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Aktuelle Studie
10.06.2021

Genug vom Homeoffice: Beschäftigte wollen zurück ins Büro

Katze, Kaffee, Chaos: Nach einer langen Zeit im Homeoffice wünschen sich viele Beschäftigte, ihre Kollegen wieder „live“ im Betrieb zu treffen.
Foto: Alberto Grosescu, Adobe Stock

Corona hieß für viele Angestellte: Arbeiten von daheim. Nach der Pandemie wollen das viele wieder ändern - aber nur teilweise. Wie wird sich die Arbeitswelt verändern?

Die einen haben ihren Laptop in der Küche oder im Wohnzimmer aufgeklappt, die anderen ihren Schreibtisch aus Studienzeiten reaktiviert. Sie haben mittags gekocht, sind abends laufen gegangen, um überhaupt vor die Tür zu kommen. Die heiße Zeit der Corona-Epidemie hat für viele Angestellte eines bedeutet: Homeoffice. Jetzt, da die Epidemie abflaut, stellt sich die Frage, welche Rolle das Homeoffice nach Corona spielen wird. Ein großer Teil der Beschäftigten will anscheinend stärker zurück in die Betriebe. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der FOM Hochschule für Berufstätige, die in Augsburg und anderen Städten im Bundesgebiet vertreten ist. Für die Zeit nach der Corona-Epidemie wünschen sich die Berufstätigen im Schnitt einen Homeoffice-Anteil von rund 35 Prozent oder 1,75 Tagen pro Woche. Das ist deutlich weniger als jetzt in der Krise, in der die Befragten im Schnitt 50 Prozent der Arbeitszeit im Homeoffice verbracht haben.

Viele Angestellte wollen zurück ins Büro: "Sind soziale Wesen"

„Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass für die Zeit nach der Krise der Wunsch nach mehr persönlichem Kontakt zu Kolleginnen, Kollegen und Teams besteht, als es derzeit möglich ist“, berichtet Professor Christian Rüttgers, stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Personal- und Organisationsforschung der FOM. „Der Wunsch nach Kontakt, nach direktem Austausch unter den Beschäftigten ist groß“, sagt Rüttgers im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir Menschen sind soziale Wesen“, erklärt er. Die digitale Kommunikation über Videokonferenzen könne den Austausch im Betrieb und die informellen Unterhaltungen auf dem Flur nicht ersetzen.

Die Hochschule hat für die Studie berufsbegleitend Studierende befragt, der Großteil in der Altersspanne von 21 bis 35 Jahren, mehr Frauen als Männer, die meisten voll erwerbstätig, meist in Bürojobs. Die Ergebnisse, die Rüttgers zusammen mit Professorin Julia Naskrent veröffentlicht hat, geben damit einen Eindruck vom Lebensgefühl eines großen Teils der arbeitenden Bevölkerung im jüngeren bis mittleren Alter.

 

Dass unter ihnen nach Corona der Wunsch nach persönlichen Kontakten groß ist, zeigt sich auch in anderen Bereichen. Einen Nachholeffekt gibt es zum Beispiel bei Dienstreisen, die während der Corona-Epidemie fast komplett ausfielen. Gab es vor der Pandemie im Schnitt 16,9 Übernachtungen auf Dienstreisen pro Jahr, rechnen die Befragten nach der Epidemie sogar mit 18,2. „Es gibt den Wunsch, Kunden und Lieferanten wieder persönlich zu treffen und Messen zu besuchen“, sagt Rüttgers. Die Sehnsucht nach Kontakten setzt sich im Privaten fort: Die Befragten planen mehr Reisen als vor der Pandemie, sie wollen häufiger draußen Sport treiben und genauso häufig in Restaurants essen gehen wie vor Corona.

Einen Teil Homeoffice wollen die meisten aber behalten

Trotzdem wird die Krise die Arbeitswelt prägen. Denn ganz auf das Homeoffice verzichten wollen die meisten Arbeitnehmer nicht mehr. Die Entwicklung lässt sich nicht komplett zurückdrehen. Haben die Befragten vor der Krise im Schnitt nur sechs Prozent ihrer Arbeitszeit im Homeoffice verbracht, rechnen sie künftig mit den besagten 35 Prozent. „Dahinter steckt der Wunsch nach einer gewissen Autonomie, was die Arbeitszeit und den Arbeitsort betrifft“, sagt Rüttgers. Aller Erfahrung nach führe ein gewisser Anteil Homeoffice zu einer höheren Arbeitszufriedenheit. An manchen Tagen pro Woche ist man der Familie näher, kann auch mal dem Handwerker die Türe öffnen.

