Ein 4:0-Sieg gegen Finnland – das ist doch gemeinhin das, was man als standesgemäß für eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft ansehen würde. Tatsächlich lieferte der Sieg im vorletzten Testspiel mehrere Erkenntnisse, die hoffnungsvoll für die Weltmeisterschaft stimmen. Allzu euphorische Rückschlüsse verbieten sich allerdings auch bei einem Blick auf die spielerische Beschränktheit des 73. der Weltrangliste.
Denn wie gut die deutsche Defensive nun tatsächlich ist, lässt sich seriös kaum beantworten. Nur selten schafften es die Skandinavier, halbwegs gefährlich über die Mittellinie zu kommen. Die Absicherung gegen schnelle Konter – stellenweise eine Schwäche der deutschen Mannschaft – war nicht wirklich nötig, weil es kaum schnelle Gegenstöße gab.
Das Trio Karl – Musiala – Wirtz macht beim DFB Lust auf mehr
Offensiv war es ordentlich (erste Hälfte) bis gut (zweiter Durchgang), was die deutsche Elf zeigte. Am Turbodribbler-Trio Karl, Musiala und Wirtz könnte man noch viel Spaß haben. Die individuellen Qualitäten der drei werden sehr wahrscheinlich auch gegen tief stehende WM-Gegner wie etwa gegen Curacao wichtig werden. Dass Deutschland auch bei Ecken gut für ein Tor ist – gut zu wissen. Ebenso wie die Erkenntnis: Deniz Undav kann sehr wohl auch Startelf-Einsätze beim DFB. In mittlerweile acht Spielen kommt er auf sechs Treffer. Sehr wahrscheinlich wird ihm bei der WM dennoch „nur“ die Rolle als zweiter Stürmer hinter Kai Havertz bleiben, der in den USA zur Mannschaft stößt. Aber einen Joker in Topform und mit ausgewiesenem Torriecher kann jede Mannschaft gebrauchen.
Tatsächlich scheint sich – auch das ist eine gute Nachricht – eine Startelf herauskristallisiert zu haben. Offen scheint nur das Rennen um die linke Verteidigerposition zu sein, wo es Nathaniel Brown gegen Finnland gut gemacht hat und einen kleinen Vorsprung auf den angeschlagenen David Raum zu haben scheint. In der Zentrale ist dies das Pech von Leon Goretzka, der an Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović erstmal nicht vorbeizukommen scheint.
Die Personalie Manuel Neuer hat weiterhin große Sprengkraft
Alles fein also? Nicht ganz. Denn die größte Personalie von allen hat wenig von ihrer Sprengkraft verloren. Manuel Neuer musste, weil im Verletztenstand, auch beim letzten Testspiel in Europa noch zusehen. Oliver Baumann, der „mehr mit den Beinen als mit den Händen“ gefordert war, wie Nagelsmann sagte, wurde vom Publikum in Mainz mit Sprechchören gefeiert. Wird Neuer, dessen Comeback viel Unruhe erzeugte, zum WM-Start nicht fit und der degradierte Baumann muss spielen, wird die Kritik nicht leiser werden. Auch nicht im Fall eines Patzers des Bayern-Schlussmanns. Und Fakt ist auch eines: Nicht viele Gegner bei der Weltmeisterschaft werden das deutsche Tor so schonen, wie es die Finnen getan haben.
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