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Andreas Bauer über Druck und Strafen im Skispringen

Interview

Nach Skandal im Skispringen: „Müssen weg vom Schummel-Image“

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    Der norwegische Skispringer Marius Lindvik stand auch im Mittelpunkt des Anzugskandals während der WM im vergangenen Winter.
    Der norwegische Skispringer Marius Lindvik stand auch im Mittelpunkt des Anzugskandals während der WM im vergangenen Winter. Foto: Hendrik Schmidt, dpa

    Im vergangenen Winter sorgte ein heimlich aufgenommenes Video für einen Skandal im Skispringen. Zu sehen war, wie während der WM in Trondheim Anzüge der norwegischen Mannschaft manipuliert wurden. Als Vorsitzender der Materialkommission im Weltverband waren Sie damals vor Ort und standen plötzlich im Mittelpunkt einer Geschichte, die weltweit Wellen schlug.
    ANDREAS BAUER: Ja, das stimmt. Das Video war der Presse und dem Internationalen Skiverband zugespielt worden. Zweieinhalb Stunden vor Wettkampfbeginn hatten wir ein Meeting, da habe ich das Video das erste Mal gesehen. Zu sehen war, dass Anzüge aufgetrennt wurden und dort etwas eingelegt oder eingenäht wurde. Wir haben dann entschieden, dass wir die norwegische Mannschaft früher an die Schanze bestellen. Wir wollten deren Anzüge sehen und kontrollieren. Das waren vier Anzüge, denn die Norweger hatten vier Startplätze. Wir haben sie auf Herz und Nieren kontrolliert, konnten aber äußerlich nichts feststellen. Wir wussten auch nicht, ob der Anzug dabei war, der auf dem Video zu sehen war.

    Wie ging es dann weiter?
    BAUER: Der Wettkampf hat begonnen und es herrschte eine riesige Aufregung und Unruhe. Die Trainer sind alle auf mich zugekommen und haben gesagt, dass wir was machen müssten. Auf dem Video sei ja deutlich zu sehen, dass was gemacht wurde. Ich habe geantwortet, dass wir die Anzüge kontrolliert haben und sie so weit in Ordnung waren. Dann kamen zwischen dem ersten und zweiten Durchgang drei Proteste von Polen, Slowenien und Österreich. Wir haben die Proteste abgewiesen. Man kann sich vorstellen, dass die nicht sehr erfreut darüber waren. Unter so hohem Druck wie in dieser Situation bin ich noch nie in meinem Leben gestanden. Aber wir wussten, wenn wir zwischen dem ersten und zweiten Durchgang die Anzüge aufschneiden und nichts finden, dann ist der Anzug zerstört und wir sind die Idioten der Nationen. Deshalb habe ich die ganzen Trainer auf das Ende des Wettkampfes vertröstet. Erst dann haben wir die Anzüge mit dem Teppichmesser aufschneiden lassen und es kam dieses eingelegte starre Band zum Vorschein.

    Da standen dann alle Trainer außenrum und haben zugeschaut?
    BAUER: Nein. Da waren der Trainer, der Anzugtechniker, der Materialkontrolleur, ich als Vorsitzender der Materialkommission, der Renndirektor Sandro Pertile und die beiden Sportler Marius Lindvik und Johann André Forfang dabei. Die Anzüge wurden dann aufgeschnitten und das Band kam zum Vorschein.

    Was hat das bewirkt?
    BAUER: Wenn du im Anzug so ein starres Band hast und den Anzug unten um die Ferse fixierst, dann ziehst du dir vorne den Schritt nach unten. Um sich den Vorteil vorzustellen, muss man beim Autofahren nur die Hand aus dem Fenster halten um zu spüren, welchen Auftrieb man schon auf dieser kleinen Handfläche hat. Das ist der Unterschied, ob du Zehnter, Zwölfter, Fünfzehnter bist oder eben Erster, Zweiter, Dritter.

    War Ihnen sofort klar, welche Folgen diese Entdeckung haben würde?
    BAUER: Wir wussten, dass das ein Erdbeben auslösen wird. Trotzdem haben wir gesagt, dass wir damit aktiv an die Öffentlichkeit gehen müssen. Das hat Sandro Pertile getan und den Gang nach Canossa angetreten. In der Mixed Zone hat er vor der internationalen Presse zweieinhalb Stunden lang Rede und Antwort gestanden. Das war ein riesiges Thema und ist auch in den „Tagesthemen“ und im „Heute-Journal“ gelandet.

    Was gab es für Reaktionen? 
    BAUER: In der Woche darauf gab es ein Krisengespräch mit dem Fernsehen, weil die überlegt hatten, auszusteigen. Das waren nicht nur ARD und ZDF, sondern auch andere internationale Sender wie ORF oder NRK. Den Fernsehanstalten ist natürlich wichtig, dass sie fairen Sport übertragen. Deshalb haben wir als Sofortmaßnahme entschieden, die Anzüge einzusammeln. Wir haben sie dann erst eine halbe Stunde vor Wettkampfbeginn ausgegeben, direkt danach wieder eingesammelt und in einem Container verschlossen. So haben wir die Saison zu Ende gebracht.

    Welche Maßnahmen wurden jetzt im Sommer beschlossen, um weitere Betrugsversuche zu unterbinden?
    BAUER: Auf der Frühjahrssitzung meines Materialkomitees wurde der Skandal aufgearbeitet. Wir haben alles mögliche diskutiert und am Ende blieben zwei wichtige Punkte übrig. Das eine ist die Transparenz und das andere sind die Sanktionen.

