstoffe sie zunächst für den Bergbau, später auch die Glasherstellung und das Handwerk nutzten. Alte Flur- und Wegenamen wie Dürrer Holzweg und Buttermilchweg, Kalter Kober und Alter Köhlerweg zeugen von dieser Geschichte.

    Seiffen ist die Heimat der Nussknacker und Schwibbögen

    Der Kammweg zeigt sich nun von seiner mystischen Seite: Die Fichten haben einen Hallenwald wie ein grünes Kirchenschiff gebildet. Ihre Nadeln federn wie ein weicher Teppich unter den Füßen und verschlucken jedes Geräusch. Dafür sorgen Vögel wie die Singdrossel und der Waldlaubsänger für Musik. Kurz vor Seiffen kniet eine Frau gerade im Gras und pflückt Butterblumen. „Ich stelle daraus heilende Cremes gegen Wunden und Ekzeme für meine Pferde her“, erklärt sie.

    Spielzeugmacher und Reifendreher Dirk Weber in seiner Werkstatt im Freilichtmuseum Seiffen
    Spielzeugmacher und Reifendreher Dirk Weber in seiner Werkstatt im Freilichtmuseum Seiffen Foto: Oliver Gerhard

    Das Dorf Seiffen zählt aufgrund seiner Holzkunst zu den traditionsreichsten im Erzgebirge. Seit dem 17. Jahrhundert stellen die Bewohner in Handarbeit Nussknacker, Spielzeug, Weihnachtspyramiden und Schwibbögen her. Die Geschäfte in der Hauptstraße haben alle ihre eigene Nische gefunden – von Miniaturen in der Zündholzschachtel bis hin zu Donald Trump als Holzfigur.

    Insbesondere in der Weihnachtszeit zieht Seiffen viele Besucher an, die den Weihnachtsmarkt, das tägliche Öffnen des „Weihnachtstürchens“ und den Laternenumzug an Heiligabend erleben möchten. Im Mittelpunkt des Geschehens steht dann die berühmte Bergkirche, die nach dem Vorbild der Dresdner Frauenkirche errichtet wurde.

    Pünktlich um zwölf Uhr beginnt in dem Gotteshaus die Führung mit Michael Harzer. Der Pfarrer zeigt seinen Gästen die symbolträchtigen Details der Kirche, darunter acht Säulen, die für „das Göttliche“ stehen, und das Kreuz aus Zinn – das Material, dem Seiffen seine Entstehung verdankt. Zum Abschluss spielt Harzer auf der historischen Orgel ein Sommerlied und lässt den Zimbelstern erklingen.

    „Glückauf“ rufen die Wanderer auf dem Kammweg

    Am nächsten Morgen beginnt eine Tour mit Willi Leibling rund um die 2.000-Einwohner-Gemeinde. Die Holzkunst habe im Ort immer für Wohlstand gesorgt, erzählt der 69-jährige Wanderführer, während die Gruppe einen Aussichtspunkt auf dem 715 Meter hohen Reicheltberg ansteuert. Entgegenkommende Wanderer rufen immer wieder fröhlich „Glückauf“, den traditionellen Gruß im Erzgebirge.

    Leibling erzählt Anekdoten aus dem Alltag der Einheimischen: „Wenn wir zu DDR-Zeiten in den Urlaub fuhren, hatten wir immer etwas ‚Seiffener Währung‘ im Kofferraum: Pyramiden, Nussknacker, Räuchermänner. Man konnte damit die Reisekasse aufbessern oder gegen Sachen tauschen, die schwer zu haben waren, wie Reparaturleistungen oder Ersatzteile.“ Auch während der Pandemie boomte der Handel mit Holzkunst, sagt der Guide: „Der Renner war eine Figur von Virologe Christian Drosten – dabei war das nur als Jux gedacht.“

    Dann geht es in die „Binge Geyerin“, ein Relikt aus Bergbauzeiten: Mitten im Ort führt ein schmaler Pfad an einem senkrechten Abgrund entlang. Alle paar Meter eröffnen sich neue Blicke über Seiffen, die Bergkirche und die Landschaft. „Solche Bingen sind durch Untergrabungen und Einstürze entstanden“, erklärt der Guide. „Einst hatten hier rund 40 Familien eine Lizenz zum Schürfen. Sie legten Feuer an den Wänden und löschten es dann mit kaltem Wasser, um das Gestein mürbe zu machen – eine Methode, die dem Sprengen mit Dynamit vorausging.“

