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Audi-Chefs im Interview: KI soll keine Mitarbeiter ersetzen

Interview

Audi-Vorstand verspricht: „Es gibt keinen weiteren Stellenabbau“

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    Die beiden Audi-Vorstände Xavier Ros (Personal, links) und Gerd Walker (Produktion) im Doppel-Interview mit unserer Redaktion in Ingolstadt.
    Die beiden Audi-Vorstände Xavier Ros (Personal, links) und Gerd Walker (Produktion) im Doppel-Interview mit unserer Redaktion in Ingolstadt. Foto: Audi

    Herr Ros, Audi setzt zunehmend künstliche Intelligenz im Unternehmen ein. Worauf kommt es dabei aus Ihrer Sicht als Personal-Vorstand an?

    XAVIER ROS: Der Mensch steht für mich auch beim Einsatz künstlicher Intelligenz im Mittelpunkt. Wir qualifizieren die Menschen für den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Allein in den vergangenen zwei Jahren hatten wir rund 25.000 Teilnahmen an entsprechenden Schulungen. Jetzt gehen wir in die Breite und starten Ende März eine Qualifizierungs-Offensive für Daten und KI für alle Mitarbeitenden an den deutschen Standorten.

    Herr Walker, wo und wie arbeitet Audi schon in der Produktion mit künstlicher Intelligenz?

    GERD WALKER: Wir setzen KI in Produktion und Logistik bereits an vielen Stellen und sogar in der Großserienfertigung unserer Audi-Modelle ein. Ein Beispiel in der Qualitätsüberwachung ist eine bildverarbeitende KI. Sie überprüft Labels an Fahrzeugen in der Montage.

    Welche Labels?

    WALKER: Hier geht es um Aufkleber, die Autofahrer sicher kennen und unter anderem aufzeigen, welcher Kraftstoff erlaubt ist oder welchen Reifendruck man beachten sollte. Dank der KI wird geprüft, ob das Label auf dem richtigen Bauteil aufgeklebt und in der korrekten Position angebracht ist. Dann wird automatisch mit künstlicher Intelligenz untersucht, ob Inhalt und Sprache auf dem Label für das Land, in welches das Fahrzeug verkauft wird, korrekt sind. Für uns ist klar: Künstliche Intelligenz ist ein Quantensprung. Die Produktion wird effizienter. Wir verwandeln unsere Werke in denkende Fabriken. 

    Besteht die Gefahr, dass Menschen durch den Einsatz künstlicher Intelligenz arbeitslos werden?

    WALKER: Künstliche Intelligenz soll den Menschen bei Audi unterstützen und nicht ersetzen. Wir wollen Menschen den Freiraum geben, kreative Arbeiten anzunehmen, und wir wollen sie von zum Beispiel ergonomisch belastenden Tätigkeiten entlasten. Das wird außerdem in Zeiten des Fachkräftemangels und in einer alternden Gesellschaft immer wichtiger. 

    Im Audi-Werk Neckarsulm gibt es eine besonders interessante KI-Anwendung.

    WALKER: Wir haben bei Audi in Produktion und Logistik über 100 KI-Anwendungen in verschiedenen Reifegraden aktuell im Einsatz. Eine der vielen Anwendungen besteht darin, dass ein Kamerasystem im Karosseriebau in Neckarsulm mit KI-Technik überprüft, ob Schweißspritzer am Unterboden einer Karosserie im Fertigungsprozess entstanden sind. Diese Metallablagerungen können entstehen, wenn unterschiedliche Materialien miteinander verbunden werden – das ist völlig normal.

    Die 2019 verstorbene Auto-Legende Ferdinand Piëch hat einst auch Audi geführt. Er war berüchtigt dafür, Spaltmaße bei Autos zu messen und Abweichungen anzuprangern. Würde ihm seine Leidenschaft heute von einer KI weggenommen?

    WALKER: Bei Audi werden schon seit längerem Spaltmaße zwischen Karosserieteilen über den Gesamtprozess von Karosseriebau bis in die Montage gemessen und digitalisiert. Das passiert in Messzellen. Abweichende Spaltmaße zu erkennen, ist dank Kameratechnik relativ einfach.

    Herr Ros, beim Einsatz von KI stellen sich ethische Fragen. Müssen Sie als Personal-Vorstand, der um das Wohl der Audianerinnen und Audianer besorgt ist, den KI-Experten auf die Finger klopfen?

    ROS: KI ist eine Schlüsseltechnologie unserer Zeit. Entscheidend ist ein verantwortungsvoller und gesetzeskonformer Einsatz. Dafür haben wir eine Grundsatzerklärung verabschiedet. Klar ist auch, dass KI-Algorithmen bei Audi keine Entscheidungen über Menschen treffen. Ich sehe den Einsatz von KI positiv: Sie ist zum Beispiel ein Hebel für mehr Effizienz im Personalbereich.

