Mit einem Lächeln betrachtet Dame Agatha Christie die Passanten, die Minuten vom Leicester Square entfernt über die Cranbourn Street durchs Londoner Theaterviertel strömen. 2,40 Meter hoch ist ihr Denkmal - nur angemessen für die größte Krimi-Autorin aller Zeiten mit einer Gesamtauflage von zwei Milliarden verkauften Büchern. Bildhauer Ben Twiston-Davies schuf es zum 60. Bühnenjubiläum ihres Rekord-Stücks „Die Mausefalle“ im Jahr 2012. Im Herzen des West End ehrt das überdimensionale Buch mit dem seitlichen Portrait Christies, ihrem Namenszug und den Lebensdaten darauf sie ebenso als Bestseller-Autorin wie als erfolgreichste Dramatikerin der Londoner Theatergeschichte.
Denn die Queen of Crime war die erste Autorin, von der drei Stücke gleichzeitig im Westend gespielt wurden. Eines davon ist seit über 70 Jahren zu sehen: die „Mausefalle“, die seit dem 25. November 1952 allabendlich zuschnappt, erst im Ambassadors Theatre, seit 1974 im größeren St. Martin‘s Theatre. Ursprünglich hatte sie „Three Blind Mice“ fürs Radio geschrieben und das Hörspiel Queen Mary zum Geburtstag verehrt. Später machte sie ein Bühnenstück daraus und schenkte die Rechte ihrem Enkel Mathew Prichard zum 9. Geburtstag. Es sollte sich als üppiges Taschengeld erweisen: Bei Christies Tod am 12. Januar 1976 hatte das Stück bereits drei Millionen Pfund eingespielt. Noch heute wird „The Mousetrap“ Abend für Abend vor ausverkauftem Haus gespielt - genauso, wie ihre 66 Kriminalromane und Dutzende Kurzgeschichten immer wieder neu aufgelegt und neu verfilmt werden. Es ist, als wäre Christies Magie immun gegen die Zeit.
London ist Schauplatz zahlreicher Storys von Agatha Christie
Die Queen of Crime schrieb in der Hauptstadt viele ihrer wichtigsten Werke, machte London zum Schauplatz zahlreicher Storys und Romane und hatte hier zeitlebens einen Wohnsitz - manchmal auch mehrere. Denn sie interessierte sich nicht nur für die Abgründe des Menschen. Sie besaß auch ein besonderes Faible für Häuser. Ihr persönlicher Rekord waren acht, die ihr gleichzeitig gehörten, wie sie in ihrer Autobiografie berichtet: „Es war meine Passion geworden, heruntergekommene, ramponierte Häuser in London aufzukaufen, umbauen zu lassen, zu sanieren und neu einzurichten.“ Einige ihrer Londoner Wohnsitze schmücken blaue Plaketten mit ihrem Namen; etwa das Christie Cottage am Creswell Place in Chelsea und die Nummer 48 an der Sheffield Terrace in Kensington. Ihre Häuser und Wohnungen in der Hauptstadt sind indes in Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich.
Wer sehen möchte, wie Agatha Christie wohnte, folgt ihren Spuren von London nach Devon im Südwesten des Landes - am besten mit dem Zug ab Paddington Station. Dabei muss es nicht zwingend der um 16.50 Uhr sein wie im Miss Marple-Krimi, auch wenn dessen Ankunft in Torquay - das letzte Stück der reizvollen Fahrt führt unmittelbar am Meer entlang - sich in idealer Weise mit der Zeit des Aperitifs verbindet.
Im Seebad Torquay kam Agatha Mary Clarissa Miller am 15. September 1890 als drittes Kind der Engländerin Clarissa Miller und des wohlhabenden Amerikaners Frederick Miller in Ashfield House zur Welt. Bedauerlicherweise wurde das Geburtshaus vor Jahrzehnten abgerissen. Ein blaues Schild erinnert daran, dass hier die Autorin geboren wurde, deren Verkaufszahlen nur von Shakespeare und der Bibel übertroffen werden. Erhalten und vom National Trust liebevoll für die Öffentlichkeit bewahrt ist hingegen Christies Ferienhaus Greenway, das wenige Kilometer von hier über der Mündung des Dart ins Meer liegt.
