Herr Lau, chinesische Autobauer setzen deutschen Konkurrenten auf ihrem Heimatmarkt massiv zu und greifen verstärkt auch hierzulande an. Widerfährt dem deutschen Maschinenbau und damit der größten bayerischen Industriebranche nach der Autoindustrie ein ähnliches Schicksal?
CHRISTIAN LAU: Die Konkurrenz aus China wird uns künftig als Maschinen- und Anlagenbauer mehr fordern als in den vergangenen Jahren. Schließlich haben die Verantwortlichen in China den Automobilbau systematisch attackiert und sich Märkte gesichert. Nach dem chinesischen Fünf-Jahres-Plan kommen nun als nächste Branchen die Chemieindustrie und der Maschinenbau weltweit dran.
Wie gefährlich ist das für bayerische Maschinenbauer?
LAU: Bayerische Maschinenbauer müssen sich wärmer anziehen, zumal chinesische Konkurrenten stark aufgeholt haben. Wir müssen stets ein wenig besser als Wettbewerber aus anderen Nationen sein. Noch sind wir insgesamt ein Stück innovativer als Rivalen etwa aus China. Doch der Vorsprung wird kleiner. Deshalb haben die bayerischen Maschinenbauer in den vergangenen Jahren die Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöht. Unsere Betriebe sind innovativer denn je. Und unsere Beschäftigten sind hervorragend ausgebildet. Das ist ein enormer Standortvorteil.
Reicht das für die Maschinenbauer, um gegen die Konkurrenz aus Fernost zu bestehen?
LAU: Unsere Maschinenbauer müssen dazu ihre Betriebe noch stärker automatisieren und digitalisieren, auch weil Länder wie China einen erheblichen Vorteil bei den Lohnkosten gegenüber Deutschland haben. Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Produktivität wieder zu steigern. Der internationale Wettbewerb wird härter. Ich bin jedoch fest überzeugt: Viele internationale Märkte sind noch nicht gesättigt.
Was heißt das für die Maschinenbauer?
LAU: Die Unternehmen können weiterwachsen. Es wäre ein Fehler, den bayerischen Maschinenbau abzuschreiben. Wir sind noch aus allen Krisen gestärkt herausgekommen. Und wir haben im Freistaat das vergangene Jahr mit einem Plus beim Auftragseingang von real sechs Prozent abgeschlossen. Wir rechnen damit, dass die Mitarbeiterzahl von derzeit rund 227.500 in etwa konstant bleibt. Wir stehen nicht vor einem großen Aufschwung, sehen aber ein leichtes Wachstum. Klar ist auch: Wir sind weit weg von den Rekord-Jahren 2018 und 2019. Der Maschinenbau hat noch nicht das Niveau der Vor-Corona-Zeit erreicht.
Mercedes-Chef Ola Källenius hat im Spiegel eine Brandrede gehalten und festgehalten, Deutschland entwickle sich seit zehn bis 15 Jahren in die falsche Richtung. Das Land müsse dringend wettbewerbsfähiger werden.
LAU: Ich stimme den warnenden Worten von Herrn Källenius grundsätzlich zu. Doch der Maschinenbau hat etwas bessere Bedingungen als die Autoindustrie. So setzen unsere Betriebe alles daran, die Belegschaft auch in schwierigen Zeiten zu halten. Das liegt sicher daran, dass sich die Firmen meist in Familienbesitz befinden und anders als Auto-Konzerne handeln. Dabei hat der durchschnittliche bayerische Maschinenbau-Betrieb knapp 200 Beschäftigte.
Doch auch im bayerischen Maschinenbau gibt es Probleme.
LAU: Das stimmt, sind doch die Beschäftigtenzahlen leicht rückläufig. Die Kurzarbeit nimmt zu. Und viele unserer Unternehmen diskutieren, ob sie Produktion ins Ausland verlagern sollen. Deswegen auch mein Appell: Wir müssen uns mehr anstrengen.
Also mehr arbeiten?
