Herr Lauber, der Augsburger Motoren- und Turbomaschinenbauer MAN Energy Solutions heißt seit Juni vergangenen Jahres Everllence. Sie konnten sich damals zum Start des neuen Firmen-Namens drei T-Shirts mit der Aufschrift „Everllence“ sichern. Haben Sie die T-Shirts noch und tragen Sie diese auch?
UWE LAUBER: Ich habe inzwischen an die zehn Everllence-T-Shirts, die ich trage. Das schwarze mit der roten Aufschrift „Everllence“ gefällt mir am besten. Inzwischen gibt es sogar Everllence-Socken als Werbegeschenk. Ich habe solche flauschig-weichen Socken mit nach Hause genommen. Und was ist passiert?
Ja, was ist passiert?
LAUBER: Meine beiden Söhne haben meine Everllence-Socken entwendet. Denn plötzlich tragen junge Menschen wieder derartige weiße Tennis-Socken wie in meiner Jugend. Dafür habe ich inzwischen zwei Everllence-Jacken. Das MAN-Logo verschwindet sukzessive aus unserem Firmen-Fundus.
So ganz nicht. Manche Beschäftigten tragen nach wie vor Kleiderstücke mit MAN-Aufschrift. In Augsburg sagt kaum einer, er arbeite bei Everllence. Die meisten Menschen in der Stadt sprechen von MAN, ältere Augsburgerinnen und Augsburger standhaft von „dem Diesel“. Ärgert Sie das?
LAUBER: Im Gegenteil. Ich bin stolz auf unsere Wurzeln. Ich nehme Mitarbeitern nicht übel, wenn sie MAN-T-Shirts tragen. Ich verstehe auch, dass viele in der Stadt noch von der MAN oder dem Diesel sprechen. Das wird Jahre so bleiben. In Berlin ist es ähnlich. Wenn ich dort am Flughafen in ein Taxi steige, sage ich nicht: Ich will zu Everllence oder MAN, sondern: Ich will zu den Borsig-Werken.
Sehen Sie die MAN-Standhaftigkeit vieler Menschen wirklich so gelassen?
LAUBER: Ich fühle mich sogar geehrt, wenn ein Beschäftigter ein MAN-T-Shirt trägt. Denn Zukunft braucht Herkunft. Wir verleugnen nicht unsere Vergangenheit. Deshalb stehen wir heute da, wo wir sind. Welcher Chef einer Firma kann schon wie ich sagen, dass er auf 268 Jahre Tradition zurückblickt? Und auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat bei seinem Besuch unseres Standortes in Texas kürzlich versehentlich von MAN gesprochen.
Haben Sie ihn korrigiert?
LAUBER: Nein, das ist doch in Ordnung, zumal er sich gleich korrigiert hat.
Und was sagen Kunden zu dem gewöhnungsbedürftigen Wort „Everllence“. MAN ist schließlich eine Weltmarke.
LAUBER: Bei unseren Kunden hat sich der Name „Everllence“ etabliert. Schließlich steckt im ersten Namensteil die Assoziation an „first ever“, also der Allererste, was ein Hinweis auf die Innovationskraft des Unternehmens ist. In Augsburg wurde schließlich von Rudolf Diesel der Dieselmotor erfunden und wir bauen heute als Klimawende-Unternehmen, das entscheidend mithilft, CO₂ zu vermeiden, die größten Wärmepumpen der Welt.
Und wie verhält es sich mit dem zweiten Namensbestandteil?
LAUBER: Vor diesem zweiten Namensteil „llence“ sollen die vier Buchstaben „Exce“ hinzugedacht werden. Zusammen ergibt das „Excellence“. Denn so wollen wir unsere Geschäfte führen, exzellent. Am Ende stand der neue Name „Everllence“.
Volkswagen rechnet sich mit dem Teilverkauf von Everllence exzellente Einnahmen aus. Zuletzt hieß es, das Augsburger Unternehmen würde insgesamt mit rund acht Milliarden Euro bewertet, während im vergangenen Jahr noch von etwa sechs Milliarden Euro die Rede war. Betrübt Sie der anstehende Verkauf, nachdem Sie nach einer schweren Krise das Unternehmen zu immer neuen Rekorden geführt haben?
LAUBER: Im Gegenteil: Ich bin nicht betrübt, ich freue mich auf die Zukunft.
Was erwarten Sie von einem neuen Investor?
LAUBER: Ein neuer Investor hat eine klare Idee zur Weiterentwicklung. Er wird uns beim Wachstum helfen und uns bei einem zukünftigen Börsengang unterstützen. Es ist ein sehr gutes Zeichen für die Belegschaft, dass der Volkswagen-Konzern plant, weiter Anteile an Everllence zu halten.