Agatha Christie hatte eine Bibliothek mit 5000 Büchern
1938 kaufte Christie das Haus, musste es allerdings bald darauf dem Staat überlassen, der es zur Unterbringung evakuierter Kinder requirierte und später einer amerikanischen Einheit überließ. Tausende persönliche Gegenstände, eine Porzellansammlung, Antiquitäten und Objekte aus dem Nahen Osten, die Bibliothek mit 5000 Büchern, Agathas Flügel und Details wie der Türstopper in Form einer sich aufrichtenden Kobra im Esszimmer - ihr Maul verschließt ein Champagnerkorken - erzählen in Greenway von einem produktiven und ereignisreichen Leben.
Torquay ist reich mit blauen Plaketten dekoriert, die die lebenslange Verbindung Christies mit ihrem Geburtsort aufzeigen. Sie verbinden sich zur Agatha Christie-Meile, die zugleich die hübschesten Ecken des eleganten Küstenstädtchens zu einem längeren Spaziergang verbindet. Wer tiefer in ihr Leben eintauchen möchte, vertraut sich der Führung von Graham Kerr an. Seit 2018 bringt der kenntnisreiche Guide Gästen aus der ganzen Welt von Taiwan bis Tennessee Biografie und Persönlichkeit Christies nahe. Für stilvolle Erinnerungsfotos vor Christies Büste im Park hat er ein (scheinbar) blutiges Messer dabei, fürs Abschiedsfoto am Bahnhof, wo schon gelegentlich der im Königreich besonders beliebte Poirot-Darsteller David Suchet aus dem Zug stieg, einen selbstklebenden schwarzen Schnurrbart.
Graham weiß, dass Christie ihren Beruf stets als „Hausfrau“ angab - ein Meisterstück britischen Understatements. „Tatsächlich war sie nicht nur die erfolgreichste Krimi-Autorin aller Zeiten, sondern auch ausgebildete Sängerin und Pianistin, eine hervorragende Schwimmerin, die erste weibliche Flugpassagierin der Welt und später Archäologin“, erklärt er. Ein lebensgroßes Bild am Pier von Torquay zeigt Agatha rollschuhlaufend in Begleitung eines jungen Mannes auf dem Steg. „Elf Männer hielten um ihre Hand an, sie akzeptierte drei und heiratete zwei.“ Ihr erste Gatte Archie verließ sie 1926. Mit einer Reise im Orient-Express versuchte sie sich abzulenken und entflammte erst für den nahen Osten und bei einem weiteren Trip für den jungen Archäologen Max Mallowan. Er wurde ihr zweiter Mann, mit dem sie zahlreiche archäologische Expeditionen in den Irak und nach Syrien unternahm.
In Torquay ahnte Agatha Christie nichts vom Orient Express
In Torquay ahnte sie noch nichts vom Orient-Express. Als Agatha elf Jahre alt war, starb ihr Vater und ließ die Familie weniger wohlhabend zurück als gedacht. Trotzdem hatte Agatha eine behütete Jugend. Sie wurde zu Hause unterrichtet, spielte Klavier und schrieb Kurzgeschichten. Mit sechzehn wurde sie für den letzten Bildungsschliff nach Frankreich geschickt, bevor sie in Kairo in die Gesellschaft eingeführt wurde - dort waren die Kosten für einen durchtanzten Winter niedriger als in London. Zurück in Torquay schaute sie sich nach Mister Right um. Sie fand ihn im Piloten Archibald Christie, den sie am Heiligabend 1914 heiratete. Im Grand Hotel in Torquay, das noch immer am Ende der geschwungenen Bucht der Stadt thront, verbrachten sie die Hochzeitsnacht. Dass Hotelgäste einmal die Agatha Christie-Suite buchen können würden, stilecht eingerichtet mit einer Schreibmaschine aus den 1920er Jahren und Porträts von Agatha, konnte das junge Paar kaum ahnen. Während des Kriegs arbeitete sie zunächst im Krankenhaus in Torquay und wechselte dann in dessen Apotheke. Hier lernte sie, Arzneien herzustellen - und erwarb profundes Wissen über Heil- und Giftpflanzen sowie giftige Substanzen, das auch ihrem Publikum zugutekommen würde. 1920 erschien ihr Erstling „Das fehlende Glied in der Kette“. Thema: ein Giftmord.
