Der Fußball hat zuletzt viele Märchen geliefert, bei denen Außenseiter es den großen Teams gezeigt haben. In Norwegen schrieb Bodö/Glimt eine Erfolgsgeschichte und stieß bis ins Achtelfinale der Champions League vor. In der Schweiz wurde der kleine FC Thun gerade eben sensationell Meister – und das als Aufsteiger. Und lange Zeit sah es so aus, als ob sich in Schottlands Hauptstadt Edinburgh ähnlich Ungeheuerliches ereignen könnte. Die Hearts of Midlothian, als Außenseiter in die Saison gestartet, führten nahezu ab Saisonbeginn die Tabelle an. Der erste Meistertitel für den Verein seit dem Jahr 1960 war möglich. Es wäre zudem der erste Meistertitel in Schottland seit 41 Jahren gewesen, der nicht an einen der beiden großen Klubs aus Glasgow gegangen wäre. Wohlgemerkt: Es wäre so gewesen. Es kam anders.
Am Samstag wollte es der Spielplan, dass die Hearts um den deutschen Torhüter Alexander Schwolow (ehemals Hertha und Freiburg) zum Saisonfinale bei Celtic Glasgow antreten sollten. Ein Punkt hätte gereicht, um den Titel perfekt zu machen. Nach einem Punkt sah es auch lange aus. Bis zur 87. Minute stand es 1:1, die Führung der Hearts hatte der ehemalige Augsburger Arne Engels ausgeglichen. Wie brutal der Fußball sein kann, zeigte sich danach: Zwei Tore schoss Celtic in der Schlussphase und drehte das Spiel noch auf 3:1. Am Ende war der 56. Meistertitel Celtics klar, was den Klub zum alleinigen Rekordmeister in Schottland vor dem Stadtrivalen Rangers machte. Direkt nach dem Treffer zum 3:1 erlebte das Spiel und damit auch die Saison eine unschöne Wende: Etliche Fans von Celtic stürmten den Rasen und beließen es nicht dabei, mit anderen Anhängern oder den Spielern die Meisterschaft zu feiern. Einige Fans griffen die frustrierten Spieler der Hearts an, pöbelten sie und schubsten sie. Die Profis aus Edinburgh mussten vom Sicherheitspersonal aus dem Stadion geleitet werden, laut Medienberichten verließen einige Spieler das Stadion noch in ihren Trikots.
Die Hearts über die Attacken der Celtic-Fans: „Schottischer Fußball mal wieder blamiert“
Die Vereinsführung des Heart of Midlothian reagierte noch am selben Abend auf die Vorfälle im Celtic Park und ließ in einer Stellungnahme verlauten: „Heart of Midlothian verurteilt aufs Schärfste die beschämenden Vorfälle im Celtic Park heute Nachmittag, die den schottischen Fußball mal wieder blamiert haben.“ Zudem seien die „Berichte über schwere körperliche und verbale Übergriffe auf unsere Spieler und Mitarbeiter“ zutiefst beunruhigend, so der Klub in einer Stellungnahme weiter. Dass die Vereinsführung von Celtic für die Vorfälle um Entschuldigung bat, ist wenig mehr als eine Fußnote eines schlimmen Endes einer unglaublichen Saison.
Wie sehr die Vorfälle in Glasgow die Spieler getroffen haben, zeigte sich bei der Rückkehr in Edinburgh. Vor dem Stadion, dem Tynecastle Park, hatten sich tausende Fans der Hearts versammelt, um mit ihren Helden den Meistertitel zu feiern. Die meisten von ihnen blieben auch nach dem bitteren Saisonabschluss und applaudierten den Profis. Viele Spieler weinten nachdem sie aus dem Bus ausgestiegen waren hemmungslos. Im Gegensatz zu den Glasgower Anhängern bewiesen die Fans der Hearts aber ein Gespür für die Situation und dankten den Spielern sowie dem Trainerteam für diese unglaubliche Saison. „Ich bin am Boden zerstört. Aber ich bin auch unglaublich dankbar dafür, was die Mannschaft in dieser Saison geleistet hat“, sagte ein Fan einem Fernseh-Team der BBC. Ein Freund von ihm fügte an: „Aber das ist erst der Beginn der Reise. Wir werden nächste Saison stärker zurückkommen.“ Auch das ist das Schöne im Fußball: Egal, wie schlimm eine Saison sein mag – es gibt immer die Aussicht auf eine neue Spielzeit, eine neue Chance.
In Österreich krönt Linz eine irre Aufholjagd mit dem Double
Zur ganzen Wahrheit gehört es aber auch: Es gab auch an diesem Wochenende ein neues Fußball-Märchen. Nur eben nicht in Edinburgh, sondern in Linz. Dort sorgte der heimische LASK für eine Sensation und holte 61 Jahre nach dem letzten Titel wieder die österreichische Meisterschaft und zusätzlich den ÖFB-Cup. Entscheidender Faktor beim Klub, der erst vor neun Jahren – damals mit Oliver Glasner – in die erste Liga aufgestiegen war, war der Trainerwechsel zu Dietmar Kühbauer im Herbst. Der LASK bfand sich damals noch im Tabellenkeller. Mit dem ehemaligen Wolfsburger Bundesligaprofi kamen aber Stabilität und Konstanz zurück. In der Meisterrunde holte Linz Punkt um Punkt. Der 3:0-Sieg gegen Austria Wien am letzten Spieltag machte das Double perfekt und krönte eine historische Aufholjagd des Klubs.
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