Hubert Aiwanger ist ein pragmatischer Politiker. Er weiß, wie sehr Unternehmer unter dem Wust an bürokratischen Auflagen leiden, ob die Regelungen aus Brüssel oder Deutschland kommen. Dem bayerischen Wirtschaftsminister ist bewusst, dass Politiker, auch wenn sie wie er viel in den Regionen des Freistaats unterwegs sind, nur von einem Bruchteil der Regelungen erfahren, die Firmeninhabern und ihren Beschäftigten das Leben schwer machen. Weil der stellvertretende Ministerpräsident fordert, „dass Deutschland wieder wirtschaftsfreundlicher werden muss“, hat er für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung „Mutmacher 2026“ der Augsburger Allgemeinen und des Handelsverbandes Bayern einen praktischen Vorschlag bei seinem Auftritt am Mittwochabend in Augsburg mitgebracht. Damit sich unter Unternehmerinnen und Unternehmern nicht unnötig Frust breitmacht, schlägt der Freie-Wähler-Chef vor: „Melden Sie sich vorher zu Wort. Sie haben alle das Recht und die Pflicht dazu, laut zu sein und sich an ihre Abgeordneten, ja auch an einen Minister wie ihn, zu wenden, um nicht von Bürokratie kaputtgemacht zu werden.“ Das Land dürfe nicht von der Regelungs-Wut an die Wand gespielt werden.
Wie Bürokratie den Bau von Wohnungen verhindert
Nach dem Augsburger Aiwanger-Appell sind Menschen in Bayern also dazu aufgefordert, rechtzeitig den Finger zu heben, auf Bürokratie-Auswüchse hinzuweisen, um die Politik zum Handeln zu animieren und Schlimmeres zu verhindern. Das ist Bürger-Beteiligung der neuen Art. Bei seinen Reisen durch den Freistaat begegnet Aiwanger immer wieder abschreckenden Beispielen von Regelungswut. „Da könnte man in die Tischkante beißen“, sagt er entsetzt. So hat er die Inhaber der Römerbad Klinik in Bad Gögging besucht. Sie versuchen seit rund zwei Jahren, ein Haus mit Wohnungen für Beschäftigte zu bauen, und kommen nicht voran. Dabei machen es viele Jobsuchende zur Voraussetzung, dass sie eine Wohnung finden. Doch ehe die Baugenehmigung in Bad Gögging erteilt wird, muss ein Vogelkundler mehrfach kommen, um zu erkunden, ob es dort Haselmäuse und Höhlenbrüter gibt.
Warum Mutmacher so wichtig sind
Aiwanger hat sich selbst „die verlotterte Wiese angeschaut“ und schüttelt den Kopf: Natürlich müssten die Belange des Naturschutzes berücksichtigt werden, aber ein Bau dürfe nicht so lange verzögert werden. Deshalb fordert der Wirtschaftsminister: „Wir sollten in Deutschland wieder etwas weniger perfekt werden.“ Die Vertreterinnen und Vertreter des Handels wünscht er, Mut zu investieren und ihre Interessen durchzusetzen. Dazu gehöre, dass Kunden weiter in den Innenstädten Waren mit dem Auto abholen können. Auch hier plädiert Aiwanger für pragmatische Lösungen. Er wünscht sich einen starken lokalen Handel und ebensolche Medienhäuser als Basis für eine resiliente, eben solide und widerstandsfähige Gesellschaft. Das ist ganz im Sinne der beiden Gastgeber der Mutmacher-Veranstaltung, Andreas Schmutterer, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Augsburger Allgemeinen, und Andreas Gärtner, Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbandes Bayern. Beide sind überzeugt, dass gerade in Zeiten wie diesen Optimisten, ja Macher und Mutmacher besonders gefragt sind.
Dass es im Handel zupackende, innovative und zuversichtliche Menschen gibt, zeigte die von Andrea Wenzel, Redakteurin und Wirtschaftsexpertin der Augsburger Allgemeinen, moderierte Diskussionsrunde. Eine der Mutmacher aus dem Handel ist Niko Stammel, Geschäftsführer des gleichnamigen Textilhauses mit dem Hauptsitz in Buchloe im Allgäu. Das Stammhaus gibt es seit 1904. Es bietet heute ein Textil-Vollsortiment auf einer Verkaufsfläche von 1900 Quadratmetern. Die Inhaber haben bewegte Zeiten erfolgreich überdauert, allein dieser Umstand reiht sie in die Gilde der Mutmacher ein. Niko Stammels Devise lautet: „Go, go, go!“ Der Unternehmer hat erkannt, „dass er mal loslassen und seine Beschäftigten machen lassen muss, auch wenn sie einen Fehler machen.“ Eine Erkenntnis des Abends ist auch: Inhaber von Textilhäusern nennen ihre Beschäftigten Beraterinnen und Berater. Sie haben hohen Respekt vor ihrer Arbeit. Für den Unternehmer Stammel hängt der Erfolg der Firma von „einem treuen Kundenstamm, fairen Preisen und gut ausgebildeten Mitarbeitern ab, die auch beim Wareneinkauf Verantwortung übernehmen und immer ein offenes Ohr für die Wünsche der Kundschaft haben“.
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