Gift ist auch das Leitmotiv des Agatha Christie-Gartens im Museum des historischen Hauses Torre Abbey in Torquay. „Ihre Geschichte ist nur lose mit Torre Abbey verbunden“, sagt Aly Marshall, leitende Gärtnerin des Abteigartens. Doch bevor Greenway 2009 fürs Publikum öffnete, gab es wenig fassbare Verbindungen zur berühmtesten Tochter der Stadt. „Wir wissen, dass sie Blumen liebte. So kam ich auf die Idee, Agatha mit einem Garten zu würdigen.“ Aly las alle Christie-Bücher und stellte fest: „Ihr Lieblingsgift war Cyanid, aber auch Digitalis spielt häufig eine Rolle.“ Aus diesen Beobachtungen schuf sie das Konzept des „Agatha Christie-Gartens wirksamer Pflanzen“ - vom Roten Fingerhut bis zum Mandelbaum.
Trotz ihrer Liebe zu Torquay und Greenway, wo sie jedes Jahr ausgedehnte Urlaube verbrachte, wurde sie im Herzen Englands heimisch. Von 1934 bis zu ihrem Tod 1976 lebten sie und Max den größten Teil des Jahres über in Winterbrook House in Wallingford im Süden der Grafschaft Oxfordshire. Sie genoss das Kleinstadtleben à la Miss Marple und freute sich, dass die Bewohner sie in Frieden ließen. Viele wussten zunächst gar nicht, wer sich hinter der zurückhaltenden Archäologen-Gattin Mrs. Mallowan verbarg. Regelmäßig besuchte sie mit einem Korb am Arm die Geschäfte rund um den Marktplatz, kaufte ein und ging zum Friseur. Winterbrook House kann man nur übers Gartentor bewundern, doch das Stadtmuseum hat ihr die Dauerausstellung „At Home with the Queen of Crime“ gewidmet. Fotos, Briefe und Berichte von Zeitzeugen berichten vom Alltag der Autorin in ihrer Wahlheimat. Gleich gegenüber vom Museum sitzt Dame Agatha in Lebensgröße auf einer Bank. Das 2023 eingeweihte Denkmal ist ein weiteres Werk von Bildhauer Ben Twiston-Davies, der die Skulptur in London gestaltete. Im Kostüm und mit Halbschuhen schaut sie von dem Buch auf, das sie mit einem Finger als Lesezeichen darin auf dem Schoß hält. Auf dem Friedhof des nahegelegenen Dorfes Cholsey fand Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, nach ihrem Tod am 12. Januar 1976 ihre letzte Ruhe.
Tipps für Agatha Christie-Fans
Lektüre: Von der Autorin dieses Artikels ist im Oktober „Der inoffizielle Agatha Christie-Reiseführer“ erschienen, der zu Schauplätzen und Drehorten ihres Werks sowie zu den mit Christies Leben verbundenen Orten führt (Bruckmann Verlag, 208 Seiten, 19,99 Euro).
Grand Hotel Torquay: Die Agatha Christie-Suite kostet ab 254 Pfund pro Nacht, das DZ mit Meerblick ab 109 Pfund (richardsonhotels.co.uk/the-grand-hotel).
Christie-Tour in Torquay: Die Touren finden dienstags bis donnerstags sowie samstags und sonntags um 10 Uhr statt, Erwachsene zahlen 20 Pfund. Treffpunkt ist das Tourismusbüro am Hafen. Näheres: www.englishrivierawalkingtours.co.uk.
Greenway House: Geöffnet Mitte Februar bis Oktober tägl., im November und Dezember Sa/So 10.30-17 Uhr geöffnet. Januar und erste Februarhälfte geschlossen. Eintritt für Erwachsene 17 Pfund, für Kinder (5 bis 17 Jahre) 8,50 Pfund. Wer nach 14.30 Uhr kommt, zahlt die Hälfte. Näheres: www.nationaltrust.org.uk/visit/devon/greenway.
Wallingford Museum: Geöffnet März bis November dienstags bis freitags 14-17, samstags 10.30-17 Uhr; Juni bis August auch sonntags 14-17 Uhr). Eintritt für Erwachsene 6 Pfund, Kinder haben freien Eintritt. Näheres: www.wallingfordmuseum.org.uk.
Allgemeine Informationen: www.visitbritain.com/de
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