    Wie wird KI bei Audi im Personalbereich eingesetzt?

    ROS: Es geht bei Audi nicht darum, durch KI Personal zu ersetzen, sondern Mitarbeitende bei wiederkehrenden Tätigkeiten zu entlasten und Freiräume für sie zu schaffen, damit sie ins Gespräch kommen, strategisch arbeiten und zusammen innovative Lösungen für das Unternehmen entwickeln können. KI greift Beschäftigten unter anderem bei der Abarbeitung bürokratischer Aufgaben unter die Arme. Wir setzen zum Beispiel überall im Unternehmen verschiedene KI-Chatbots ein.

    Also KI-Assistenten, die Beschäftigte nutzen können.

    ROS: Genau. Ein anderes Beispiel sind KI-gestützte Videos, die wir entwickelt haben, um Beschäftigte schnell und niedrigschwellig über die beiden sozialverträglichen Möglichkeiten zu informieren, frühzeitig freiwillig aus dem Unternehmen auszutreten. Hier geht es um Altersteilzeit und das Vorruhestandsprogramm. 

    Die Audi-Führung hat mit der Arbeitnehmerseite vereinbart, dass bis Ende 2029 bis zu 7500 Stellen in Deutschland abgebaut werden. Müssen Beschäftigte, die vorzeitig gehen wollen, mit einem KI-Chatbot verhandeln? Das kann doch nicht sein.

    ROS: Nein, Beschäftigte können sich vorab dank der KI-erzeugten Videos darüber informieren, wie etwa eine Vorruhestands-Regelung funktioniert. Dieses Angebot wird sehr gut angenommen. Den individuellen Austritt vereinbaren die Mitarbeitenden am Ende aber nicht mit einem KI-Chatbot, sondern mit Beschäftigten aus dem Personalbereich. Die Mitarbeitenden können sich jederzeit mit ihren Fragen an den Personalbereich wenden.

    Das ist beruhigend.

    ROS: Die KI-gestützte Information ist nur die erste Anlaufstelle. Am Ende finden Gespräche von Mensch zu Mensch statt. Wir setzen KI auch als Hilfsmittel ein, wenn Beschäftigte das Unternehmen verlassen und andere Mitarbeitende deren Aufgaben übernehmen.

    Wie funktioniert das denn?

    ROS: Wir haben eine Wissens-Stafette eingerichtet, die Beschäftigte im Übergang dabei unterstützt, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten für die Weitergabe zu dokumentieren. So geht Wissen nicht verloren. Dabei kommt auch KI zum Einsatz. Begleitet wird dieser Prozess von den Kolleginnen und Kollegen der Personalabteilung.

    Wie geben Beschäftigte ihr Wissen weiter?

    ROS: Mitarbeitende, die uns verlassen, erfassen strukturiert wichtige Informationen, E-Mails, Kontaktpersonen oder Arbeitsweisen, die für ihre Arbeit bedeutend waren. So wird eine Art Basiswissen für Beschäftigte erstellt, die sich dann bei der Übernahme der Aufgaben leichter tun. Der Clou der Anwendung ist: Die KI fragt den Beschäftigten Schritt für Schritt die wichtigsten Informationen, die er besitzt, ab. Das ist weitaus effektiver, als wenn Audianerinnen oder Audianer ihr Wissen selbst aufschreiben würden. 

    Wie viele Beschäftigte haben sich bislang freiwillig bereit erklärt, frühzeitig Audi zu verlassen?

    ROS: Wir haben vereinbart, dass bis Ende 2027 bereits bis zu 6000 Stellen der insgesamt bis zu 7500 abgebaut werden. Wir befinden uns hier auf einem sehr guten Weg. Wir haben bereits 65 Prozent der bis zu 6000 geplanten Personalanpassungen heute schon umgesetzt oder vertraglich fixiert. Entweder haben uns diese Mitarbeitenden schon verlassen oder Vereinbarungen getroffen, wann und wie sie ausscheiden. 

    Doch ist es für ein Unternehmen nicht gefährlich, wenn so viele ältere, erfahrene und stresserprobte Beschäftigte Audi verlassen? Es lässt sich nicht das ganze Erfahrungswissen mit KI-Stafetten weitergeben.

    ROS: Das ist kein neues Phänomen für Audi. Irgendwann gehen geschätzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ruhestand. Und wir geben das Wissen an die Beschäftigten weiter, welche die Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig ermitteln wir gemeinsam mit den Fachbereichen frühzeitig Zukunftsfelder und leiten daraus Kompetenzbedarfe ab. So wissen wir, wo wir die bestehende Belegschaft gezielt qualifizieren, junge Menschen ausbilden oder Personal aufbauen müssen. Es gibt keinen Einstellstopp bei Audi. In Engpassqualifikationen stellen wir immer noch Leute ein. 