Es wird ja spekuliert, der neue Investor oder die neuen Investoren könnten 51 Prozent übernehmen, während der Rest von Volkswagen gehalten wird. Sie sagen sicherlich nichts zur Bieterschlacht um Everllence und ihren Wunsch-Investor.
LAUBER (LACHT): Genau. Dazu sage ich nichts. Das sind alles Themen für VW.
Aber sicher sagen Sie mehr zum Amerika-Geschäft: Wie schneidet Everllence in den USA angesichts der happigen Zölle des Protektionisten Trump ab?
LAUBER: Im texanischen Houston beschäftigen wir rund 250 Menschen. Über diesen Hub steuern wir unser Geschäft in Nord- und Südamerika und wickeln den Service in den USA ab, also etwa Reparaturen.
Wie stark leiden Sie also unter den US-Zöllen?
LAUBER: Unsere Produkte sind einzigartig. Für solche Produkte, also etwa unsere Vier-Takt-Motoren aus Augsburg, gibt es auf dem amerikanischen Markt keinen eigenen Anbieter. Es existiert dort nur ein Lizenznehmer, der unsere Motoren für die amerikanische Navy fertigt. Das US-Militär setzt also im Schiffsbereich auf Technologie aus Augsburg.
Wie wichtig ist das Rüstungsgeschäft für Everllence?
LAUBER: Insgesamt erzielen wir rund zehn Prozent unseres Auftragseingangs mit Schiffsmotoren für Marine und Küstenwache. Das Geschäft wächst, auch in den USA. Übrigens: Auch unsere Konkurrenz, also der finnische Schiffsmotorenbauer Wärtsilä, bedient den US-Markt wie wir überwiegend aus Europa aus. Wir geben die Zölle dabei an unsere amerikanischen Kunden weiter.
Damit bezahlen amerikanische Unternehmen die Zeche für die Zölle Trumps.
LAUBER: Ja, die Kunden sind nicht begeistert und zahlen eben die Importzölle. Manche handeln Ausnahme-Genehmigungen aus. Was den US-Markt betrifft, befinden wir uns durch die Einzigartigkeit unserer Produkte in einer komfortablen Situation, ob es um Wärmepumpen oder Kraftwerksmotoren für Data-Center geht.
Liefert Everllence also Motoren für die Server-Farmen, die im Zuge des Künstliche-Intelligenz-Booms gebaut werden? Diese Data-Center verschlingen Unmengen Energie.
LAUBER: Künstliche Intelligenz ist für uns ein enormer Wachstumstreiber. Dabei liegen etwa 50 Prozent des KI-Marktes in den USA. Für Everllence bietet der Markt der Googles, Metas und Microsofts viel neues Wachstum. Die Stromversorgung für diese Rechenzentren stellen wir durch die von uns gelieferten und mit Gas angetriebenen Kraftwerke bereit. Gas hat eine bessere CO₂-Bilanz als Schweröl. Wir bleiben eine Dekarbonisierungs-Company. Früher wiesen solche Kraftwerke eine durchschnittliche Leistung von rund 30 Megawatt auf. Hierfür reichten High-Speed-Motoren mit durchschnittlich zwei Megawatt aus, die damals auch von US-Anbietern geliefert wurden.
Und heute?
LAUBER: Heute hat ein durchschnittliches Datencenter einen Leistungsbedarf von 250 bis 500 Megawatt. Da kommen unsere ganz großen Aggregate aus Augsburger Produktion zum Einsatz, die zum Teil an unserem französischen Standort in Saint-Nazaire komplettiert und dann per Schiff in die USA verfrachtet werden. Das Geschäft mit Motoren für Data-Center ist für uns ein Big Business - und das nicht nur in Amerika. Über Ostern haben wir etwa 36 Motoren für ein Rechenzentrum in Großbritannien verkauft.
Wie lange müssen Google & Co. auf die Augsburger Motoren für die Rechenzentren warten?
LAUBER: Wir sprechen heute mit Kunden über Motoren für ihre Rechenzentren, die wir erst in den Jahren 2030 und 2031 liefern können. Unsere Hütte in Augsburg ist voll. Es gibt viel Arbeit für die Beschäftigten. Bei uns stehen Aufträge im Wert von rund 4,5 Milliarden Euro in den Büchern, was einen Standort wie Augsburg auf Jahre auslastet.
Everllence ist also weiter auf Rekordkurs.
LAUBER: Wir fahren seit sechs Jahren ununterbrochen Rekorde ein. Im vergangenen Jahr belief sich unser Auftragseingang auf 5,8 Milliarden Euro gegenüber 5,3 Milliarden Euro in 2024. In diesem Jahr wollen wir uns Aufträge von über 6,0 Milliarden Euro sichern. Beim Umsatz haben wir entsprechend von 4,3 Milliarden Euro in 2024 auf 4,9 Milliarden Euro zugelegt.