    Erst nach dem Ende des Bergbaus entdeckten die Seiffener in der Holzkunst eine neue Lebensgrundlage. Wenn keine Feldarbeit anstand, saß die Familie in der Stube und fertigte Holzspielzeug. Einen lebendigen Eindruck vom Leben jener Zeit vermittelt das Freilichtmuseum Seiffen, in dem sich 15 historische Häuser an einen Hang schmiegen, darunter auch die Werkstatt von Dirk Weber.

    „Meine Ausbildung als Reifendreher begann hier 1984“, erzählt der Handwerksmeister. „Damals ergriff noch rund die Hälfte der Schulabgänger den Beruf des Spielzeugmachers.“ Heute ist Weber einer der letzten seines Fachs. Er spannt eine runde Scheibe aus Fichtenholz in die Drehbank, die sich ratternd in Gang setzt, dann schabt er konzentriert mit einem langen Eisen in das weiche Holz. Lange Spanfetzen fliegen durch die Luft.

    Allmählich werden erste Formen sichtbar: „Ich beginne mit den Füßen der kleinen Holztiere“, sagt Weber. Erst, als der Reifen fertig ist und der Meister ihn spaltet, erkennt man, dass er kleine Elefanten gedreht hat. Es ist eine Arbeit, die viel Gefühl und Routine verlangt. Bis zu 140 Holztiere kann er aus einem einzigen Reifen gewinnen – einst ein Vorläufer der Massenproduktion.

    Inmitten der Museumsbauten fällt ein weiß schimmerndes Kunstwerk ins Auge: die Skulptur „Twister Again“ der amerikanischen Bildhauerin Alice Aycock ist ein Exponat des Kunst- und Skulpturenwegs Purple Path. „Kinder sehen darin einen Wind, der um die Ecke braust“, erklärt der Museumskurator. Andere erinnert sie an die wirbelnden Holzspäne in Dirk Webers Werkstatt – eine Hommage an die Kunstfertigkeit der Erzgebirgsbewohner und eine poetische Verbindung zwischen Tradition und Moderne.

    Informationen über den Kammweg und das Erzgebirge

    Jubiläum: Das Jubiläum 25 Jahre Kammweg wird am 1. Mai mit dem traditionellen Anwandern, Wanderfesten und geführten Touren in Altenberg, Neuhausen/Seiffen und Olbernhau gefeiert.

    Wandern: Der Kammweg Erzgebirge-Vogtland führt in 17 Etappen über 288 Kilometer und 6.000 Höhenmeter von Geising/Altenberg im Osterzgebirge bis Blankenstein in Thüringen. Während der Saison von Mai bis Oktober kann man auf der App Summitlynx Streckenpunkte für eine digitale Wandernadel sammeln.

    Unterkunft und Gastronomie: Im Zentrum von Seiffen bietet das Gasthaus und Hotel „Buntes Haus“ regionale Küche und gemütliche Zimmer, die als Teil einer Kammweg-Pauschale buchbar sind (tägl. 7–21 Uhr, www.buntes-haus.com).

    In der urigen „Schwartenbergbaude“ findet man deftige Hausmannskost, ideal für die Einkehr am Kammweg (Mo.–Fr. 11–17, Sa./So. bis 20 Uhr, www.schwartenbergbaude.de).

    Sehenswert: Die 1537 gegründete Saigerhütte Grünthal umfasst 22 historische Gebäude inklusive dem riesigen Kupferhammer (www.saigerhuette-gruenthal.de).

    Das Leben und Arbeiten im Spielzeugdorf Seiffen dokumentiert neben dem Freilichtmuseum auch das Spielzeugmuseum (www.spielzeugmuseum-seiffen.de).

    In den Kammlagen wurden auch Arbeiten des Kunst- und Skulpturenwegs Purple Path rund um die Kulturhauptstadt Chemnitz aufgestellt (www.chemnitz2025.de/purple-path).

    Auskunft: Der Tourismusverband Erzgebirge bietet mehrere Wanderpauschalen, auch mit Gepäcktransport (www.kammweg.de, www.erzgebirge-tourismus.de).

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