LAU: Mit einer Vier-Tage-Woche und einer besseren Work-Life-Balance, wie das vielen vorschwebt, geraten wir in Deutschland und in Bayern in Schwierigkeiten angesichts einer härteren internationalen Konkurrenz.
Welche zusätzlichen Anstrengungen der Beschäftigten schweben Ihnen konkret vor?
LAU: Wir müssen uns fragen, ob wir die hohen Lohnkosten dauerhaft auf diesem hohen Niveau halten können. Wir brauchen weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungsverfahren. Der Staat muss nicht alles bis in die kleinsten Verästelungen regeln, sondern eine grobe Richtung vorgeben. Und wir brauchen flexiblere Arbeitszeit-Modelle. Deutschland wirtschaftlich voranzubringen, ist nicht so schwer, wenn man an einigen wichtigen Stellschrauben etwas dreht. So könnten wir in Deutschland 1,0 bis 1,5 Prozent mehr Wirtschaftswachstum holen. Das reicht, um Arbeitsplätze zu schaffen.
Wie stark würden Sie an der Arbeitszeit-Stellschraube drehen? Sollen wir alle bis 70 und rund 45 Stunden die Woche arbeiten?
LAU: Wir sollten uns an der Schweiz orientieren. Das ist kein Ausbeuter-Staat. Dort arbeiten die Menschen ein wenig mehr als wir. Wenn wir auch noch die Sozialabgaben ein bisschen auf ein Niveau wie in Nachbarstaaten reduzieren und die Körperschaftssteuer auf ein durchschnittliches europäisches Level senken, könnte das Unternehmern das Leben leichter machen. Wir brauchen keine radikalen Änderungen, sondern ein Bündel von Reformen.
Wie viel sollen wir denn mehr arbeiten?
LAU: Wir brauchen mehr Flexibilität. Wenn zum Beispiel die Beschäftigten in Deutschland jeden Tag bis zu einer Stunde mehr arbeiten, würde uns das erheblich voranbringen.
Ziehen die Menschen mit?
LAU: Ich glaube schon, denn viele Menschen haben vor Mehrarbeit weniger Angst als vor einer ungewissen Zukunft, wenn sie sich überlegen, ob sie und ihre Kinder in zehn oder 15 Jahren noch einen Arbeitsplatz haben. Voraussetzung ist, dass dies auch im Netto finanziell ankommt, dann wären sie sicher dazu bereit.
Wirklich?
LAU: Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Wir haben wunderbare Jahrzehnte hinter uns, jetzt sind die Bedingungen anders. Darauf müssen wir uns zukünftig einstellen.
Sie fordern also einen Aufbruch ein.
LAU: Ja, wir müssen weg vom permanenten Jammern und eine Aufbruchstimmung erzeugen. Wenn die EU dann noch Freihandelsabkommen wie zuletzt mit Indien und hoffentlich bald endgültig mit Südamerika schließt, gelingt uns in Deutschland wieder ein Wirtschaftsaufschwung. Unsere Firma, der Verpackungsmaschinenhersteller Multivac, ist seit rund 15 Jahren in Indien mit einer Vertriebs- und Serviceorganisation vor Ort und hat zuletzt ein Produktionswerk dort eröffnet. In Summe beschäftigen wir dort 100 Mitarbeiter. Das Freihandelsabkommen mit Indien ist ein Glücksfall für uns.
Der Hauptsitz von Multivac liegt in Wolfertschwenden, südlich von Memmingen, in einer boomenden Wirtschaftsgemeinde. Dort arbeiten mehr als 2400 Frauen und Männer für die Firma – und das bei gut 2100 Einwohnern. Der Gewerbesteuer-Hebesatz liegt in Wolfertschwenden nur bei 230 Prozent, während er 2025 im Bundesdurchschnitt bei 438 Prozent notierte. Ist Wolfertschwenden ein Modell für Deutschland?
LAU: In Wolfertschwenden wird eine sehr wirtschaftsfreundliche Kommunalpolitik gemacht. Hier kann man einfacher als Unternehmer erfolgreich sein. Wolfertschwenden zeigt, wie es geht. Die Gemeinde, ja das Allgäu ist ein Modell für Deutschland.
