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WM 2026: Kritische Stimmen begleiten Start der größten Fußball-WM

Fußball-WM 2026

Und was, wenn es doch ganz schön wird?

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    Möglicherweise feiern die deutschen Fans ihre Mannschaft dann doch wieder.
    Möglicherweise feiern die deutschen Fans ihre Mannschaft dann doch wieder. Foto: Christoph Soeder, dpa (Symbolbild)

    Die Deutschen haben von Grund auf nichts gegen Großmannssucht und Größenwahn. Wobei natürlich kaum jemand tatsächlich etwas für Größenwahnsinnige übrig hat. Vielmehr stellt sich das Problem, dass es nicht jedem gegeben ist, diesen unangenehmen Charakterzug zu erkennen. Die Deutschen nun – und von ihnen wird im Folgenden noch häufig zu lesen sein – tragen sie mittlerweile monstranzig vor sich her: Bescheidenheit. Das war nicht immer so. Deutsches Wesen, Welt genesen. Natürlich auch dies ein deutscher Reflex: Gegenwärtiges in Bezug setzen zu düsteren Zeiten. Reflexe sind nützlich. Generell zu befürworten.

    „Die Deutschen“ ist freilich eine unzulässige Verallgemeinerung. Wie auch „die Spanier“, „die Brasilianer“ oder „die Engländer“. Von all ihnen wird in den kommenden sechs Wochen viel zu hören und zu lesen sein. Von „den Italienern“ eher nicht. Es steht eine Weltmeisterschaft an. Die größte und längste, möglicherweise auch: die fragwürdigste. Und das, wo doch die vergangenen beiden Turniere in Katar und in Russland ausgetragen wurden. Die Italiener nehmen schon beinahe traditionell nicht an Weltmeisterschaften teil. Letztmals stand die Squadra Azzurra bei einer WM 2014 auf dem Feld. Die armen Nachgeborenen, die noch nicht gehört haben, wie inbrünstig sich eine Nationalhymne schmettern lässt – und dass das in keinem Zusammenhang mit Erfolg oder Misserfolg steht.

    Die Deutschen werden es diesmal immerhin über die Vorrunde hinaus schaffen

    Es lässt sich allerhand Kritisches über die Weltmeisterschaft in drei Ländern mit 48 Mannschaften erzählen. Verwässerte Qualität, aufgeblasen, Geldschneiderei. So verwässert aber kann das Turnier nicht sein, wenn nirgendwo ein azurblaues Trikot samt hinwegsackender Beine im Strafraum zu Boden fällt. Der Italiener fällt gerne. Die Engländer gewinnen nicht und die Deutschen sind eine Turniermannschaft. Diese Verallgemeinerungen eben werden nun wieder auf ihre Richtigkeit abgeklopft. Daher ist es zulässig, fortan Stereotypen dann und wann zu bedienen. Auf dass die Saat des Körnchens Wahrheit aufgeht.

    Den Deutschen ist aus guten Gründen ein auf der Grenze zur Überheblichkeit tänzelndes Selbstbewusstsein suspekt. Das betrifft Binnen- wie Außensicht. Dass nun 48 Mannschaften an dem Turnier teilnehmen, mag der Qualität des Weltfestes des Fußballs nicht zuträglich sein, andererseits könnten auch die Vorteile betont werden. Aus deutscher Sicht vor allem: Ein Ausscheiden nach der Vorrunde ist kaum möglich. Insgesamt qualifizieren sich 32 Mannschaften für die erste K.-o.-Runde des Turniers. Das bedeutet eine heftige Zunahme jener Partien, in denen eine Niederlage gleichbedeutend mit dem Aus ist. Eine zusätzliche Sekt- oder Selters-Runde könnte auch als ein Mehr an Spannung gesehen werden. Gianni Infantino macht das gewiss.

    Gianni Infantino verteilt die Einnahmen auf 48 Nationalverbände und sichert sich so seine Macht.
    Gianni Infantino verteilt die Einnahmen auf 48 Nationalverbände und sichert sich so seine Macht. Foto: Riza Ozel, AP/dpa

    Dem obersten Fifanesen schlägt von deutscher Seite aus eine über die Jahre gelernte Mischung aus Verwunderung und Ablehnung entgegen. Das teilen die Deutschen mit den Fans und Funktionären vieler anderer Länder. Nicht aber mit jenen aus Haiti, Kap Verde oder Curaçao. Dort freut man sich über die Teilnahme an der Weltmeisterschaft, und es lässt sich fragen, mit welcher Begründung diese Freude verhindert werden sollte. Weil diese Länder zu klein sind, um eine Mannschaft von internationalem Format zu stellen? Weil sie mit ihrer Teilnahme das Niveau nicht anheben werden? Weil den Spielern der Spitzenmannschaften durch die Erweiterung auf 48 Teams eine weitere Partie auf dem Weg zum Titel zugemutet wird?

    Deutsche Fans vermissen Demut nach Niederlagen gegen Außenseiter

    Bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften erwiesen sich für die deutsche Mannschaft Südkorea, Mexiko und Japan als unbezwingbar. In den noch besseren Jahren setzte man sich in der Vorrunde gegen die fußballerischen Kleinstaaten Australien, Costa Rica und Saudi-Arabien durch. Beim WM-Sieg 2014 wurden die Algerier beinahe zum Endgegner. Überraschenderweise haben sich hier Bescheidenheit und Demut vor der nahen Vergangenheit und Außenseitern noch nicht durchgesetzt. Man ist noch wer. Zumindest gedanklich.