Die Rekordfahrt geht also weiter.
LAUBER: Die Fünf-Milliarden-Schwelle beim Umsatz werden wir mit Sicherheit in diesem Jahr knacken. Unsere Mannschaft hat nach der Krise wirklich die Wende geschafft. Die operative Rendite lag zuletzt, wenn man Einmaleffekte herausrechnet, im zweistelligen Prozentbereich. Dabei hat unser Unternehmen ein noch größeres Potenzial.
Konnte Everllence die Zahl der Beschäftigten in Augsburg weiter steigern? In Krisenzeiten war ein Rückgang von 4400 auf rund 3600 Mitarbeitende zu verzeichnen.
LAUBER: Für uns arbeiten jetzt rund 4500 Menschen in Augsburg. Damit haben wir nach Überwindung der Krise und durch die erfolgreiche Neuaufstellung rund 900 Arbeitsplätze allein in Augsburg geschaffen. Insgesamt arbeiten etwa 15.000 Menschen für das Unternehmen.
Bauen Sie weiter Personal in Augsburg auf?
LAUBER: Wir sind jetzt, was den Personalstand in Augsburg betrifft, an eine Grenze gestoßen. Die Zahl der Mitarbeitenden wird erstmal stabil bleiben. Jetzt setzen wir alle Energie daran, Aufträge in Umsätze zu verwandeln. Und dann müssen wir überlegen, wie wir unsere Produktionskapazitäten ausweiten.
Wächst der Standort Augsburg weiter?
LAUBER: Wir sind hier noch in Diskussionsprozessen. Zum Teil sind Zulieferer nicht in der Lage, so viele Teile zu liefern, wie wir benötigen. Zum Glück können wir in Augsburg auf unsere eigene Gießerei zurückgreifen. Es war goldrichtig, damals, in der Krise an der Gießerei festzuhalten. Um sie auszulasten, haben wir für die Gießerei zusätzlich Fremdaufträge reingeholt.
Die Gießerei stand in der Krisenzeit auf der Kippe.
LAUBER: Und heute reichen die Kapazitäten angesichts des boomenden Geschäfts nicht mehr aus, denn auch unsere neuen Drittkunden wollen wir weiter versorgen. Für die riesigen Gehäuse der Motoren, die wir in Augsburg gießen, brauchen wir daher einen weiteren Lieferanten, also die Dienste einer weiteren Gießerei. Doch es gibt nicht mehr viele Gießereien in Europa, zumal einige in der Corona-Zeit pleitegegangen sind.
Wie lange währt der Data-Center-Boom?
LAUBER: Die nächsten fünf Jahre sollte er weiter anhalten.
Um Everllence muss einem in den nächsten fünf Jahren also nicht bange sein.
LAUBER: Es geht weiter aufwärts.
Alles klappt in der Everllence-Welt nicht. Sie hatten große Erwartungen in einen Hochlauf der Wasserstoff-Wirtschaft gesetzt und entsprechende Technologien entwickelt. Doch das Geschäft läuft nur schleppend. Waren Sie zu optimistisch?
LAUBER: Der Hochlauf der Wasserstoff-Wirtschaft ist ins Stocken geraten und hat sich bei Weitem nicht so positiv entwickelt, wie wir das angenommen haben. Das hat sich negativ auf unsere Wasserstoff-Firma Quest One ausgewirkt, die Elektrolyseure für die Wasserstoffherstellung produziert. Deswegen musste Quest One 120 Arbeitsplätze abbauen und beschäftigt jetzt noch rund 400 Frauen und Männer.
Was passiert mit dem in Augsburg ansässigen Unternehmen Quest One?
LAUBER: Das Unternehmen ist ab dem zweiten Quartal dieses Jahres keine Everllence-Tochter mehr, sondern direkt bei Volkswagen eingegliedert. Für die Beschäftigten ändert sich dadurch nichts, aber Quest One bekommt die Zeit, die es braucht, um im entstehenden Wasserstoffmarkt erfolgreich sein zu können. Ich glaube fest daran, dass sich Wasserstoff langfristig durchsetzen wird.
Zur Person
Uwe Lauber, 59, ist seit 2015 Vorsitzender des Vorstandes des Augsburger Unternehmens Everllence, das zuvor MAN Energy Solutions hieß. Viele werden das Unternehmen noch unter dem ursprünglichen Namen MAN Diesel & Turbo kennen. Lauber wurde in Bad Säckingen geboren, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der Manager ist Mitglied des Nationalen Wasserstoffrates der Bundesregierung.
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