Wie begründen Sie das?
LAU: Im Allgäu gibt es viele arbeitsame und gut qualifizierte Menschen. Kommunalpolitiker handeln hier wirtschaftsfreundlich. Wie bei Multivac gibt es im Allgäu vielfach ein gutes Miteinander von Management und Belegschaft. Hier kommen also in Wolfertschwenden Faktoren zusammen, die anderswo in unserem Land nicht mehr anzutreffen sind. Auch deshalb ist die Arbeitslosigkeit gerade in der Region Memmingen so niedrig. Dabei profitiert der Wirtschaftsraum Allgäu von der guten Autobahn-Anbindung, dem Flughafen in Memmingen, der Nähe zu München und den hier sitzenden Hochschulen. Das passt einfach im Allgäu.
Vom Allgäu lernen heißt demnach siegen lernen, oder?
LAU: Wenn es Firmen wie Multivac hier im Allgäu gut geht, was der Fall ist, bekommt eine Gemeinde wie Wolfertschwenden von uns mehr Gewerbesteuer. Der niedrige Hebesatz zahlt sich aus für die Gemeinde. Für mich ist das ganz einfach: Wenn Unternehmen gedeihen, wird Wohlstand erzeugt. Danach kann man heftig darüber diskutieren, wie der Wohlstand zu verteilen ist. Wir laden Politiker gerne nach Wolfertschwenden ein, dann können sie sich anschauen, warum wir hier so erfolgreich sind. Kürzlich war Bayerns Finanzminister Albert Füracker bei Multivac.
Doch gegen den Protektionisten Trump hilft selbst die Allgäuer Erfolgsformel nicht. Wie sehr schadet die immer irrwitzigere Zoll-Politik des US-Präsidenten den bayerischen Maschinenbauern?
LAU: Die Zoll-Politik Trumps ist Gift für unsere Maschinen- und Anlagenbauer. Der Handel mit den USA ging massiv zurück. Erschwerend hinzu kommt, dass neben den allgemeinen Zöllen noch Zölle für Stahl und Aluminiumderivate anfallen. Uns trifft die Zoll-Politik Trumps also überproportional stark. Neben den finanziellen Nachteilen führen die Zoll-Regelungen in den Firmen zu einem enormen Verwaltungsaufwand. Es ist regelmäßig unklar, wie die Zölle auszulegen sind, was zu rechtlichen Streitereien mit US-Behörden führt.
Wie reagieren bayerische Unternehmen darauf?
LAU: Maschinen- und Anlagenbauer überlegen sich zunehmend, Fertigungsstätten von Deutschland in die USA zu verlagern. Die Zoll-Strategie zahlt sich für die USA nicht aus: Seit der Einführung der Zölle sind dort rund 70.000 Arbeitsplätze in der Produktion verloren gegangen. Die Amerikaner sind verwundbarer, als sie glauben.
Zur Person
Christian Lau, 47, ist der neue Vorstandsvorsitzende des VDMA in Bayern, also des Branchenverbandes für den Maschinen- und Anlagenbau. Dieses Ehrenamt bekleidet der promovierte Maschinenbau-Ingenieur neben seiner Tätigkeit als geschäftsführender Direktor (CTO und COO) des Verpackungsmaschinenherstellers Multivac in Wolfertschwenden südlich von Memmingen. Für das Unternehmen arbeiten weltweit rund 7400 Frauen und Männer, davon etwa 2400 in Wolfertschwenden. Vor seiner Zeit bei Multivac hat Lau an der Technischen Universität München eine Forschungsgruppe für Automatisierung und Robotik geleitet. Ehe er Maschinenbau studierte, absolvierte der Manager eine Banklehre. Lau ist in Heimenkirch im Westallgäu aufgewachsen, in Lindenberg zur Schule gegangen und ist treuer Abonnent der in der dortigen Region erscheinenden Zeitung „Der Westallgäuer“.
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