Dass sich die Beschäftigten im Schnitt ein Mittelmaß an Tagen im Homeoffice vorstellen, könnte den meisten Arbeitgebern entgegenkommen: „Studien zeigen, dass 100 Prozent Homeoffice die Innovationsfähigkeit von Teams senkt“, sagt Rüttgers. Aber selbst mit wenigen Tagen Homeoffice pro Woche dürften sich für Führungskräfte neue Herausforderungen ergeben. Ist nur ein Teil des Teams präsent, können leicht Ungleichgewichte entstehen. Eine Lösung könnte es sein, Tage zu definieren, an denen das Team gemeinsam vor Ort ist, schlägt Rüttgers vor. „Das Führen wird auf jeden Fall komplexer“, sagt er.

Hans-Böckler-Stiftung fordert rechtlichen Rahmen für das Homeoffice

Dass eine Mischung aus Präsenz und Homeoffice die Arbeitswelt von morgen prägt, davon geht auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung aus, an der sich Forscherinnen intensiv mit dem Thema befasst haben. „Eine Mischung aus Büro- und Homeoffice-Tagen könnte in Zukunft das Arbeitsmodell vieler Menschen sein“, fasste die Stiftung Forschungsergebnisse zusammen. „Bisherige Studien zeigen, dass durch gut geregelte mobile Arbeit Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Arbeitszufriedenheit steigen.“ Reine Heimarbeit dagegen führe zu Stress und Vereinsamung.

Um die Arbeitswelt dauerhaft fit für das Thema Homeoffice zu machen, fordern die Forscherinnen Yvonne Lott, Elke Ahlers, Johanna Wenckebach und Aline Zucco einen rechtlichen Rahmen, praktisch ein Recht auf Homeoffice. Hier gehe es darum, Schattenseiten zu vermeiden. Dazu zähle zum Beispiel „unbezahlte Mehrarbeit von mobil Arbeitenden, die nicht selten glauben, sich den empfundenen Vertrauensvorschuss des Arbeitgebers durch besonderen Einsatz verdienen zu müssen. Zu klären seien auch Haftungsfragen, wenn beispielsweise im Homeoffice das Kind von der Kita abgeholt wird. Oder die Bereitstellung von Notebooks, Bildschirmen und Tastatur.

SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil hatte sich mit seinem Vorstoß eines Rechtsanspruchs auf Homeoffice zwar nicht durchsetzen können. Trotzdem bleibt das Thema auf der Tagesordnung. „Homeoffice ist kein Pandemie-Phänomen, sondern eine wichtige Säule der modernen Arbeitswelt, auf die wir auch in Zukunft bauen“, sagte kürzlich SPD-Arbeitsexpertin Katja Mast. „Selbst wenn die gesetzliche Homeoffice-Pflicht Ende Juni endet, bedeutet das kein automatisches Zurück in die alte Arbeitswelt“, sagte die Bundestagsabgeordnete. „Unser Ziel bleibt es, das Homeoffice auch unabhängig von der pandemischen Lage auf breiter Basis auf stabile gesetzliche Füße zu stellen.“

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11.06.2021

„Unser Ziel bleibt es, das Homeoffice auch unabhängig von der pandemischen Lage auf breiter Basis auf stabile gesetzliche Füße zu stellen.“

Ich fürchte niemand wird die SPD für diese stabilen gesetzlichen Füße wählen...

Wenn es zu kompliziert wird, könnte das eher die Bereitschaft der Arbeitgeber mindern.




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11.06.2021

Tja lieber Herr Arbeitsminister... solange Führungskräfte aus dem 19. Jahrhundert dem lächerlichen Irrglauben anhängen, dass sie allein durch die Anwesenheit eines Mitarbeiters kontrollieren können ob und wieviel jemand tatsächlicht tun tut (hihi), solange wird das nix werden mit Innovation. Den meisten Menschen in Homeoffice ist klar, dass 100% HO selten sinnvoll ist, aber warum viele Chefs selbst tageweise ablehnen obwohl die Produktivität eben aufgrund des Entfalls des "Sozialkrams" oft sogar höher ist, das wissen nur diese Führungskräfte selbst. Mein Chef hat längst erkannt, dass er von dem was ich tue keine 20% versteht und demzufolge auch wenig "Kontrolle" über mich und meine Arbeit hat. Scheint ihn wenig zu stören weil das Endergebnis offensichtlich für sich spricht.

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10.06.2021

Könnte bitte ein Link auf die Ergebnisse der Befragung, des Beauftragten Institutes, die die Fragen und die Ergebnisse beinhalten veröffentlichen werden.

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10.06.2021

https://www.fom.de/2021/mai/fom-befragung-2021-beschaeftigte-wollen-nach-corona-zurueck-in-betriebe.html

Auf dieser Seite dann den Link rechts unter dem Bild klicken.

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