Als sich Julian Nagelsmann zu später Stunde auf der Pressekonferenz erklärte, wirkte er mitunter wie ein Dozent oder Philosoph. Womöglich muss ein Bundestrainer auch diese Klaviatur bedienen können. Als Aushängeschild einer gesamten Nation und Vertreter von 82 Millionen anderer Bundestrainer, ist es mit Flach-Spielen-Hoch-Gewinnen-Rhetorik nicht getan, ein wenig gehaltvoller soll es schon sein. Nagelsmann ist in der glücklichen Lage, ein guter Redner zu sein. Fand also passende Worte, um die jüngsten Auftritte von Deutschlands besten Fußballern einzuordnen. „Wir können nicht immer von Schwarz zu Weiß kippen. Und das innerhalb von 90 Minuten. Das ist mir am Ende zu einfach.“
Innerhalb weniger Tage hatte die Mannschaft ein blamables Spiel gegen Luxemburg und ein herausragendes Spiel gegen die Slowakei gezeigt. Wäre Fußball immer vorhersehbar, führte Nagelsmann aus, würden nicht immer 50.000 Fans ins Stadion kommen. Er exkursierte zum Eishockey und Basketball, wo in Summe bedeutend weniger Unberechenbarkeit herrsche als im Fußball. Mit besagter Unberechenbarkeit beschrieb Nagelsmann, 38, treffend den Zustand seiner Mannschaft. Diese gibt weiterhin Rätsel auf.
Lange quält sich das DFB-Team durch die WM-Qualifikationsgruppe
Zwischenzeitlich bestanden Zweifel, ob das DFB-Team in der Lage sei, seine Pflicht zu erfüllen. Ob die Mannschaft sich direkt für die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko qualifizieren würde. Play-offs galten als Schreckensszenario. In einer Gruppe mit Luxemburg, Nordirland und der Slowakei, also europäischen Mittelklassenationen, hätte dies einen Tiefpunkt bedeutet. Das DFB-Team quälte sich durch die Gruppe, das Endspiel um den Gruppensieg drohte zur Zitterpartie zu werden. Dann der Auftritt am Montagabend. Das furiose 6:0. Im Fußball könne man nicht immer alles planen, merkte Nagelsmann noch an und fügte hinzu: „Ich weiß schon, was in der Mannschaft schlummert. Ich freue mich immer, wenn sie das rauskitzelt.“
Speziell auf Leroy Sané traf dies zu. Der Offensivspieler dient als Paradebeispiel dafür, wie wankelmütig die Hochveranlagten im DFB-Trikot zu Werke gehen. Der filigrane Edeltechniker geht auf die 30 zu, doch zeigt er die Leistungsschwankungen eines Jungprofis. Nagelsmann hatte Sané zuletzt nicht berufen und die Partien gegen Luxemburg und die Slowakei zur Bewährungsprobe ausgerufen. Der Bundestrainer hatte spürbar einen Zugang zum introvertierten Individualisten gefunden. Sané war in den Spielen an fünf Treffern direkt beteiligt. Kapitän Joshua Kimmich lobte seinen ehemaligen Bayern-Kollegen. „Ich habe keinen Spieler in meiner Karriere kennengelernt, der physisch so stark ist wie Leroy. Wir müssen ihn dazu bekommen, dass er auch mental bereit ist. Und wenn er dazu bereit ist, dann hat man gemerkt, was möglich ist.“
Nach dem Führungstreffer Nick Woltemades, der einmal mehr das wichtige 1:0 erzielt hatte, kehrten plötzlich Lockerheit und Leichtigkeit zurück. Selbst der formschwache Florian Wirtz zeigte sich auf dem Weg der Besserung, mit Traumpässen inszenierte er Sanés Treffer. Das Publikum ließ sich animieren, schwenkte schwarz-rot-goldene Fähnchen, sang „Oh, wie ist das schon“ und ließ La-Ola-Wellen durchs weite Rund schwappen. An diesem nasskalten Novembertag hatte es das DFB-Team tatsächlich geschafft, Vorfreude auf einen wonnevollen WM-Sommer zu erzeugen.
DFB-Kapitän Joshua Kimmich lobt Leroy Sané
Aufs Feld führen wird die Mannschaft Kimmich. Die Rückkehr des Anführers machte sich positiv bemerkbar. Mit einer Monstergrätsche riss er die Fans aus der Lethargie, später servierte er für Woltemades Tor. Kimmich wird seine dritte Weltmeisterschaft erleben, ist folglich einer der erfahrensten Spieler. Ihm oblag es, die Arbeit des Bundestrainers herauszuheben. „All das, was der Trainer einfordert, all das, wie der Trainer uns auch vorbereitet hat – da muss man ihm ein Kompliment machen, wie ruhig er geblieben ist in den letzten Tagen. Ich kann mir vorstellen, dass auf ihm auch ein gewisser Druck lastet.“ Zu beobachten war der Druckabfall beim ausgelassenen Torjubel.
Der Bundestrainer und das DFB-Organisationsteam haben sich bereits ein Bild von möglichen Standorten fürs WM-Quartier gemacht. Endgültige Planungssicherheit besteht nach dem 5. Dezember. Dann werden die zwölf WM-Gruppen ausgelost. Deutschland hat sich durch den Erfolg gegen die Slowakei in der Fifa-Rangliste unter die besten neun Nationen geschoben und wird eine Gruppe anführen. Ob man Schwergewichten des Weltfußballs, Franzosen, Spaniern oder Argentiniern, bereits gewachsen sei, dieser Frage wich Nagelsmann vielsagend aus. „Ich sage jetzt nicht, was ich gerade denke. Das ist, glaube ich, besser.“ Und fügte hinzu: „Wir arbeiten daran, dass wir gut präpariert sind für die WM.“ Diplomatisch antworten – auch das muss ein Bundestrainer können.
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