    Dass die deutsche Auswahl diesmal aber zu jenem Kreis gehört, der sich ernstlich Gedanken darum machen sollte, wie die Strapazen von acht Spielen in sechs Wochen zu bewältigen sind, ist unwahrscheinlich. Zu wenige Einzelkönner gehobenen Formats, zusammengestellt von einem Trainer, der mit zunehmender Skepsis betrachtet wird. Vor zwei Jahren noch war die Mannschaft auf dem Weg zum Turniergewinn, ehe die Hand Cucurellas und ein ausgebliebener Pfiff des Schiedsrichters das Team stoppten. Als Nagelsmann danach ankündigte, dass man dann eben in zwei Jahren Weltmeister werde, lächelten einige ob des scheinbar kindlichen Trotzes des Bundestrainers – fanden den Optimismus aber auch sympathisch.

    Die deutsche Mannschaft ist besser als sie gemacht wird

    Die beiden Jahre sind nun bald vorüber. Die Mannschaft hat sich souverän für die WM qualifiziert (anders als beispielsweise die Italiener, aber das nur am Rande) und ist erstmals in die Endrunde der Nations League eingezogen. Mittlerweile aber wird die Ankündigung Nagelsmanns, den Titel zu holen, als unrealistisches Wunschdenken abgetan.

    Natürlich sind die Deutschen nicht der Favorit. Ebenso selbstverständlich ist es aber im Leistungssport, jede Begegnung in dem Willen anzugehen, sie zu gewinnen. Jeden Zweikampf so zu führen, dass er im Ballbesitz endet. Jeden Pass so zu temperieren, dass der Mitspieler ihn verarbeiten kann. Jedes Detail mit dem Willen zur Perfektion zu beherzigen. Es muss doch das Ziel sein, den Wettkampf zu gewinnen. Die meisten Mannschaften (wahrscheinlich 47 von 48) werden daran scheitern. Wer sich ausschließlich Ziele setzt, die er garantiert erreicht, limitiert sich selbst. Erreicht ein Plateau der Selbstzufriedenheit, das Leistungssteigerung unwahrscheinlich macht. Oder was Motivationstrainer eben sonst so sagen.

    Wahrscheinlich scheidet die deutsche Mannschaft vor dem Finale aus. Den WM-Titel aber bereits vor dem ersten Anpfiff abzuschreiben, ist eher fatalistisch als bescheiden.

    Donald Trump hat nicht zwingend dafür gesorgt, dass sich ausländische Fans in den USA willkommen fühlen.
    Donald Trump hat nicht zwingend dafür gesorgt, dass sich ausländische Fans in den USA willkommen fühlen. Foto: Alex Brandon, AP/dpa

    Den Anhängerinnen und Anhängern ist diese Einstellung zugestanden. Zumal sich die Begleitumstände wie eine Löschdecke über den kleinsten Funken Euphorie legen. Ein US-Präsident, der anreisenden Fans mit prompter Ausweisung droht. Dessen Gastgeberqualitäten sich darauf beschränken, seinen Gästen eine mitzugeben. Protegiert von einem Fifa-Boss, der Donald Trump einen Fantasie-Friedenspreis verleiht und der sich den Fußball untertan macht – beobachtet freilich von Verbänden und Sponsoren. All jenen, die als Stakeholder zusammengefasst werden können und es zur Perfektion gebracht haben, laut den Mund zu halten.

    Zwei Größenwahnsinnige, die sich nicht allzu große Mühe geben, das verbergen zu wollen. Aber es war eben auch Sepp Blatter Fifa-Boss, als die Deutschen 2006 das Sommermärchen und 2014 den Titel in einem Land holten, das im Korruptionsindex unter anderem hinter Lesotho und Ruanda stand. War den Deutschen egal. Begeisterung aber liegt derzeit nicht im Trend.

    Die Deutschen entledigen sich auch mal der Lethargie. Vor allem bei Weltmeisterschaften

    Kaum jemand, der behauptet, sich auf die Weltmeisterschaft zu freuen. Generell kaum öffentliche Freude. Wie freudvoll beispielsweise begleitete die Öffentlichkeit einst die Sommerloch-Tiere. Kaiman Sammy, Schnappschildkröte Lotti, eine vermeintliche Löwensichtung in Berlin. Und nun, da ein waschechter Buckelwal gestrandet war und sich Experten und Amateure nicht einigen konnten, wie mit diesem Tier umzugehen sei: Meta-Diskussionen, was der Umgang mit dem Wal über den Zustand der Bundesrepublik aussagt und was alles schief läuft.

    Lust, Laune, Leichtigkeit – die Null steht. Die Deutschen aber, schwer zu glauben, entledigen sich auch gerne mal ihrer Lethargie. Lauer Sommerabend, Biergarten, kühles Getränk, schlechte Sicht auf das gute Spiel, Deutschland gewinnt. Oder auch: alleine im Wohnzimmer schauend. Wenn Musiala trickst und Woltemade trifft, Schlotterbeck grätscht und Neuer pariert, wenn diese Mannschaft begeisternd auftritt, löst sie Begeisterung aus. Oder zumindest ein Lächeln. Dann gibt es wieder nur ein Kantinengespräch. Dann setzt sie wieder ein, die Turnierfanschaft. Einhergehend mit dem Aufleben der Turniermannschaft. Es kann ein wunderbarer Sommer werden.

    Wenn es anders kommt, wird im Italienurlaub Leid geteilt. Auch schön.

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