Der Name geht Sandro Wagner noch immer flüssig über die Lippen. Den Herbst seiner Karriere als Fußballprofi erlebte der jetzige Trainer des FC Augsburg einst beim chinesischen Klub Tianjin Teda. Dort sei man der Meinung gewesen, man könne sich Ziele stecken, die über das nächste Spiel hinaus gehen – um dann eines Besseren belehrt zu werden. Wurden Zwischenziele schon in der Entstehung verfehlt – waren beispielsweise sieben Punkte in vier Spielen nach zwei Niederlagen obsolet –, hätte sich dies negativ auf die Moral der Mannschaft ausgewirkt. „Spätestens da habe ich gelernt, von Spiel zu Spiel zu denken“, erzählt Wagner.
Andererseits scheint es derzeit schwierig zu sein, das Heimspiel gegen den Hamburger SV (Samstag, 15.30 Uhr, Sky) isoliert zu betrachten. Dafür steht im Wortsinn zu viel auf dem Spiel. Wagner führt aus, dass der Sieger der Begegnung nicht mehr als drei Punkte bekäme, dass es also formal kein „Sechs-Punkte-Spiel“ gebe. Hat er natürlich recht. Nur: Die Begrifflichkeit speist sich daraus, dass im direkten Duell der eine drei Punkte dazu bekommen kann, während dem anderen drei Punkte fehlen. Der FCA (sieben Punkte/15. Platz) kann also mit einem Erfolg in der Tabelle am HSV vorbeiziehen; zugleich drohen die Hamburger (neun/13.) auf fünf Punkte davonzuziehen. Wagner rang sich zumindest zu dieser Aussage durch: „Für uns ist dieses Spiel wichtig – Schrägstrich – sehr wichtig. Wir wollen am HSV vorbeiziehen.“
FC Augsburg hält am Dienstag seine Mitgliederversammlung ab
Zur tabellarischen Brisanz gesellt sich die allgemeine Stimmungslage in Augsburg. Wagner darf von Spiel zu Spiel denken, Verantwortliche und Fans hingegen verlieren nie das große Ganze aus dem Blick. Vor allem dann, wenn in Kürze die Mitgliederversammlung ansteht. Geschäftsführer Michael Ströll und Präsident Markus Krapf werden am Dienstagabend im Businessbereich der Arena von einem ereignisreichen Jahr berichten. Und nochmals erklären, warum sie sich im Sommer zu einschneidenden Veränderungen und einer Neuausrichtung im Sportlichen Bereich entschieden haben. Sie werden Argumente liefern, die nachvollziehbar sind. Werden womöglich vom Einbinden von Eigengewächsen, der Installation einer aktiveren Spielweise und tabellarischer Stagnation berichten.
Bedeutend leichter zu verkaufen gewesen wäre die Trennung vom beliebten Trainer Jess Thorup und Sportdirektor Marinko Jurendic, wenn mit der Verpflichtung von Wagner Erfolge einhergegangen wären. Der bisherige Saisonverlauf dient allerdings nicht dazu. Im vergangenen Heimspiel gegen Borussia Dortmund (0:1) kritisierten Fans daher die jüngste Vereinspolitik. Schwarz auf Weiß war im Stehplatzbereich zu lesen: „Große Worte, keine Taten – wie lange wollt ihr noch warten?“ „Imagewechsel vollbracht: von der grauen Maus zur Schießbude der Liga.“ „Personenkult und Marketingwahn – das sind nicht unsere Werte.“ Und: „Niemand ist größer als der Verein.“
Wagner gibt sich bezüglich der anstehenden Versammlung betont gelassen. Zugleich ist ihm bewusst, welchen Einfluss er vor der Zusammenkunft auf die Stimmung nehmen kann. Mit einem Erfolg könnten seine Spieler für „glücklichere Gesichter“ am Dienstagabend sorgen, sagt Wagner. Doch was passiert bei einer Niederlage gegen den Aufsteiger? Schnell wäre man wieder beim großen Ganzen. Bei sieben Punkten nach dann elf Spielen. Bei einem blamablen Ausscheiden gegen den Zweitligisten Bochum im DFB-Pokal. Und bei einem anhaltenden Negativtrend, der den Druck auf Wagner nochmals immens erhöhen würde.
Nach dem Spiel gegen Hamburg werden die Aufgaben für den FCA nicht leichter
Anhand des bisherigen Saisonverlaufs hat sich die Erwartungshaltung verändert. Bei Wagner zeigte sich dies darin, dass er seine Spieler auf dem Rasen zurückhaltender angreifen ließ. Priorität genießt mehr denn je das Ergebnis. Mit einem Erfolg gegen den HSV würde sich Wagner zumindest Zeit verschaffen. Die Aufgaben danach werden allerdings nicht leichter: mit Partien gegen Hoffenheim, Leverkusen und Frankfurt. In Wagners Gedanken spielen diese Gegner noch keine Rolle. Stattdessen bewegt er sich weiterhin im Inhalt. Versucht Probleme zu lösen, in denen sich die Ergebniskrise begründet. So hat der FCA (24) bislang die meisten Gegentore aller Bundesligisten kassiert.
Wagner wählt stets einen gemeinschaftlichen Ansatz, spricht fortwährend von der „Gruppe“, in der Gouweleeuw und Jakic verletzt fehlen werden. Er selbst hätte es als Spieler geschätzt, wenn man sich nicht nur als Konsument „berieseln“ ließ, sondern aktiv mitgestalten durfte. So referierte FCA-Innenverteidiger Keven Schlotterbeck unter der Woche über das Defensivverhalten. „Das ist cool, wenn es aus der Mannschaft kommt. Dann hat es nochmals eine andere Wirkung“, so Wagner.
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