    Die Audi-Belegschaft wird jedenfalls immer jünger.

    ROS: Natürlich verjüngt sich unsere Belegschaft. Zuletzt lag das Durchschnittsalter in der Audi AG bei 44,1 Jahren. Fest steht aber auch: Es wird keinen weiteren Stellenabbau über die vereinbarten 7500 Arbeitsplätze hinaus geben. Die Beschäftigungsgarantie bis Ende 2033 gilt. Keiner muss sich um seinen Arbeitsplatz sorgen. Es gibt keine betriebsbedingten Kündigungen. 

    Doch nun sollen auch Roboter, die nach dem Ebenbild des Menschen geformt werden, in die Produktion einziehen. Es gibt gespenstisch anmutende Bilder von Mercedes mit solchen humanoiden Robotern, die den Stern auf der Brust tragen. Experimentiert Audi hier auch?

    WALKER: Das ist nicht nur ein Hype. Das Thema bleibt. Humanoide Roboter sind sehr interessant. Auch bei Audi laufen hier verschiedene Tests, unter anderem in China und Ungarn. In einer Übergangsphase könnten solche Roboter zum Einsatz kommen.

    Haben diese Roboter dann Beine?

    WALKER: Langfristig habe ich Zweifel, dass jene Roboter in der Produktion auf die humanoide Formgebung beschränkt sein werden und zum Beispiel Beine haben. Unser Ziel ist es, Robotern durch KI Umgebungs- und Kontextbewusstsein zu geben, um die heutigen Grenzen der Automatisierung zu überwinden. Das Wichtigste aber ist, dass Menschen und Roboter kollaborativ, also Hand in Hand, zusammenarbeiten können.

    Tragen Ihre in China und Ungarn getesteten menschenähnlichen Audi-Roboter die vier Ringe auf der Brust?

    WALKER: Unsere Roboter tragen nicht die Audi-Ringe auf der Brust, aber Audi-Know-how in ihrer DNA. Unser Wissen rund um die Produktion von Autos bringen wir mit der Expertise starker Partner zusammen. So haben wir zum Beispiel mit einem Schweizer Unternehmen eine Roboter-Hand getestet, mit der sich biegeschlaffe Teile montieren lassen. Das konnten Roboter bisher nicht. Im Forschungsprojekt „Next2OEM“ untersuchen wir darüber hinaus, wie Kabelbäume für Autos, die bislang über lange Lieferketten ins Werk kommen, direkt an der Produktionslinie automatisch von Maschinen und Robotern aufgebaut und eingebaut werden. Die Produktion von Kabelbäumen, die mit viel Handarbeit im Ausland gefertigt wurden, kann so wieder zu uns zurückgeholt werden.

    Und, Herr Ros, sind menschenähnliche Roboter neue Mitarbeitende für Sie, um die Sie sich als Personal-Chef kümmern müssen?

    ROS (LACHT): Nein. Für uns bei Audi gilt: KI und Roboter unterstützen – der Mensch entscheidet.

    Zur Person

    Xavier Ros, 54, stammt aus Barcelona. Dort studierte er Maschinenbau. Ros begann seine Karriere 1994 in der Produktionslogistik bei Audi in Ingolstadt. 1999 wechselte er in die technische Entwicklung von Seat. Im Jahr 2002 wurde Ros zum Seat-Generalsekretär berufen und 2011 zum Personalleiter von Seat ernannt. 2015 stieg der Manager zum Vorstand für Personal und Organisation bei Seat auf. Ros ist seit 2022 Arbeitsdirektor und Mitglied des Vorstands der Audi AG für den Geschäftsbereich Personal.

    Gerd Walker, 56, stammt aus Reutlingen. Er startete bei Audi als Werkstudent für Maschinenbau im Jahr 1997. Nach seinem Diplom an der Universität Stuttgart folgte 1998 seine erste Stelle als Konzeptplaner in der Produktion bei Audi in Ingolstadt. Im Jahr 2012 übernahm der Manager die Geschäftsführung für die Fahrzeugproduktion bei Audi Hungaria in Győr. 2016 wechselte er in den Konzern und übernahm die Leitung der „Strategischen Produktionsplanung“ in Wolfsburg. Ab 2018 leitete Walker die Volkswagen-Konzern-Produktion in Wolfsburg. Seit 2022 ist er Mitglied des Vorstands der Audi AG, verantwortlich für das Ressort Produktion und Logistik. 

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