Herr Fuest, die meisten Wirtschaftsinstitute haben in den vergangenen Jahren mehr Wachstum vorausgesagt, als letztlich zustande gekommen ist. Wie blicken Sie auf 2026? Gibt es nun mehr Grund für Optimismus?
CLEMENS FUEST: Im Jahr 2026 wird die Bundesregierung hohe Schulden aufnehmen und mehr Geld ausgeben. Das wird die Konjunktur kurzfristig beleben. Leider steht dem eine schwache Entwicklung der Privatwirtschaft gegenüber. Vor allem die privaten Investitionen entwickeln sich schwach. Wir rechnen damit, dass das Wachstum im kommenden Jahr höher ist als 2025, aber nur geringfügig.
Welche Rolle spielen dabei das Infrastruktur-Sondervermögen der Bundesregierung und die steigenden Verteidigungsausgaben?
FUEST: In diesen beiden Bereichen werden erheblich Schulden aufgenommen. Das wird die Konjunktur beleben. Fraglich ist, ob dabei mehr als ein Strohfeuereffekt herauskommt. Das hängt davon ab, wie das Geld ausgegeben wird. Im Bundeshaushalt werden Investitionen gekürzt und in das Sondervermögen verlagert. Dadurch entsteht im Bundeshaushalt Spielraum für andere Ausgaben. Durch diese Zweckentfremdung der durch Schulden beschafften Mittel kommt es dazu, dass öffentlicher Konsum auf Pump finanziert wird. Für Infrastruktur bleibt dann weniger Geld übrig, und die langfristigen Wachstumseffekte durch bessere Infrastruktur, die versprochen wurden, fallen kleiner aus.
Eine Grafik Ihres Instituts hat es 2025 zur Berühmtheit gebracht, dass die Investitionen der Wirtschaft und des Staates immer weiter auseinanderklaffen. Die Privatwirtschaft investiert weniger, der Staatskonsum steigt. Warum ist das ein Problem?
FUEST: Die Grafik zeigt, dass die Staatsausgaben sich von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung gelöst haben und immer mehr expandieren. Das erklärt die wachsenden Defizite in den öffentlichen Haushalten. Gleichzeitig sinken die Investitionen und damit das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft. Das Produktionspotenzial bestimmt, wie viel die Wirtschaft bei normaler Konjunktur leisten kann. Ein sinkendes Produktionspotenzial ist gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Niedergang. Es ist höchste Zeit, diesen Trend umzudrehen.
Die Wirtschaftskraft wirkt sich auch auf die Rentenfinanzierung aus. Hat die deutsche Politik im Vergleich zu anderen Ländern verschlafen, sich auf den demografischen Wandel vorzubereiten?
FUEST: In Deutschland verlässt man sich sehr stark auf das Umlagesystem, in dem nichts angespart wird und Renten aus laufenden Rentenversicherungsbeiträgen und Steuereinnahmen finanziert werden. Dieses System gerät durch die Alterung der Bevölkerung in Finanznöte. Die Politik gibt darauf bislang primär die Antwort, . Schon heute fließt rund ein Drittel der Steuereinnahmen des Bundes als Zuschuss in die Rentenkasse. Mit dem aktuellen Rentenpaket müssen die Zuschüsse weiter erhöht werden. Andere Länder machen das besser.
Wo müsste die Rentenpolitik in den kommenden Jahren aus Ihrer Sicht korrigiert werden?
FUEST: Die Renten müssen langsamer steigen als die Löhne, und die Lebensarbeitszeit muss steigen. Ähnliches gilt für Beamtenpensionen. Außerdem brauchen wir eine wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik, denn letztlich können gute Renten nur dann bezahlt werden, wenn die Wirtschaft schneller wächst als heute.
Blicken wir in der Wirtschaftspolitik zu sehr auf die Industrie? Auch im Mittelstand findet ein massiver Stellenabbau statt. Muss sich Deutschland um den Jobmotor der kleineren und mittleren Unternehmen Sorgen machen?
FUEST: Es ist sicherlich unzureichend, allein auf die Industrie zu schauen Neue Jobs entstehen derzeit vor allem im öffentlichen Sektor, auch im Gesundheits- und Pflegebereich. Das Problem besteht darin, dass die Beschäftigten dort aus Geldern bezahlt werden müssen, die nicht am Markt verdient werden, sondern durch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge erhoben werden. Das treibt die Kosten für den Rest der Wirtschaft in die Höhe, sowohl für die großen Industrieunternehmen als auch für den Mittelstand einschließlich des Handwerks.
Die Arbeitslosigkeit steigt inzwischen trotz Klage über Fachkräftemangel seit Jahren kontinuierlich an und verunsichert viele Menschen. Wie groß wird das Problem?
FUEST: Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist bislang überschaubar. Dazu trägt der demographische Wandel bei. Das wird auch in den kommenden Jahren der Fall sein. Die Krise der Industrie kann aber durchaus dazu führen, dass in besonders betroffenen Regionen größere Arbeitsmarktprobleme entstehen.
Ein Thema wird 2026 die Energiepolitik: Erneuerbare Energien brauchen ein Backup, falls die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Was halten Sie für sinnvoll? Gaskraftwerke oder kleine, moderne Atomkraftwerke, wie sie Ministerpräsident Markus Söder ins Gespräch gebracht hat?
FUEST: Derzeit sind nur Gaskraftwerke als Backup für Wind und Sonnenenergie plausibel. Der Ausstieg aus der Kernkraft war eine umfangreiche Vernichtung von Vermögen, der die Energiekosten in Deutschland in die Höhe getrieben hat. Dieser Ausstieg ist jedoch nur mit erheblichem Aufwand reversibel. Man sollte neue, flexible Typen von Kernkraftwerken als Option nicht ausschließen, aber kurzfristig ist der Wiedereinstieg wohl unrealistisch.
Wo liegen 2026 die Chancen des Standorts Deutschland?
FUEST: Die Chancen für den Standort Deutschland liegen darin, endlich zu wirtschaftspolitischen Reformen zu kommen, die das extreme Wachstum des öffentlichen Sektors eindämmen und die Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft wieder erhöhen. Es ist höchste Zeit, damit voranzukommen.
Zur Person
Professor Clemens Fuest, 57, ist seit 2016 Präsident des Ifo-Instituts mit Sitz in München. Der Diplom-Volkswirt studierte an den Universitäten Bochum und Mannheim. Er stammt aus Münster.
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