    Was ändert sich bei der Transparenz?
    BAUER: Wenn ab dem Saisonauftakt in Lillehammer jemand disqualifiziert wird, dann wird es öffentlich gemacht. Wenn also Athlet X in den Container reingeht und hat einen drei Zentimeter zu großen Anzug, dann steht genau das eine Minute später im Live-Ticker. Jeder weiß dann sofort, welches Vergehen dieser Athlet hatte. Es ist uns nämlich auch schon passiert, dass Athleten mit einem deutlich zu großen Anzug rausgegangen sind und vor den Fernsehkameras sagten, dass die Fis heute wieder extrem kritisch gewesen und es nur um ein paar Millimeter gegangen sei. Diese Zeiten sind vorbei. Eine weitere Neuerung ist ein Technical Approval, das ist eine Art TÜV. Jeder Anzug wird vorher angeschaut, ob alle Parameter stimmen. Dafür haben wir mit Matthias Hafele erstmals einen hauptamtlichen Materialkontrolleur eingestellt, der verschiedene Messmethoden eingeführt hat. Wenn die Anzüge bei ihm nicht durchgehen, werden sie zurückgewiesen und du musst mit deinem alten Anzug aus dem Sommer springen. Du kannst auch nicht eine halbe Stunde später mit einem anderen Anzug kommen, sondern erst am nächsten Wochenende kannst du wieder einen Technical Approval bekommen. Die Athleten haben von Lillehammer bis zur Vierschanzentournee nur zwei Anzüge. Mehr gibt es nicht, weil der Technical Approval sehr aufwendig ist.

    Das zweite Stichwort lautet Sanktionen. Welche Konsequenzen haben Manipulationsversuche an den Anzügen?
    BAUER: Uns war wichtig, dass wir auch abschreckend wirken müssen. Wir wollen weg von der Mentalität, dass man mal einen Zentimeter drüber geht, bei der Tournee dann zwei Zentimeter und bei einer WM oder Olympia noch mal einen Zentimeter weiter. Man sollte sich lieber ein bisschen Luft lassen und vielleicht einen Zentimeter drunter bleiben. Wir haben uns also überlegt, was einem Athleten weh tut. Und einem Athleten tut weh, wenn er beim Wettkampf nicht teilnimmt, wenn er nicht im Fernsehen zu sehen ist, wenn er keine Weltcuppunkte macht und wenn er kein Preisgeld bekommt. Beim ersten Verstoß bekommst du eine Gelbe Karte und bist für diesen Wettkampf disqualifiziert. Die Gelbe Karte steht in den Ergebnis- und Startlisten. Jeder kann erkennen, wer vorbelastet ist. Bei der zweiten Gelben gibt es automatisch Gelb-Rot. Er ist dann für den Wettkampf disqualifiziert, vor dem er erwischt wurde, und muss zusätzlich noch zwei weitere aussetzen. Weil oft eine Teamstrategie dahinter steckt, haben wir zudem gesagt, dass die Nation diesen Quotenplatz verliert, den gesperrten Springer also nicht einfach ersetzen darf. Wir hoffen, dass wir damit einen echten Mentalitätswechsel hinkriegen. Wir müssen von dem Image weg, dass im Skispringen im Hinterzimmer geschummelt und getrickst wird.

    Was ist mit den Norwegern passiert, die den ganzen Fall ins Rollen gebracht haben?
    BAUER: Es gab eine unabhängige Untersuchungskommission und die Schuld wurde auf die Trainer geladen. Die Athleten wussten nicht, was in dem Anzug eingebaut war und hatten keine Ahnung davon. Der Trainer und der Anzugtechniker sind für viele Jahre gesperrt. Den Athleten konnte man nichts nachweisen. Daher sind die jetzt in Lillehammer auch wieder mit dabei. Das mag für den ein oder anderen schwer zu verstehen sein, aber das ist jetzt ein Urteil und das haben wir zu akzeptieren.

    Wissen Sie eigentlich, wer das Video bei der WM gemacht hat?
    BAUER: Nein. Ich weiß nur, dass die Polizei in Norwegen die Person sucht und gegen Unbekannt ermittelt, weil man nach norwegischem Recht nicht einfach heimlich filmen darf.

    Bleibt die Frage, warum mit solcher hohen kriminellen Energie versucht wurde, die Anzüge zu manipulieren. Ist Skispringen so lukrativ, dass sich das lohnt?
    BAUER: Ja, es steckt mittlerweile sehr viel Geld im System Skispringen. Der Weltcup-Gesamtsieger geht mit über 400.000 Schweizer Franken nach Hause. Dazu hat er noch einen Helm- und Skisponsor und das ein oder andere mehr. Die verdienen schon gut und darum steigt natürlich auch die kriminelle Energie an. Wir haben im Skispringen einerseits das große Glück, dass Doping kaum Sinn ergibt. Du brauchst wenig Ausdauer und keine Muskelberge. Unsere Herausforderung ist dafür das Material. Deshalb bin ich froh, dass wir im Komitee für unsere Maßnahmen fast immer einstimmige Beschlüsse hatten. Die Nationen waren sich sehr einig, weil alle genau wissen, dass wir von den Fernsehbildern abhängen. Wir müssen guten und sauberen Sport bieten.

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